Von der Suche nach der unbeschränkten Freiheit in der Kunst

Laura Owens (*1970, in Euclid Ohio, USA), 1992 Studium an der Rhode Island Designschule, Providence, 1994 an der Skowhegan Schule für Malerei
und Bildhauerei, Maine, und 1994 am Kalifornischen Kunstinstitut, Valencia. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Los Angeles. Seit 1995 Ausstellungen in den USA und Europa. Foto: Courtesy Kunsthalle Zürich.

Laura Owens (*1970, in Euclid Ohio, USA), 1992 Studium an der Rhode Island Designschule, Providence, 1994 an der Skowhegan Schule für Malerei
und Bildhauerei, Maine, und 1994 am Kalifornischen Kunstinstitut, Valencia. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Los Angeles. Seit 1995 Ausstellungen in den USA und Europa. Foto: Courtesy Kunsthalle Zürich.

Ohne Titel, 2002, Öl auf Leinwand, 213,3 x 335,3 cm, Sammlung David Tiger, Courtesy Gavin Brown

Ohne Titel, 2002, Öl auf Leinwand, 213,3 x 335,3 cm, Sammlung David Tiger, Courtesy Gavin Brown

Fokus

Laura Owens pickt unbeschwert aus dem Fundus der globalen Hoch- und Volkskunst und schafft damit eine fantastisch verträumte Bildwelt mit einer eigenwilligen Sprache. Der Blick auf die vorbereitenden Studien, die erstmals in der Kunsthalle Zürich zu sehen sind, zeigt auf, dass sie das Medium selbst hinterfragt, um zu in sich stimmigen Gemälden zu finden.

Von der Suche nach der unbeschränkten Freiheit in der Kunst

Laura Owens unterwirft ihre kindlich verspielten Bildwelten bildstrategischen Reflexionen

Kein Arg trübt die paradiesisch-märchenhafte Bildwelt von Laura Owens. In Landschaften, die nicht durch menschliche Eingriffe geprägt sind, sieht man Affen auf Ästen herumturnen, Bären mit Schmetterlingen spielen, Eichhörnchen und Hasen in Blumenfeldern kauern, Fledermäuse durch die Lüfte sausen oder eine Eule auf einem Ast sitzen. Die Naturszenerien evozieren die bewaldeten Landschaften von Henri Rousseau und laden zum Schwelgen ein. Kompositorisch erinnern sie an japanische und chinesische Landschaftsmalerei, während die friedlich koexistierenden Fabeltiere dem «Disney's Animal Kingdom» entstammen könnten. So gewinnt man den Eindruck, als wären zwei Gemälde in einem vereinigt worden.

Expansiver bildschöpferischer Drang Es herrscht hier eine Fabulier- und Mallust, die schier unerschöpflich scheint. Gleichzeitig befragt die in Los Angeles lebende Malerin das Medium selbst und schöpft kühn und unbedenklich aus dem reichen Fundus der Kunstgeschichte. Dabei bezieht sie mit Vorliebe visuelle Referenzen zur globalen Volkskunst und dem Kunsthandwerk mit ein und changiert von der Abstraktion zur Figuration. Kein Wunder, dass man bei alledem eine enorme kompositorische und malerische Freiheit spürt. So verwendet sie Collage nebst luftiger Aquarelltechnik oder üppiger Impastomalerei. Dass dabei qualitativ sehr unterschiedliche Bildlösungen entstehen, ist wohl unvermeidlich. Energetische Pinselstriche, die manchmal ruppig gesetzt sind, aus der Tube dick aufgetragene Kleckse, hin gekritzelte Kreise und wacklige Zeichnungen heben sich von präzise formulierten Konfigurationen ab. Für den expansiven Drang der Malerin scheinen die oft riesigen Bildgevierte nicht zu genügen. Die Motive greifen in den Raum und beziehen diesen mit ein. Dies erlebt man besonders bei den zwei- oder dreiteiligen Gemälden, bei denen der Zwischenraum als kompositorisches Element mit einbezogen ist. Auch innerhalb eines Bildes entwickelt sie einen tiefen Raum. Seine Setzung stellt ein unverwechselbares Charakteristikum von Owens Kunst dar und verrät zugleich, dass sie von der Installationskunst, die sie während ihrer Ausbildung praktizierte, viel gelernt hat.

Landschaftstücke als eigenwillige Fantasiegebilde Besonders die Landschaften wirken bei heller Palette dank monochromen Partien und spärlich gesetzten Motiven ungeheuer luftig und ausgewogen. Aus den flächigen Landschaften entsteht Tiefe durch Farbklecken oder auch Filzstückchen, die als Blüten oder Insekten gelesen werden können und präzis platzierten Fabelwesen. Auch wenn Owens Gemälde den Eindruck von Leichtigkeit vermitteln, lassen die erstmals in der Kunsthalle gezeigten Zeichnungen und vorbereitenden Studien erkennen, dass es sich im Grunde um komplexe und sorgfältig ausgefeilte Kompositionen handelt.

Die Werke aus älterer und jüngerer Zeit sind klar unterscheidbar. Die früheren Gemälde enthalten oft ironische Bezüge auf abstrakte Malerei, seien es hin gekritzelte Abstraktionen in der Manier eines Cy Twombly, eines Joan Miró oder eines Hard-Edge-Meisters. So hat Owens in einem Gemälde von 1997 zwei Reihen vertikaler, schablonenhafter Streifen derart positioniert, dass sie sich zu verjüngen scheinen. Mit dem pastellgrünen Hintergrund kann die Komposition fast als stimmungsvolle Aufsicht einer von Wolkenkratzern gesäumten Strasse gelesen werden. Doch diese rational gesteuerte Farbfeldmalerei hätte wahrscheinlich in eine Sackgasse geführt. Owens hat deshalb das Steuer abrupt herumgeworfen und so zu einer eigenwillig-romantischen Naturauffassung und zu einer dem Handwerklichen verpflichteten Figuration gefunden. Als bewusste Abkehr vom konzeptuellen minimalistischen Kunstkodex ist auch ihre Beschäftigung mit textiler Kunst zu lesen, deren Wertschätzung im üblichen Kunstdiskurs ja nicht gerade hoch ist.

Die Inhalte ihrer Gemälde sind nicht von zentraler Bedeutung. Vielmehr verwendet sie jede Art von Bildquelle für ihre in sich stimmigen Gemälde. Mit diesen möchte sie, ihren Worten zufolge, die Betrachter inspirieren, selber kreativ zu sein. Und in der Tat begegnet man in ihrem Werk einer ungewöhnlich positiven Welt. Es geht in ihrem Falle nicht um innere Abgründe, sondern um gedankliche Freiräume, die eigene Visionen und kreative Ideen freisetzen.

Diesem Freiheitsbegriff entspricht es auch, dass sie ihren Werken keine Titel verleiht, obgleich die meisten Gemälde sehr anekdotisch sind und eigentlich Titel nahe legen würden - eine Verweigerung, die voreiligen Interpretationen entgegensteuern soll und den Betrachtern Offenheit abfordert und zum eigenen Fabulieren animiert.

Ich fühle, dass es für mich einen persönlichen Freiraum gibt, in welchem meine Kunst entsteht. Wenn ich mich in diesen Raum versetze, gehe ich in dieser Welt der Möglichkeiten ganz auf. Es gibt keinen inneren emotionalen Zustand, den ich damit vergleichen könnte. Es ist ein Raum mit seinen eigenen Gegebenheiten und diese haben nichts mit Glück, Trauer oder etwas Ähnlichem zu tun. (LO in: The Believer, San Francisco Magazin, Mai, 2003.)

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