Zukunft Langmatt — Bewahren und doch mit der Zeit gehen

Herzkammer – 30 Jahre Museum Langmatt, Ausstellungsansicht Museum Langmatt, 2020

Herzkammer – 30 Jahre Museum Langmatt, Ausstellungsansicht Museum Langmatt, 2020

Fokus

Das Museum Langmatt zeigt anlässlich seines 30-jährigen Bestehens die Schau ‹Herzkammer› und stellt zugleich die Weichen zur Sicherung seines Fortbestehens. Ein gezielter Bilderverkauf soll den finanziellen Bedarf decken, während die Anbindung ans Heute durch Einbezug zeitgenössischer Kunstschaffender, ­aktuell durch Sandra Senn, gewährleistet wird. 

Zukunft Langmatt — Bewahren und doch mit der Zeit gehen

Das Museum Langmatt blickt auf eine bewegte und erfolgreiche Museumsgeschichte zurück. Beheimatet ist es in der grossbürgerlichen Villa, die der Architekt Karl ­Moser für die Familie Brown-Sulzer erbaut hatte. Dank John Brown, dem letzten Sohn der Gründerfamilie von Brown, Boveri & Cie (ABB), gingen das denkmalgeschützte Wohnhaus und weitere Annexgebäude aus der Belle Epoque samt Grundstück, Wertschriften und der bedeutenden Sammlung als privatrechtliche Stiftung an die Stadt Baden. Dem derzeitigen Museumsdirektor Markus Stegmann ist es verdienstvoll gelungen, die eher kleine Institution mit einem hochkarätigen Ausstellungs- und Vermittlungsprogramm über den Sammlungsschwerpunkt Impressionismus hinaus für ein regionales, aber auch weit hergereistes Publikum zu öffnen. Die Besucherzahlen stiegen. Gewinnbringend scheinen die Neustrukturierung von Abläufen sowie die innovativen gesellschafts- und familiengeschichtlichen Blickwinkel zu sein. Die Wechselwirkung mit zeitgenössischen, zuweilen kritischen oder erheiternden Positionen und Kooperationen mit anderen Institutionen wie aktuell der Stadtökologie Baden für den Einsatz von Wildbienen im Park sorgen für einen inspirierenden Streifzug durch Raum und Zeit.

Strategie: Zukunft Langmatt
Trotz dieses Erfolgs musste eine neue Strategie zur ‹Zukunft Langmatt› dem Einwohnerrat Anfang Juni 2020 vorgelegt werden. Denn seit vielen Jahren leidet das Gebäude unter Substanzverlust und muss dringend saniert werden. Zudem ist das Stiftungsvermögen nahezu erschöpft, was das Überleben des Museums gefährdet. Unter Beratung des erfahrenen Kulturunternehmers Martin Heller und seines Team fand man einen Lösungsansatz in einer klaren Verteilung der Lasten: Die Stadt Baden leistet zukünftig mithilfe von Kanton und Dritten Beiträge an die Instandsetzung der Immobilie, während die Stiftung für eine finanziell gesunde Basis des Betriebs verantwortlich ist. Nach Annahme des Vorschlags durch den Stadtrat wird nun als Teil der umfassenden denkmalhistorischen und bautechnischen Sanierung beispielsweise der Eingang der Villa wieder in den ursprünglichen Zustand rückgebaut, während Kasse und Shop verlegt werden. Ein filigraner Pavillon könnte als Unterstand für Vernissagen und andere Veranstaltungen dienen. Nach einer zweijährigen Bauplanungsphase werden die präzisen Sanierungskosten dem Volk voraussichtlich 2023 zur Abstimmung vorgelegt. Für die Sanierung der Stiftung wurde laut Markus Stegmann und Martin Heller im Vorfeld sorgfältig nach Lösungen und Geldquellen gesucht – benötigt werden etwa 40 Mio. Franken, um mit den Zinsen auf lange Frist nachhaltig arbeiten zu können. Nach umfassenden, auch rechtlichen Abklärungen etwa hinsichtlich Kulturgütergesetz ergab sich als Ultima Ratio ein Bilderverkauf.
Bis anhin galt ein Bilderverkauf als Tabu, war zwar als Praxis in den USA, doch nur selten in Europa bekannt. Im spezifischen Fall der Langmatt macht er offenbar Sinn. Gemäss Stifterurkunde darf der Kernbestand mit den Hauptwerken wie Paul Cézannes ‹Die Badende›, um 1895/96, oder Paul Gaugins ‹Stillleben mit Früchteschale und Zitronen›, 1890, ohnehin nicht angetastet werden. Der Wert von zwei bis drei Gemälden aus der «2. Liga» sollte reichen, um die nötige Summe zu decken.
Es wird betont, dass der Ertrag nicht für Baukosten aufgewendet wird (das ist der Zuständigkeitsbereich der öffentlichen Hand), sondern die Lebensfähigkeit des Museums garantiert. Dieses stellt für die Stadt Baden in der Verschränkung von Lokal- und Industriegeschichte mit dem bestehenden Ensemble einen einzigartigen Wert dar und bietet den Ausgangspunkt für eine tragfähige Zukunftsstrategie in einer prosperierenden Umgebung zwischen Bädern, Industrie und Innenstadt.

