Stanley Brouwn im Neuen Museum Weserburg

Stanley Brouwn · Künstlerbücher, Foto: Bettina Brach

Stanley Brouwn · Künstlerbücher, Foto: Bettina Brach

Besprechung

Sein Werk gleicht einer Obsession des Verschwindens. Stanley Brouwn, Konzept-Art-Künstler der ersten Stunde, zeigt in nahezu leeren Ausstellungsräumen bis aufs Äusserste reduzierte Texte, Zahlenwerke und metrische Objekte, in denen es um Formalisierung von Distanzen in Raum und Zeit geht - um Wege und Entfernungen, um Abmessungen, Richtungen, um gedachte oder selbst beschrittene Routen. Brouwn dokumentiert nichts, erzählt nichts von solchen Ereignissen, sondern lässt die zugrunde liegende oder auch nur denkbare Erfahrung in klarer Formensprache aufgehen.

Stanley Brouwn im Neuen Museum Weserburg

Dokumentarisch bleibt auch davon nichts zurück: Brouwn wünscht keine Abbildung seiner Arbeiten, keine biografischen Angaben zur Person. Die Ausstellungen verschwinden nach ihrer Laufzeit, vom Künstler weiss man nichts, insoweit man ihn nicht persönlich trifft, auch lässt er sich nicht fotografieren. In Kunst und Leben verweigert Brouwn die Repräsentation zugunsten grösstmöglicher Gegenwärtigkeit. Will man etwas erfahren, muss man die Schau selbst sehen, muss man von A nach B, Distanzen überwinden - auch solche, die ein Foto, ein Text ins Wahrnehmungsverhältnis einschieben. Brouwn meidet die falsche Gleichzeitigkeit der Repräsentationsverhältnisse, und das bemisst sich nicht zuletzt am eigenen Körper (des Künstlers, des Betrachters), der in seinen Ausstellungen stets wie eine mitgedachte, unveräusserliche Massstäblichkeit fungiert. Brouwn betreibt elementare Plastik: Körper sein heisst raum- und zeitbezogen sein, heisst gesetzt sein in Distanzen. So macht er Bewegung zum universellen Material seiner künstlerischen Tätigkeit und formalisiert das stets am Individuum. Alles kreist ums «Gehen des Menschen auf dem Planeten Erde», wie es Anne Thurmann-Jajes ausdrückt, die Brouwn mit der umfassenden Präsentation seiner Künstlerbücher nicht weniger als eine komprimierte Werkschau ausgerichtet hat. Aus der strikten Bindung der Brouwnschen Kunstauffassung an Präsenz wird deutlich, warum das Künstlerbuch für ihn besondere Bedeutung haben muss: Hier fallen Aktualität und mediale Dokumentation des Werks in eins. Für Brouwn ist es eine eigene, kongeniale Ausstellungsform. 1970 erschien mit «100 this-way-brouwn-problems for computer I.B.M. 360 model 95» das erste Buch. Das bisher letzte veröffentlichte er 2005; alle 33 entstandenen Bücher liegen komplett in Bremen vor. Zudem werden dort Plakate und zahlreiche, teils frühe und seltene Originalbeiträge für Zeitschriften gezeigt.

«Durch kosmische Strahlen gehen», so nannte Brouwn 1970 eine seiner Ausstellungen. Der Titel trifft den universalistischen Grundzug dieses scheinbar so spröden, so zurückgenommenen Werks. Brouwn hat im strikten Fokus auf Schritte, Grössen, Abmessungen stets das Kontinuum im Blick. Es gibt kein Innehalten in der Zeit, kein Ankommen im Raum. Wir nähern uns, indem wir Grenzen setzen, und doch geht beides bloss durch uns hindurch. Stanley Brouwn hat als Künstler stets Fährten gelegt, um diesem Grundverhältnis auf der Spur zu bleiben.

Until 
28.10.2006

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