Das imaginäre Haus — Handwerk und Transzendenz

‹Das imaginäre Haus›, Ausstellungsansicht Gewerbemuseum Winterthur, mit Werken von Aiko ­Watanabe (Objekte) und Uwe Wittwer (Kohlezeichnung). Foto: Milad Ahmadvand

‹Das imaginäre Haus›, Ausstellungsansicht Gewerbemuseum Winterthur, mit Werken von Aiko ­Watanabe (Objekte) und Uwe Wittwer (Kohlezeichnung). Foto: Milad Ahmadvand

Besprechung

Ausgehend vom japanischen Filmklassiker ‹Ugetsu ­monogatari› – zu Deutsch ‹Erzählungen unter dem Regenmond› – vereinigt die Ausstellung ‹Das imaginäre Haus› unter einem Dach im Gewerbemuseum drei Positionen, die poetisch nach dem vermeintlich Einfachen in der Kunst suchen.

Das imaginäre Haus — Handwerk und Transzendenz

Winterthur — Das Gewerbemuseum Winterthur erweitert unter Direktorin Susanna Kumschick seit einigen Jahren die gängigen Begrifflichkeiten von Handwerk, Kunst und Gegenstand. Die Schau ‹Das imaginäre Haus›, die Arbeiten auf Papier von Uwe Wittwer (*1954), Steinzeugobjekte von Aiko Watanabe (*1971) und Kurzgedichte von Jürg Halter (*1980) zeigt, fügt sich wunderbar in diese Reihe ein. Ein wenig didaktisch werden wir als Besucher:innen von einem Video begrüsst, das uns in das Schaffen der Keramikerin Aiko Watanabe einführt. Die Autodidaktin arbeitet als eine der wenigen Frauen in Japan mit holzbefeuerten Keramiköfen, lernen wir, nach einer Technik, wie sie auch schon am Biwa-See des 16. Jahrhunderts gebräuchlich war – in jener Zeit also, in der ‹Ugetsu monogatari› angesiedelt ist. Der Film von 1953 gilt als Meisterwerk des Regisseurs Kenji Mizoguchi. Er war der erste in Europa populäre Film des japanischen Nachkriegskinos. Seine Erzählung ist nicht linear, von übernatürlichen Gegebenheiten geprägt und in einer Bildsprache gehalten, die auf starke Schwarz-Weiss-Akzente sowie den subtilen Einsatz von Nebel und Unschärfen setzt. Im Zentrum steht eine Töpferfamilie, und dem Handwerk wird eine tragende Rolle zuteil.
Hier setzt die Ausstellung an. Bei den Übergängen zwischen dem Objekt, seiner Bedeutung, Vermittlung und den Erinnerungen, die es evoziert. Uwe Wittwer hatte sich bereits früher mit Filmstills auseinandergesetzt und Fragen nach Bildgedächtnis, Funktion, Original und Kopie gestellt. Ein Pfeiler des «imaginären Hauses» sind seine Kohlezeichnungen, die nicht nur das Chiaroscuro des Filmes widerspiegeln, sondern auch das Spektrale, Verwunschene der frühen Kinoerfahrung transportieren. Das Schwebende, Ungefähre, Poetische eines Augenblicks, künstlich-künstlerisch suchend dargestellt, steht im Zentrum der Serie. Diese ephemeren Qualitäten kollidieren aufs Fruchtbarste mit den sehr konkreten Oberflächen der Keramik von Watanabe. Die an Haiku erinnernde Texte von Halter – bildhaft, als Projektion oder gesprochen präsent – schwingen mit ein.
Ein Begriff aus der japanischen Ästhetiktheorie, «Yūgen» , kommt zum Vorschein. Yūgen ist eine Stimmung, die Andeutungen einer Transzendenz eröffnet – jedoch nicht jener unsichtbaren Welt hinter der sichtbaren, sondern einer innerweltlichen Tiefe des Erfahrbaren. Dieses Yūgen wird erlebbar an der Schnittstelle zwischen gezeigtem Handwerk, Kunst und Gegenständlichkeit. 

Until 
22.10.2023

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