Isabelle Krieg — Rückführung und Wiedergeburt

Isabelle Krieg · Memento Mori Set, 2019; Urschnur, 2016; Wie viele Erden, 2020; Ausstellungsansicht Ruinaissance, MAH Fribourg © ProLitteris

Isabelle Krieg · Memento Mori Set, 2019; Urschnur, 2016; Wie viele Erden, 2020; Ausstellungsansicht Ruinaissance, MAH Fribourg © ProLitteris

Besprechung

In den letzten Jahren hat sich Isabelle Krieg weit weg von ihrer Heimatstadt bewegt. Nun kehrt sie nach Fribourg zurück ins Museum für Kunst und Geschichte, wo sie alte und neue Werke miteinander verbindet. Eine Wiedergeburt? ‹Ruinaissance›, aus «Ruine» und «Naissance», heisst die Schau.

Isabelle Krieg — Rückführung und Wiedergeburt

Freiburg — Isabelle Krieg (*1971) ist eine ebenso sensible wie humorvolle und vielfältige Künstlerin. Diese erste grosse Schau in ihrem Heimatkanton zeigt rund fünfzig Werke aus den letzten Jahren – Objekte, Videos, Installationen und Fotografien, die zusammen wie ein riesiges Stillleben oder eine Vanitas-Darstellung wirken. Eine solche findet man buchstäblich bei der Fotosereie ‹Laufender Blumenstrauss›, welche die stete Erneuerung eines Bouquets während eines Jahrs dokumentiert, oder beim grossformatigen Wandbehang ‹Memento Mori Set›, einem Totenkopf aus Tischsets.
Die Metaphysik ist nicht das einzige Anliegen dieser engagierten Künstlerin. Im Jahr 2007 präsentierte sie im Pasquart in Biel die Schau mit dem anspielungsreichen Titel ‹Krieg macht Liebe›. Deutlich spürt man die Empörung der Künstlerin in dem Projekt ‹Unerledigt›, das sie 2003 während des Irakkriegs begann und immer weiter ausbaute – eine Ansammlung von vermeintlich schmutzigem Geschirr auf einem langen Tisch: Mittels einzigartiger Maltechnik malt Krieg die Gesichter von Protagonist:innen – bekannte wie Angela Merkel oder Barack Obama oder unbekannte Betroffene – aus Kakao, Kaffee oder Cappuccinoschaum in Kaffeetassen. Dies ist als «politische Metapher von der Überfüllung unserer Köpfe mit Bildern» zu verstehen. Je nach Perspektive kann der Tisch auch als Schlachtfeld wahrgenommen werden. Am Ende des Tisches befindet sich eine kleine Installation aus Salz- und Pfefferstreuern, deren Streulöcher den Satz «Eigentlich wollte ich etwas anderes» aufleuchten lassen. Sie scheinen wie kleine Zinnsoldaten angeordnet zu sein. Immer dieses Hin und Her zwischen Lächeln und Ernsthaftigkeit. So auch in dem Objekt ‹Wie viele Erden›: Aus der Ferne sieht man eine riesige Perlenkette. Aus der Nähe eine Kette aus Globen, die uns daran erinnert, dass die Menschen drei Planeten pro Jahr benötigen würden, wenn sie denselben Lebensstil wie die Schweizer:innen hätten.
Trotz allem hat Isabelle Krieg ein Ziel; sie möchte hundert Jahre alt werden und ihre Installation ‹Was noch zu tun ist› vollenden: Dann wird die Papierschale, in der sie ihre täglichen Notizen sammelt, eine perfekte Kugel sein. «Kunst ist vielleicht kein Allheilmittel (für mich schon) und verändert die Welt nur wenig», schreibt Krieg in einem berührenden Katalogtext, «aber sie ist die Sprache, in der ich mich am besten ausdrücken kann. Sie ist die Handlung, in die ich mich stürze, wenn ich mich hilflos fühle, und mit der ich mich an die Öffentlichkeit wende.» Mit kleinen, unauffälligen, fast banalen Dingen macht Krieg definitiv grosse Kunst. 

Until 
18.09.2022
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Isabelle Krieg 06.05.2022 to 18.09.2022 Exhibition Fribourg
Schweiz
CH

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