Jannis Kounellis im Kunstmuseum Liechtenstein

Jannis Kounellis · Ohne Titel, 2000

Jannis Kounellis · Ohne Titel, 2000

Besprechung

Der aus Griechenland stammende Jannis Kounellis (*1936 in Piräus) pflegt eine im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige Kunstsprache. Dementsprechend füllen derzeit Tonnen von Kohle, Stahl und anderen Materialien die Hallen des Kunstmuseums Liechtenstein, um das dualistisch aufgebaute Werk des seit 1956 in Rom lebenden Künstlers im Rahmen einer grossen Retrospektive zu dokumentieren.

Jannis Kounellis im Kunstmuseum Liechtenstein

Im Obergeschoss des Kunstmuseums Liechtenstein liegt derzeit Hochprozentiges in der Luft. Es rührt von 150 Litern Grappa her, die Kounellis zu dieser Werkschau von Italien aus mitgebracht hat und in 8000 am Boden arrangierte Schnapsgläser füllen liess. Am Ende der Ausstellung wird von diesem destillierten Traubentrester nichts mehr übrig sein. Die Substanz sublimiert sukzessive, geht von einem flüssigen Zustand in einen gasförmigen über. Womit ein zentraler Aspekt im Werk des römischen Griechen angesprochen scheint, nämlich jener der Transformation und der Metamorphose. Viele von Kounellis eingesetzten Materialien tragen diesen Prozess der Veränderung in sich und symbolisieren diesen. Sei dies nun Kohle, Stahl, Feuer oder eben Grappa.

Die zitierte Arbeit ist nur ein kleiner Bruchteil der Kounellis-Retrospektive in Vaduz. Insgesamt werden 37 Werke aus 50 Schaffensjahren gezeigt. Darunter monumentale Arbeiten wie die aus Metall, Säcken und Öllampe bestehende Wandarbeit «Senzo titolo» aus den Jahre 1988 oder die Installation mit 11 Metallbetten, 11 Metallkörpern, neun Stahlplatten sowie Militärdecken aus dem Jahre 2000, die sich über 12 Meter in den Raum erstreckt.

Das Material, das Kounellis einsetzt, ist typisch für die Arte Povera, zu deren Mitbegründern er zählt. Kounellis' Werk ist dualistisch angelegt. Es steht an der Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Natur und Kultur, zwischen Ursprung und Entwicklung, zwischen Schwere und Leichtigkeit. Für Kounellis besteht die Zukunft «in der Aneignung der Vergangenheit». Die Vergangenheit ist die Inkubatorin visionärer Stossrichtungen.

Kultur erscheint bei Kounellis als positiver, aber archaischer, vom modernen Zivilisationsprozess verschütteter Wert. Um die Wucht des Fortschritts und der Veränderung anzureissen, greift er zu grossen Gesten. Er steigt in die Eingeweide der Industriealisierung hinab und spielt auf der Tastatur energetischer Materialien. Elemente wie Kohle, die archaischen Ursprung und verändernde Kraft gleichermassen in sich vereinen, entfesselt er zu poetisch aufgeladenen Reaktoren der Sinne.

Die Ausstellung in Vaduz zeichnet den Weg des Künstlers von den frühen Buchstaben- und Zahlenbildern über die im Umfeld der Arte Povera entstandenen bildnerischen Skulpturen bis hin zu den monumentalen, dramatischen Bild-Inszenierungen des Spätwerks nach. Die ausgestellten Werke waren zuvor im Museo d?Arte Contemporanea Donnaregina in Neapel (Madre) zu sehen. Die Präsentation der Arbeiten in Vaduz unterscheidet sich jedoch gravierend von derjenigen in Neapel. Die riesige Installation aus alten Nähmaschinen und Werkbänken zum Beispiel, die in Vaduz als kompakte Einheit erscheint, war im altehrwürdigen Gebäude in Neapel über drei verschiedene Räume hinweg verteilt. Jede Ausstellung ist demnach eine Inszenierung, die sich der Intendanz des Künstlers beugt.

Until 
20.01.2007

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