Leidenschaftliche Literaturreferenzen

Allen Ruppersberg, Courtesy Stefan Römer

Allen Ruppersberg, Courtesy Stefan Römer

The Singing Posters Part I - III (Poetry Sound Collage Sculpture Book) - Allen Ginsberg's Howl by Allen Ruppersberg, 2003/2005
Ergänzend zur Wandinstallation wird die Bodeninstallation "Letter to a Friend", (1997/2005) gezeigt. Die Linoleumfliesen tragen die Namen von 1997 verstorbenen Künstlern, Musikern und Autoren: Martin Kippenberger, Robert Mitchum, Townes van Zandt, Allen Ginsberg ? Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf Courtesy Christine Burgin Gallery, New York/Studio Guenzani, Milano/Jürgen Becker, Hamburg/Karin Guenther Nina Borgmann, Hamburg

The Singing Posters Part I - III (Poetry Sound Collage Sculpture Book) - Allen Ginsberg's Howl by Allen Ruppersberg, 2003/2005
Ergänzend zur Wandinstallation wird die Bodeninstallation "Letter to a Friend", (1997/2005) gezeigt. Die Linoleumfliesen tragen die Namen von 1997 verstorbenen Künstlern, Musikern und Autoren: Martin Kippenberger, Robert Mitchum, Townes van Zandt, Allen Ginsberg ? Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf Courtesy Christine Burgin Gallery, New York/Studio Guenzani, Milano/Jürgen Becker, Hamburg/Karin Guenther Nina Borgmann, Hamburg

Fokus

"I saw the best minds of my
generation destroyed by madness, starving hysterical naked" - der berühmte Anfang von Allen Ginsbergs Gedicht "Howl" ist nur nach intensiver Suche auszumachen in dem Meer von bunten Textpostern. Nach einem Radiovortrag hat Allen Ruppersberg die Verse phonetisch übertragen und auf die monumentale Wand im Kinosaal der Düsseldorfer Kunsthalle gebracht. Allen Ruppersberg zählt zur ersten Generation amerikanischer Konzeptkünstler. Das folgende Gespräch wurde im Rahmen seiner Ausstellung "One of Many - Origins and Variants" geführt.

Leidenschaftliche Literaturreferenzen

Zu den Arbeiten von Allen Ruppersberg

Michael Krajewski: Der Bezug zur Literatur ist bei vielen Ihrer Arbeiten offensichtlich. Sie haben angefangen mit performativen Installationen: "Al's Bar", 1969, und "Al's Grandhotel", 1971, in Los Angeles. 1974 entstand "The Picture of Dorian Gray", ein handschriftlicher Text auf zwanzig Leinwänden. Wie haben Text und Literatur in Ihre Arbeit Eingang gefunden?

Allen Ruppersberg: Ich habe immer simultan in verschiedenen Medien gearbeitet. Anfangs habe ich mich mit Literatur beschäftigt auf der Suche nach einer gewissen Thematik, die ich in den Arbeiten um mich herum nicht sah.

MK: Meinen Sie konzeptuelle Arbeiten?

AR: Konzeptuelle Projekte und solche, wie sie an Kunsthochschulen entstanden: Abstrakter Expressionismus, Postmodernismus, Frank Stella ... Ich interessierte mich für Pop, aber das reichte mir nicht - deswegen suchte ich mehr nach einem Thema, das von Büchern und vom Film herkommt. Es war eher eine literarische Sensibilität oder Vorstellung als eine formale Annäherung, so wie sie in der Kunst damals verbreitet war.

MK: Kannten Sie andere Künstler, die mit Text arbeiteten?

AR: Ja, ich kannte Leute, die Literatur und Wörter benutzen - doch in vielen Fällen waren die Werke schlecht oder langweilig. Ihr Gebrauch von Sprache basierte lediglich auf einem allgemeinen Interesse an Schrift. Ich war selbstverständlich mit Konzeptkünstlern vertraut, mit Lawrence Weiner oder Hanne Darboven. Aber grundsätzlich war ich eher in Richtung Literatur orientiert. Und es gab damals in New York und Los Angeles auch ein Interesse am "Story telling"; Sie wissen vielleicht, dass Baldessari Arbeiten rezitiert hat.

MK: Könnte man eine politische Dimension in einigen Ihrer Arbeiten sehen? "Howl", dieses Ginsberg-Gedicht von 1955, das Sie auf die Wand in "The Singing Posters" übertragen haben, ist zu allererst ein Sprachkunstwerk, aber auch eine kritische Aussage zur Lage der amerikanischen Gesellschaft in den späten fünfziger Jahren.

AR: Meine Absicht mit der Arbeit "Howl" ist, das Publikum dazu zu bringen, das Gedicht wieder zu lesen.

MK: Ist es in Amerika nicht bekannt?

