Mediale Vermittlung zwischen Empathie und Amnesie

Johanna Kandl · O.T. (You never know?), 2004, Tempera auf Holz, Courtesy Galerie Christine König, Wien, Foto: Serge Hasenböhler

Johanna Kandl · O.T. (You never know?), 2004, Tempera auf Holz, Courtesy Galerie Christine König, Wien, Foto: Serge Hasenböhler

Taryn Simon · Calvin Washington, 2002, Fotografie, 121.9 x 157.5 cm, courtesy Gagosian Gallery, New York

Taryn Simon · Calvin Washington, 2002, Fotografie, 121.9 x 157.5 cm, courtesy Gagosian Gallery, New York

Fokus

Videoprojektionen in Dokumentarfilmformat und soziologische Fallstudien haben spätestens seit Grossausstellungen wie der documenta XI unübersehbar Einzug in die Museen gehalten. Nun ist der «Documentary Turn» in der zeitgenössischen Kunst selbst zum Gegenstand näherer kuratorischer Betrachtung geworden. In der Schweiz untersuchen derzeit drei Ausstellungen in Luzern, Muttenz und Nyon Aspekte des Dokumentarischen unter unterschiedlichen Gesichtspunkten. Alle drei beweisen, dass das Thema weder «out» ist noch langweilig didaktisch sein muss.

Mediale Vermittlung zwischen Empathie und Amnesie

Zwei Ausstellungen zum Dokumentarischen in der Kunst

Dem Dokumentarischen geht es um Objektivität, Wahrheit und Authentizität. Gleichzeitig ist dieser Anspruch in dem, was in den Medien unter dem Deckmantel «Doku» kursiert, alles andere als erfüllt. Seit Anbeginn der Fotografie sind Medienbilder manipulierbar und kontextuell verortet. Eignen sich Künstler heute dokumentarische Methoden an, so sind sie sich deren Konstruiertheit sehr wohl bewusst. Dies zeigen die drei Ausstellungen, welche den Themenbereich aktuell umkreisen.

Für «The Need To Document» hat Sabine Schaschl-Cooper Künstler aus west- und osteuropäischen Ländern versammelt, die ihre dokumentarische Haltung aus einer inhaltlichen wie methodischen Notwendigkeit heraus entwickelt haben. Der Eindruck der politischen Umbrüche der letzten Jahre ist in den Arbeiten ebenso präsent wie ein unverkrampfter Umgang mit Geschichte und nationaler Identität. Die Darstellung sozialer Realität ist eng mit der Reflexion der eigenen Arbeitsweise verknüpft. Mircea Cantors «Double Heads Matches» erscheint zunächst wie ein Lehrfilm über die Produktion von Streichhölzern in einer rumänischen Fabrik. Erst als den Hölzern ein zweiter Brennkopf verpasst wird, ahnt man, dass es sich hier nicht lediglich um eine Studie postkommunistischer Arbeitsverhältnisse handelt, sondern um ein künstlerisches Projekt. Das subtil Absurde von Dokumentation und künstlerischer Produktion zeichnet auch die selbstironische Reflexion der polnischen Künstlergruppe Azorro über Bedingungen des Kunstmachens aus. Olivier Zabats sensibler Kurzfilm über junge Mädchen am Strand von Rio, die von Gewalterfahrungen in den Favelas erzählen, oder Jens Haanings Fashionportraits von Immigranten in Dänemark bedienen sich statt klassisch-objektiver Berichterstattung einer fast poetischen Subjektivierung, um Realität begreifbar zu machen und Darstellungsmodi zu hinterfragen, während Zbyn?ek Baladrán Dokumente aus Filmarchiven mit selbstzensierten Schriftfragmenten kommentiert. Joachim Koesters atmosphärische Fotoessays auf den Spuren Bram Stokers oder Immanuel Kants dokumentieren die Präsenz des Abwesenden, und Kirsten Pieroth thematisiert in konzeptuellen Installationen aus Fakten und Fiktion über den Erfinder Thomas A. Edison das Reproduktionsverfahren als Mittel von Dokumentation und Fälschung gleichermassen.

Szenenwechsel   Ein Mann rennt über eine Brücke, ohne je das andere Ende zu erreichen. Die beklemmende Atmosphäre der Arbeit von Willie Doherty erschliesst sich erst durch Hintergrundinformation ganz: Die Brücke im nordirischen Derry, der Heimatstadt des Künstlers, war einer der Brennpunkte im Nordirlandkonflikt. Der Film ist eher visualisierter Albtraum als Dokument, doch könnte Dohertys Anliegen, «der offiziellen Berichterstattung eigene Bilder entgegenzusetzen», als Link zwischen den unterschiedlichen dokumentarischen Ansätzen beider Ausstellungen fungieren. «Reprocessing Reality» nimmt die Realität selbst ins Visier. Eine Realität, die abgebildet, vervielfacht, manipuliert und verzerrt wird, bis sie sich letztendlich selbst in Frage stellt. Was sagen Bilder aus? Was verraten sie über den Blick des Dokumentierenden und des Betrachters? Die von Claudia Spinelli konzipierte Schau untersucht das Verhältnis von Film und Kunst und ist dabei eine kleine Schule des Hinsehens. Robert Franks autobiografische Kamerafahrt durch eigene und fremde Bilder der Erinnerung illustriert den Ausstellungstitel erstaunlich präzise. Taryn Simons inszenierte Fotografien von aufgrund falscher Identifikation irrtümlich verurteilter Personen an potenziellen Tatorten und Walid Raads fiktive Bildarchive über die Libanonkriege untersuchen die suggestive Kraft von Bildern - und benutzen sie gleichzeitig zur Sichtbarmachung verdeckter Tatsachen. Und während Omer Fasts Doku-Feature über Darsteller in einem Living History Museum das verwirrende Spiel mit Realität und Fiktion, erlebter Geschichte und gespielter Inszenierung durch sezierende Eingriffe in das Material subtil auf die Spitze treibt, stellt Christoph Büchel die brutale Wahrheit aus. Es dauert eine Weile, bis einem bewusst wird, dass man hier kein Computerspiel vor sich hat und die kleinen weissen Punkte auf dem Bildschirm um ihr Leben rennende Menschen im Visier eines Amerikanischen AC-130-Bombers in Afghanistan sind. Die Aufnahmen stammen aus dem Internet. Christoph Draegers Postkatastrophenbilder schliesslich führen vor allem eines vor Augen: die schleichende Amnesie medialer Bilder.

Das Dilemma liegt auf der Hand: Der aufklärerische Anspruch des Dokumentarischen widerlegt sich selbst durch die notwendige Infragestellung von Authentizität und Erinnerungswert von Bilddokumenten. Die Rolle der Kunst kann jedoch vor allem darin bestehen, bestehende Repräsen-tationsformen durch Dekonstruktion ihrer eigenen Mittel zu untergraben und der autoritären Manipulation eine eigene Fiktion entgegenzusetzen. Trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze bieten beide Ausstellungen spannende und überzeugende Reflexionen über die Bedeutung und den Bedeutungsverlust von dokumentierender Bildproduktion.

Institutionensort descending Country City
Château de Nyon Switzerland Nyon
Kunsthaus Baselland Switzerland Basel/Muttenz
Kunstmuseum Luzern Switzerland Luzern

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