Wellenreiter und Strandsegler

Michael Beutler

Michael Beutler

POTPOURRI, 2004, Ausstellungsansicht Oldenburger Kunstverein,
© Sabine Reitmaier

POTPOURRI, 2004, Ausstellungsansicht Oldenburger Kunstverein,
© Sabine Reitmaier

Fokus

Ob er nun den Raum mit voluminösen, unförmigen Kartonskulpturen fast versperrt oder einen klassischen White Cube mit einer dreidimensionalen Zeichnung aus stoffumwickelten Stahlbändern bespielt - der in Berlin lebende Künstler Michael Beutler entwickelt seine Arbeit meist direkt vor Ort. Dabei ist der Entstehungsprozess ebenso wichtig wie die präsentierte Arbeit. In einer Art «Tour de force», welche der junge Künstler dieses Jahr durch die Kunstvereine Oldenburg, Heilbronn, Braunschweig und Solothurn unternimmt, wird er für jeden der Kunsträume eine neue spezifische Arbeit entwickeln.

Wellenreiter und Strandsegler

Über die künstlerischen Prozesse von Michael Beutler

Der Auftakt dieser Ausstellungstour erfolgte im März dieses Jahres in Oldenburg, der Heimatstadt des Künstlers: Die klaren, modernistischen Räume des Kunstvereins strahlten plötzlich die Atmosphäre einer Heimwerkstatt oder einer improvisierten Hütte aus. Aus gewellten, verschiedenfarbigen Papierbahnen, die er auf Dachlattengerüste befestigte, hat Michael Beutler zusätzliche Wände eingezogen; lamellenartig übereinander gehängt, bedeckten die Papierbahnen auch die Wände des Ausstellungsraumes. Aus demselben Material war mitten im Raum eine Art Unterstand aufgestellt, der je nach dem an ein Schrebergartenhäuschen oder ein Garagentor erinnerte. Daneben war eine Art Tapeziertisch platziert, dessen Platte ebenfalls aus dem gewellten Papier gefertigt wurde. Michael Beutler inszenierte so eine Assemblage aus verschiedenen architektonischen Formen, die mit ebendieser Wellenstruktur assoziiert werden. «Potpourri», 2004, ist denn auch der Titel dieser dichten Zusammenstellung.

Die Wellenstruktur hat Beutler in der Architektur des Kunstvereins selbst gefunden: In den Holzlamellen der Decke und den Faltenwürfen der Vorhänge. Zur Vervielfältigung des architektonischen Musters hat der Künstler eine gewaltige, einem Webstuhl nicht unähnliche Maschine gebaut. In dem Gewirr von Latten, Plastikbändern und Holzrollen, zwischen unzähligen Verstrebungen und Verbindungen muss man eine Weile suchen, um die Funktionsweise der Maschine zu erkennen: Zwei Walzen pressen die Wellen ins Papier, Drähte werden in einem ausgeklügelten System an beiden Seiten der Papierbahn festgeklebt, um so die Stabilität zu gewähren. Auf dem improvisierten Rollband liegt noch die letzte Papierbahn, die durch die Walze gezogen wurde. An der Anordnung der Dinge lässt sich der Entstehungsprozess der Installation ablesen.

Raum(er)greifend   Ausgangspunkt der Arbeiten von Michael Beutler ist der Ausstellungsraum an sich. «Es hat sich so ergeben, dass ich meine Ausstellungen direkt vor Ort aufbaue und sich auch vieles erst in dem konkreten Raum entscheidet, damit angefangen, was ich dort überhaupt tue.» Er beobachtet und untersucht den Raum genau - funktionale Mängel, Leerstellen, architektonische Besonderheiten oder Details können ihm Anregung sein. In Oldenburg setzte er der klaren modernistischen Architektur, die geschwungene, bewegte Struktur der Vorhänge entgegen, verwinkelte den einzigen grossen Ausstellungsraum mit den leichten, bunten Papierwänden. Mit seinen Transformationen des Ausstellungsraumes orientiert sich Beutler an der künstlerischen Praxis der siebziger Jahre. Dabei spielt die Verschiebung und Umdeutung der Funktionalität und der Wahrnehmung des Raumes eine wichtige Rolle.

Zufall gibt es nicht (Kurt Schwitters)   Beutlers Vorgehen ist ein spontanes, ein experimentelles: «Ich suche gerade bei der Fertigung noch Möglichkeiten, die sich auftun und das ist meist sehr experimentell und kann auch in die Hose gehen.» Und doch überlässt Beutler die Entstehung seiner Arbeiten nicht blind dem Zufall. Er konstruiert Handlungsabläufe, stellt (Spiel-)Regeln auf, die dem Prozess eine Struktur, dem Ablauf ein System geben. In der früheren Arbeit «Copygraffiti», 2002, legte er eine Pappe willkürlich auf die Kopierfläche. Dadurch entstanden Blätter mit jeweils unterschiedlich angelegten schwarzen Flächen. Diese A4-Blätter hängte er schachbrettartig an die Wand, um schliesslich die verbleibenden Lücken mit neuen Kopien zu füllen, bei denen er die Pappe so platzierte, dass sich die schwarzen und weissen Flächen der nebeneinander hängenden Papiere ergänzten.
Mit einem so zurecht gelegten System gibt sich der Künstler den exakten Handlungsablauf vor. Trotzdem wird das Resultat, das Wandbild vom Zufall bestimmt.

