Im Taumel vielfältiger weiblicher Lebensentwürfe

3 Hamburger Frauen · The Paradise City, 2006, Wandmalerei im Kunsthaus Baselland, Courtesy the artists, Foto: Serge Hasenböhler, Basel.
In wildwuchernden phantasievollen Bildwelten präsentieren sich die Künstlerinnen erstmals nackt und deklinieren dabei die verschiedensten Konnotationen von Weiblichkeit und Natur in humoristischer Weise.

3 Hamburger Frauen · The Paradise City, 2006, Wandmalerei im Kunsthaus Baselland, Courtesy the artists, Foto: Serge Hasenböhler, Basel.
In wildwuchernden phantasievollen Bildwelten präsentieren sich die Künstlerinnen erstmals nackt und deklinieren dabei die verschiedensten Konnotationen von Weiblichkeit und Natur in humoristischer Weise.

Manon · Das lachsfarbene Boudoir, 1974/2006, Assemblage diverser Materialien, Courtesy der Künstlerin und Pro Litteris. Diese Installation war Manons allererste Kunstaktion und wird erstmals für die Ausstellung im Migros-Museum rekonstruiert. Die Zurschaustellung eines intimen Raumes, des Boudoirs, das die Intimität des Weiblichen idealisiert, war damals in der männlich dominierten Kunstwelt eine unglaubliche Provokation.

Manon · Das lachsfarbene Boudoir, 1974/2006, Assemblage diverser Materialien, Courtesy der Künstlerin und Pro Litteris. Diese Installation war Manons allererste Kunstaktion und wird erstmals für die Ausstellung im Migros-Museum rekonstruiert. Die Zurschaustellung eines intimen Raumes, des Boudoirs, das die Intimität des Weiblichen idealisiert, war damals in der männlich dominierten Kunstwelt eine unglaubliche Provokation.

Fokus

Explizit feministische Kunst, wie wir sie aus den siebziger Jahren kennen, ist recht selten geworden. Welches sind heute die Strategien von jungen Künstlerinnen, die nicht nur ihre Autorinnenschaft, sondern auch Gender-Themen als Dimensionen ihres künstlerischen Schaffens reflektieren. Zwei Ausstellungen im Kunsthaus Baselland Muttenz und im Migros-Museum versuchen, solchen Fragen nachzugehen.

Im Taumel vielfältiger weiblicher Lebensentwürfe

Individuelle Suche nach einer eigenen künstlerischen Sprache

Ganz gewiss sind es nicht mehr die qualvollen Häutungen einer Heidi Bucher (*1926), die magischen Beschwörungen der weiblichen Existenz mit malerisch-aktionistischen Mitteln einer Miriam Cahn (*1949) oder Niki de St. Phalles (*1930) wilde Schiessaktionen auf Repräsentanten patriarchaler Macht, welche junge Künstlerinnen umtreiben. Auch der beschwerliche Weg einer Muse zur autonomen Existenz als Künstlerin, wie ihn Meret Oppenheim erkämpft hat, gehört einer anderen Zeit an. Nicht nur, dass dogmatisch feministische Kunst in dieser Art nicht mehr das drängendste Anliegen junger Künstlerinnen ist; ihre Strategien und Perspektiven haben sich im Vergleich zum tradierten emanzipatorischen Ansatz des Feminismus entscheidend geändert. Denken wir nur schon an die Welten, die zwischen Valie Exports (*1940) legendärem «Tastkino» von 1967 und Annie Sprinkles (*1954) Liveshows liegen, bei denen die Sexarbeiterin und Performance-Künstlerin das Publikum einlädt, ihren Gebärmutterhals mittels Spekulum und Taschenlampe zu betrachten, um den «weiblichen Körper zu entmystifizieren». Mochte Valie Exports Aktion in den sechziger Jahren noch ein schockiertes Schaudern ausgelöst haben, unterminieren Annie Sprinkles Shows selbst die Konventionen der Pornoindustrie und stellen die sexuellen Identitäten in Frage.