Sandra Senn: Ich stell die Wiese in die Vase
Das Museum Langmatt bietet zudem zeitgenössischen Kunstschaffenden eine Matrix, um sich einerseits spezifisch mit dem historischen Bestand und mit dem grossbürgerlichen Familienleben der Browns auseinanderzusetzen, andererseits diese Themen als universelle Anliegen und allgemein menschliche Erfahrungen zu erweitern. Als Gastkünstlerin der Sammlungsausstellung ‹Herzkammer – 30 Jahre Museum Langmatt› fängt die gebürtige Badenerin Sandra Senn (*1973) die historische Atmosphäre der Villa in oszillierenden kurzen Sprachbildern ein. Dafür hat sie sich die Frage gestellt, ob Sprache den historischen Bestand wie unter einem Brennglas fokussieren und gleichzeitig darüber hinausweisen kann, um allgemein menschliche Erfahrungen aufscheinen zu lassen. Zudem zeigt Sandra Senn im grünen Salon neue malerische Fotografien, die während ihrer Recherchen entstanden sind. Der Prozess der Arbeit ‹Ich stell die Wiese in die Vase›, 2020, sei etwas experimentell gewesen. Das Motiv habe sie durch eine transparente, mit Farbklecksen versehene Folie hindurch fotografiert. Danach wurde das unbearbeitete Handyfoto vergrössert und aufgezogen. Im Korridor ist ein poetischer und doch präziser, vieldeutiger Aphorismus angebracht: «Erinnerung streift fingerlos den Wänden entlang.» Und visionär kommentiert sie zu Pierre-Auguste Renoirs ‹Der Zopf›: «In den Augen deiner Bilder gehe ich dorthin, wo ich nie gewesen bin.» In diesem Sinne wünscht man sich, dass die musealen Herzkammern für das weltoffene Baden und das Publikum allgemein noch über Jahrzehnte hinweg fortbestehen und pulsieren.

Ursula Meier, Kunsthistorikerin, arbeitet und lebt in Zürich, ursulamei@sunrise.ch
 

Until 
06.12.2020

→ ‹Herzkammer – 30 Jahre Museum Langmatt› und ‹Sandra Senn – Ich stell die Wiese in die Vase›, beide Ausstellungen bis 6.12.; mit Ausstellungspublikationen, Rahmenprogramm und Hörstücken zur Sammlung ↗ www.langmatt.ch

Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Sandra Senn 01.03.2020 to 06.12.2020 Exhibition Baden
Schweiz
CH
Herzkammer 01.03.2020 to 06.12.2020 Exhibition Baden
Schweiz
CH
Author(s)
Ursula Meier
Artist(s)
Sandra Senn

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