Henning Bohl in der Galerie Guenther/Borgmann

Henning Bohl · Theater Heute, 2004, Installationsansicht, Papier auf grundierter Leinwand, Holz, 380 x 394 cm, Courtesy Galerie Karin Guenther Nina Borgmann

Henning Bohl · Theater Heute, 2004, Installationsansicht, Papier auf grundierter Leinwand, Holz, 380 x 394 cm, Courtesy Galerie Karin Guenther Nina Borgmann

Besprechung

Henning Bohl sei einer, der alles zum Material mache, der «webt, verwickelt und weiter schraubt», schrieb die Kritikerin Michaela Eichwald 2003. Und in der Tat, wenn man seine Ausstellungen der letzten zwei, drei Jahre vergleicht, arbeitet er konsequent an einer
Stilisierung der Stile, an Formalisierungen von visuell codiertem Material. Mit meist allereinfachsten bildnerischen Mitteln setzt er Verweise, lässt scheinbar Unvereinbares zusammenprallen oder treibt Andeutungen in wechselseitige Auflösung. Umso obskurer ist dann oft, was übrig bleibt ? und genau darin liegt die besondere Qualität seiner Arbeit.

Henning Bohl in der Galerie Guenther/Borgmann

Bisher bewegte sich Bohl mit diesem Verfahren in recht abrupt wechselnden Referenzbereichen: Ging es etwa 2002 im Frankfurter Kunstverein um ästhetische Übersetzungen eines Bildarsenals alternativer Lebensentwürfe der siebziger Jahre, brachte er 2003 in einer Schau bei Borgmann/Nathusius, Köln, Protagonistinnen aus der Frühphase der Moderne ins Spiel. Unter dem Titel «Die kubistische Tagesdecke» bezog er sich auf die Bauhaus-Künstlerinnen Sophie Taeuber-Arp, Anni Albers und Sonia Delaunay. Was wie die Aufbereitung eines ungeschriebenen Stücks Kunstgeschichte daherkam, erwies sich aber rasch und umso drastischer als die umdeutende Ausbeutung modernistischer Ansätze aufs dekorative Potenzial. Er übertrug das der titelgebenden Delaunay-Decke abgeschaute Patchwork-Verfahren in ziemlich rauer Attitüde aufs Collagieren von Bildwerken, die mittels Sprüh- und Schablonentechnik und wie in blosser Multiplizierung leerer Passepartout-Strukturen zu ziemlich freien Interpretationen heranwucherten.

Bei Guenther/Borgmann wechselt Bohl nun erneut das Bezugsfeld, nicht aber das Verfahren: Die dort errichtete Bilderwelt (alle Arbeiten aus 2004) spielt mit malerischen Konventionen, Rückbezügen auf eigene Werke und die anderer Künstler sowie einem klischierten Japonismus. Bohl zeigt die zwei Zeichnungsserien «Education», die Collagen «Aspen Students», «Bonmot», «Kabuki Today» und die (an ein gleichnamiges Werk von Mike Kelley anknüpfende) Installation «Toward a Coffeetable Book» aus vier in die Raumecken gefügten Ikea-Tischen und darauf abgelegten Masken. Optisch dominiert wird die Schau jedoch von «Theater Heute»: Aus mehreren, verschieden grossen Leinwänden hat Bohl mitten im Raum eine Zwischenwand errichtet. Auf die ungrundierten Bildträger sind Scherenschnitte aus farbiger Bastelfolie geklebt. Man erkennt sparsam arrangierte dünne Bambusstämme und -blätter sowie weitere, nicht gleich zu identifizierende grafische Elemente, die sich als Versatz- und Reststücke aus früheren, ähnlich gearbeiteten Bildern Bohls erweisen. In jenen Bildern hatte er abstrakte Elemente zu stilisierten Gesichtern zusammengefügt - spielerisch schematisierte Fratzen, die an japanisches Kabuki-Theater erinnern. Die neuen Werke scheinen nun quasi deren Auflösung zu inkorporieren. Und wie ein versteckter Hinweis ist ein solches Gesicht als Miniatur auch in die aktuelle Arbeit integriert. Die Scherenschnitt-Technik erinnert unmittelbar an Matisse, das Bambusmotiv ist übers Spiel mit Dekoration hinaus auch Anklang an bestimmte Arbeiten Cosima von Bonins.

Bohl errichtet hier aufs Äusserste reduzierte Statements, in denen kulturell aufgeladene, karikierte Adaptionen des Exotischen vorgeführt werden. Insgesamt interessiert ihn dabei jener Punkt, an dem utopische Gehalte in der gesellschaftlichen Aneignung verwässern und als Klischees zurückschauen. Und Bohl, in der Rolle des ironischen Gegenaufklärers, arbeitet an der Verzerrung kräftig mit.

Until 
15.11.2004
Author(s)
Jens Asthoff
Artist(s)
Henning Bohl

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