Melanie Gugelmann bei Renée Ziegler und im Ausstellungsraum 25

Melanie Gugelmann · Wildhorses - Underground 2, 2005, Acryl und Öl auf Leinwand, 180 x 366 cm, Courtesy Serge Ziegler Galerie, Zürich

Melanie Gugelmann · Wildhorses - Underground 2, 2005, Acryl und Öl auf Leinwand, 180 x 366 cm, Courtesy Serge Ziegler Galerie, Zürich

Besprechung

Melanie Gugelmann eignet sich malend Metropolen an. Sie dekonstruiert und konstruiert Architekturen und aktiviert im Gewirr der taumelnden Horizontalen und Vertikalen vielfältige Netze.

Melanie Gugelmann bei Renée Ziegler und im Ausstellungsraum 25

Man glaubt in einem Set des Films «The Fifth Element», 1997, von Luc Besson umherzutorkeln und gleichzeitig fühlt man sich angesichts der überdimensionalen und farbintensiven Stadtansichten von Melanie Gugelmann an wuchernde asiatische Städte erinnert. Stundenlang könnte man vor diesen überquellenden Gemälden stehen und entdeckt immer wieder Neues im Gewirr aus Hochhäusern, spiegelnden Fassaden, den tiefen Strassenschluchten, aufdringlichen Werbeslogans und slumartigen Häusergruppen. Obwohl keine Menschen zu sehen sind, ist ihre Präsenz fühlbar: Hinter Hochhausfassaden und als Leuchtspur von vorbeiflitzenden Autos. Die Objekte in diesen riesigen Bildern scheinen mit Vektoren verstrebt. Man hangelt sich an ihnen entlang, saust wie Spiderman durch die Lüfte, landet hier auf einem Dach, plumst dort in eine Brachfläche. Die Stadt als Taumel der Sinne in der Vermischung von existierenden und medialen Bildern, eine Eloge auf das urbane Leben schlechthin.

Die junge Zürcher Künstlerin Melanie Gugelmann (*1970 in Langenthal/BE), welche die Mode Design Schule Zürich absolviert hat und bildende Kunst an der HGKZ studierte, ist zweifellos fasziniert von Metropolen, von ihrer flirrenden Energie, dem atemlosen Rhythmus und der schlaflosen Intensität und last but noch least unserer weltweiten Vernetzung. Mit Fotoapparat und Videokamera ausgerüstet, schlendert sie beispielsweise durch Berlin, Dublin und Zürich, zwischen denen sie pendelt, und lichtet Grossbaustellen, Brachen und immer wieder Wolkenkratzer ab. Diesen Fotografien entnimmt sie einzelne Motive, die sie sich mittels Öl und Aquarell aneignet. Dabei dekonstruiert sie die Struktur der Architekturen und fügt die disparaten Elemente wieder zusammen. Diese überblendet sie und schichtet sie hintereinander, wodurch räumliche Durchblicke freigegeben werden und der Eindruck einer fieberhaften Bautätigkeit entsteht. Wie Melanie Gugelmann betont, muss sie von Anfang an über ein bewusstes Raumgefühl verfügen, weil ihr sonst der kompositorische Prozess entgleitet und in Chaos mündet. Dennoch erscheint das Chaos auf verschiedenen Ebenen, sei es als Metapher für die Transformation der Metropolen oder für die Fragilität der Stadtgebilde und die Zurückdrängung der Natur. Zum Beispiel flüchten in «Wild Horses» «Marlboro»-Pferde, die mit Bleistift knapp umrissen sind, vor aus dem rechten Bildrand hereinbrechenden Wassermassen. Oberhalb von ihnen steht eine einstürzende Holzhütte, die eigenartig quer in dieser - ebenfalls in sich zusammenbrechenden - Stadtlandschaft steht. Die Initialzündung für dieses Chaos muss in der im Hintergrund zuckenden blau-violetten Wolke gesehen werden. Im Gewirr der Gerüste, dem Widerspiel der Horizontalen und Vertikalen scheinen Gugelmanns frühere kleinformatige Arbeiten auf, die sie mit geschichteten geometrischen Formen überzogen und zu vibrierendem, zart schimmerndem Gewebe verdichtet hatte. Diese fein austarierten Kompositionen und ihr ausgewogenes Farbgefühl vermisst man etwas in den grossformatigen Stadtwucherungen.

Until 
16.12.2005

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