In Zeiten brüchiger Sozialgefüge  beschäftigen sich die Künstlerinnen mit Frauenbildern und den vielfältigen Möglichkeiten von Frau-Sein, verfangen sich in Rollenspielen oder verheddern sich in Lifestyle-Fragen; dies zumindest spiegelt die Ausstellung «Cooling Out - Zur Paradoxie des Feminismus», die gegenwärtig im Kunsthaus Baselland stattfindet. Die Selbstbilder reichen von einer nackten, einen Panther reitenden Frau, einer neunjährigen, erfolgreichen amerikanischen Rapperin, einer sich «als Bombe» fühlenden Performerin, den «radical Cheerleaders» bis zu «Boygirls», deren Identitätsbilder aus dem gesellschaftlichen Rollendualismus Mann/Frau herausfallen. Der Ausstellungstitel meint auch, und dies zu recht, dass der Blick von jungen Künstlerinnen auf die Feminismusdebatte distanziert ist. Und dafür, denken viele, hätten sie gute Gründe, sind doch gewisse Forderungen der feministischen Bewegung wie rechtliche Gleichstellung und Bildungschancen punktuell durchgesetzt worden. Auch wenn es immer noch nicht gleiche Löhne für gleiche Arbeit gibt und einige Errungenschaften im Zuge des Neoliberalismus zurückgenommen worden sind, brauchen die Künstlerinnen nicht mehr um gerechte Frauenquoten in Kunsthallen- und Museumsausstellungen zu kämpfen und können sich am Kunstmarkt viel leichter behaupten als noch in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren. Auch wenn die Zeiten, da männliche Kuratoren ob weiblicher Ästhetik die Nase zu rümpfen pflegten, nicht lange her sind. Besonders wenn die Arbeiten zu textil daher kamen oder die Wahrnehmungen des weiblichen Körpers thematisierten. Inzwischen können junge Künstlerinnen wie etwa Vidya Gastaldon (*1974) ohne jeglichen feministischen Anspruch textile Materialien in ihre installativen Arbeiten integrieren und fühlen sich auch nicht mehr gezwungen, innerhalb eines fest definierten, Renommée versprechenden Kunstkodexes funktionieren zu müssen. Eine Freiheit, die sich auch Laura Owens (*1970) genommen hat, die seit kurzem ihre malerische Sprache mit textilen Elementen bespickt.

Trotz allem  ist es um das kulturelle Bild der Frau immer noch nicht zum Besten bestellt. Davon sprechen etwa Sarah Lucas´ (*1962) Kommentare zu den gängigen Frauenbildern der westlichen Gesellschaft, welche sie als immer noch diffamierend entlarvt. Eine unverkennbar charakteristische Frauenfigur hat Lucas mit den Bunnies geschaffen: Kopflose, dünngliedrige, kraftlose Wesen, die eine unendliche Willenlosigkeit zum Ausdruck bringen und durch ihre Passivität zum Objekt degradiert sind. Vom klischierten männlichen Blick und von männlichen Verhaltensweisen sprechen die Selbstporträts, die Lucas in rüden männlichen, herausfordernden Posen mit verhaltenem Grinsen zeigen. Indem sie sich vulgär gibt, mit weit gespreizten Beinen auf einem Sofa hingeflegelt oder cool mit der Kippe im Mundwinkel, entlarvt sie diese Verhaltensweise als lächerliche Attitüde. Diese Arbeiten wie auch Cindy Shermans (*1954) nachgestellte Hollywood-Filmstills oder Modefotografien im Schmudellook eignen sich hervorragend zur Illustration der von Judith Butler (*1956) provozierten Diskussion über die geschlechtliche Identität als eine, die sich im sozialen Prozess des Handelns und Sprechens kontinuierlich herstellt.

Im Gegensatz  zu der Ausstellung im Kunsthaus Baselland, die vornehmlich Künstlerinnen zeigt, die in den siebziger Jahren geboren wurden, wird im Migros Museum ein Panorama von Werken von den siebziger Jahren bis heute entfaltet. Dabei lassen sich die sich mit den Generationen verändernden Inhalte und Anliegen sowie die formale Umsetzung gut verfolgen. Und man kann feststellen, dass Video, Performances und Fotografie immer noch zu den stärksten künstlerischen Ausdrucksmitteln von Künstlerinnen gehören, die feministische Inhalte transportieren wollen. Zumal sich damit Klischee-Bilder gut konterkarieren lassen und bestimmte Rollen mit der Methode des Übertreibens und Blossstellens ausagiert werden können.

Selbst wenn  die Frauen, bei Lichte betrachtet, Verliererinnen der sexuellen Revolution sind und ihnen eindeutig mehr Verantwortung als zuvor aufgebürdet wird, ist der Feminismus mittlerweile zur Einstellungssache geworden. Dies bestätigt auch ein Überblick über die künstlerischen Positionen im Kunsthaus Baselland, wobei einmal mehr klar wird, dass es eine betont feministische Frauenkunst, wie wir sie aus den siebziger und frühen achtziger Jahren kennen, nicht mehr gibt. Die Künstlerinnen kümmern sich ganz individuell um ihre Projekte. Es brennt ihnen nicht gerade auf der Seele, Missstände und Ungerechtigkeiten aufzudecken, sondern sie zeigen einfach das Leben, so wie es ist, und stellen die Suche nach einer geeigneten Sprache für diese ihre Wahrnehmung oft ins Zentrum des künstlerischen Schaffens. Doch selbst wenn sich junge Künstlerinnen zuweilen ostentativ dem Etikett «Feministinnen» verweigern - vielleicht, weil sie keinesfalls als Feministinnen identifiziert werden wollen -, braucht es nach wie vor Freiräume, um feministische Ideen praktisch auszuprobieren, gerade in Zeiten einer machistischen Neuauflage, die von vielen jungen Frauen offenbar fraglos hingenommen wird.

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