Welcome to the Machine (Pink Floyd)   Eine weitere Methode, den Prozess zu organisieren ist die Benutzung von Maschinen. Für «Copygraffiti» nahm Beutler ein herkömmliches Kopiergerät zu Hilfe. Meistens jedoch baut er die Maschine selber - einfache, mechanisch und mit der eigenen Körperkraft zu betreibende Geräte, die eine bestimmte Funktion im Arbeitsprozess übernehmen. Einmal konstruiert und in Betrieb gesetzt, steuern sie einen Teil der künstlerischen Handlung - sie produzieren und reproduzieren nach dem vorgegebenen Schema. Anders als die Maschinen, die Vertreter der kinetischen und technologischen Kunst konstruierten (man denke an Jean Tinguelys Zeichenmaschine «Métamatic»), übernehmen Beutlers Maschinen nicht den künstlerischen Akt an sich, sondern bestimmen lediglich einen Teil des Entstehungsprozesses. So legt die «Potpourri»-Maschine nicht nur die Wellenstruktur fest, gegeben durch die Breite der Walze ist auch diejenige der Papierbahnen unveränderbar, aus denen Beutler schliesslich die einzelnen Elemente konstruierte. Beutlers Maschinen sind zwar Teil der Installation, doch liegt ihre Bedeutung nicht im Objekt (als Kunstobjekt), sondern in ihrer Funktion.

Mit Christoph und Lucie   Der Titel einer Arbeit, die er im letzten Jahr in der Galerie Barbara Wien in Berlin zeigte, verrät die dritte Methode des gelenkten Zufalls in der Vorgehensweise von Michael Beutler: Die Arbeit mit Freunden. Durch ihre handwerkliche Unterstützung, wie sie Christoph und Lucie bei dieser Installation aus Pappbechern leisteten, die mit einer speziellen Vorrichtung mit Beton gefüllt und zu drei schmalen Türmen aufeinander geschichtet wurden, bestimmen die Freunde je nach dem auch andere Vorgaben der Arbeit mit: Auch für «Strandsegler Lolita», 2003, einer filigranen, leichten Installation in der Galerie Michael Neff, Frankfurt am Main, benötigte Beutler die Assistenz eines Freundes. Mittels einer dafür konstruierten Maschine umwickelte der assistierende Freund Stahlbänder mit verschiedenfarbigem Futterstoff, während der Künstler den Stoff in die Maschine einfädelte. Die Wahl der Stoffe, die Länge der Stahlbänder und somit Farbe und Grösse der Installation überliess Michael Beutler auf diese Weise seinem Freund.

Just do it yourself   Wie derzeit viele KünstlerInnen (wie Björn Dahlem, John Bock, Katja Strunz, Manfred Pernice oder Thomas Hirschhorn) - greift Michael Beutler auf einfache, «arme» Materialien zurück, die er entweder vor Ort oder im Baumarkt findet - Dachlatten, Karton, Papier, Plastikfolie. Es geht ihm dabei weniger um «die Verweigerung der grossen Geste und der klassischen Disziplinen wie Malerei und Skulptur» (Claudia Müller) als vielmehr um einen ökonomischen und funktionalen Einsatz des Materials. Für die Ausstellung «Utopia Station» in der Städtischen Galerie Sindelfingen sammelte Beutler mit zwei Freunden in der ganzen Stadt Pappkisten unterschiedlicher Grössen und verarbeitete diese mittels eines «Kartonwicklers» zu riesigen, unförmigen Skulpturen, indem er sie mit einer Folie, wie sie von den Bauern zum Strohballen verpacken benutzt wird, einwickelte. Die recycelten Kartonkisten bestimmten dabei das Volumen, die Folie die Form der Skulptur. Ähnlich einem begeisterten Heimwerker oder dem einfallsreichen Erbauer von improvisierten Architekturen gilt Beutlers Interesse der sinnvollen Kombination und einer klugen Verwertung des verwendeten Materials.
Basteln ist Strategie und «Do it yourself» ist Methode, das Vorgegebene zu hinterfragen und in klaren, definierten Räumen Wellen zu sehen und die Strenge des White Cubes flott zu umsegeln.

Zur Zeit ist Michael Beutler noch bis zum 10.10. im Kunstverein Heilbronn zu Gast. Eine weitere Einzelschau folgt im Kunstverein Braunschweig vom 4.9. bis 7.11. Auf Einladung des Kunstvereins Solothurn realisiert Michael Beutler eine schwimmende Installation auf der Aare, die vom 26.9. bis ca. zum 15.10. zu sehen sein wird.Zu jeder Ausstellung erscheint eine Publikation, bereits erschienen ist der Katalog des Kunstverein Oldenburg: Potpourri. ? 9.? (Buchhandelspreis)

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