AR: Ich erfahre von Studenten, dass sie es nicht oder kaum kennen. Für mich war "Howl" damals eine grosse Offenbarung. Ich verstand es als Reaktion auf hoch modernistische Werke, die mich überhaupt nicht herausforderten. "Howl" ist für unsere Lage heute genauso relevant wie damals. Diesen Aspekt suche ich, ohne jedoch eine explizite politische Aussage machen zu wollen. In dieser Hinsicht bin ich mehr an Dichtung als an Politik interessiert. Doch Politik steht am Anfang.

MK: Sie ist die Basis?

AR: Ja, aber in Form eines Gedichts, eines sehr mächtigen Gedichts. Damit sind Positionen eingenommen worden und "Howl" hat auch heute Geltung. Die Leute müssen es hören, sehen, fühlen. Darum verwende ich Poster und die phonetische Schrift. Es auf diese Art zu präsentieren, macht es zu einem einprägsamen, visuellen Beispiel.

MK: Ihre Referenz zur Literatur basiert auf Inhalt und Reflexion. Haben Sie auch eine Leidenschaft für Bücher als Objekte?

AR: Ich denke, das ist offensichtlich. Ich stamme aus einer Familie von Lesern, immer waren Bücher im Haus. Das Buch als physisches und konzeptuelles Objekt hat mich immer fasziniert. Es gibt eine Zeichnung in "Kunstkammer", 1991/2005, die aus einem Essay von Michel Butor stammt: "The Book as Object". Ich bin ein Bildhauer, und deshalb steht die Körperlichkeit eines Dings im Fokus meiner Arbeit, ist Teil meiner Sensibilität als bildender Künstler. Dabei interessiert mich die Übersetzung dieser Materialität.

MK: Die Verwendung von Literatur schliesst erzählerische Momente mit ein. Wollen Sie mit dem Betrachter oder Leser in Dialog treten oder eher eine Botschaft präsentieren?

AR: Nein, es geht mehr um den Dialog, weil Lesen offensichtlich eine private Sache ist, und das liebe ich daran. Dieser private Dialog bedeutet, dass man langsamer wird, sich diesem Ort und diesem Modus anpasst, sich in die Welt der Bücher begibt. Gleichzeitig geht es um bildende Kunst, darum, jemanden über das Sichtbare hinauszuführen. Wenn man die Arbeiten in der Ausstellung sieht, sind die Objekte wie die Spitze des Eisbergs. Das Objekt ist nur ein Zeichen, das einen zu einem gewissen Punkt leitet, dort muss man selbst weitergehen. Das ist mehr eine Form des Lesens oder des Schreibens, jedoch auf visueller Ebene. Es ist meine eigene Form der privaten Sprache und ein Weg, mit dem Zuschauer in einen Dialog zu treten. Doch er muss seinen Part übernehmen, muss sich hineinbegeben. Deshalb ist die Idee der Partizipation des Betrachters die wichtigste Verbindung zwischen der Arbeit in den siebziger und in den neunziger Jahren. Diese war immer da.

MK: Zum Abschluss: Haben Sie je daran gedacht, selbst zu schreiben?

AR: Ja, ich schreibe schon längst: beispielsweise die Vorschläge für die verschiedenen Projekte, wie etwa das unrealisierte Konzept für Nordhorn oder das ausführliche für "Die beste aller Welten", 1997, für die "Skulptur.Projekte in Münster", das im Katalog nachgedruckt ist. Das ist meine einzige Form des Schreibens - und ich bin stolz darauf.

Die Ausstellung "Allen Ruppersberg. One of Many - Origins and Variants" in der Düsseldorfer Kunsthalle ist noch bis zum 19.2. zu sehen, anschliessend im Dundee Contemporary Arts, Dundee (vom 8.4.-28.5.), und im Centro Andaluz de Arte Contemporáneo, Sevilla (ab 22.6.). Begleitend ist ein Katalog im Verlag Walther König, Köln, erschienen; Preis in der Ausstellung 32 EUR im Buchhandel 38 EUR.

Allen Ruppersberg (*1944 in Cleveland, Ohio), lebt du arbeitet in New York.

Einzelausstellungen (Auswahl)
2005 greengrassi, London; Galerie Jürgen Becker/Galerie Karin Günther und Nina Borgmann, Hamburg; Christine Burgin Gallery, New York
2004 Margo Leavin Gallery; Los Angeles
2003 Gorney Bravin + Lee, New York
2002 Galerie Micheline Szwaczer, Antwerpen
1998 "You are here, You are there", Stadtweites Projekt für die Kunsthalle Basel und Stiftung Laurenz-Haus
1997 "Letter to a Friend", Portikus, Frankfurt/Main
1996 "Where's Al", Magasin - Centre National d'art Contemporain, Grenoble
1991 Stichting de Appel, Amsterdam
1985 "The Secret of Life and Death", Museum of Contemporary Art, Los Angeles; New Museum, New York

Michael Krajewski, Kunsthistoriker und Kritiker, lebt in Köln, E-Mail: michaelkrajewski@t-online.de

Author(s)
Michael Krajewski
Artist(s)
Allen Ruppersberg

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