Biennale

Urs Fischer · A thing called gearbox, 2004, Lyon-Biennale 2007, Kurator: Massimiliano Gioni, Sucrière, Foto: texte&tendenzen

Urs Fischer · A thing called gearbox, 2004, Lyon-Biennale 2007, Kurator: Massimiliano Gioni, Sucrière, Foto: texte&tendenzen

Annie Vigier, Franck Apertet · Lyon-Biennale 2007, Kurator: Pierre Bal Blanc, Sucrière, Foto: texte&tendenzen

Annie Vigier, Franck Apertet · Lyon-Biennale 2007, Kurator: Pierre Bal Blanc, Sucrière, Foto: texte&tendenzen

Besprechung

Ein komisches Spiel treiben die beiden «Konzeptoren» Hans Ulrich Obrist und Stéphanie Moisdon: Zwei Haufen Kuratoren und Künstler sollen unser unvollendetes Jahrzehnt repräsentieren. Viel Konzept, von dem vor Ort wenig zu sehen ist. Dafür gibt es eine Menge guter, junger Arbeiten zu entdecken.

Biennale

«Es ist eine Kuratoren-Mode, Projekte mit einem ausgefeilten Thema und einem flotten Titel zu versehen - bei genauem Hinsehen sind die ziemlich sinnleer» - Michel Ritter stellte im Lyoner Musée d'art contemporain (MAC) Anfang des Jahres «Une question de génération» gegen diese Mode. Nun ist ihm der Katalog der aktuellen Lyon-Biennale gewidmet, die freilich dem Trend treu bleibt: wohltönendes Konzept hie - trotzdem nur eine Ausstellung da. «Think with the Senses - Feel with the Mind» hat für Venedig Neoromantisches befürchten lassen - und Gewohntes serviert. Nach Kassel lockten grosse Fragen nach Moderne, Leben, Handeln - vor Ort gab es Enttäuschung durch schlecht gehängte Didaktik statt Inspiration durch kluge Denkästhetik. In Istanbul geht Hou Hanrou frontal an die aestEthics heran: Ein Video von Ursula Biemann zur Öl-Ausbeutung des Kaspischen Meeres, «The Road Map» der italienischen Kunst-Forschungsgruppe Multiplicity zum Alltag im Nahen Osten oder Michael Rakowitz' «The invisible enemy should not exist» zu den Zerstörungen des Irak-Krieges: engagierte Arbeiten, die sichtbar machen, was keiner sehen will. Sie heben die Welt nicht aus den Angeln, drehen sie einmal mehr in den kritischen Blick. Das Potenzial des Formats «Biennale» ist längst nicht ausgeschöpft. In Lyon servieren nun Stéphanie Moisdon und Hans Ulrich Obrist mit «00er Jahre - Geschichte eines Jahrzehnts ohne Namen» frische Geschichte als Gesellschaftsspiel. 49 Kuratoren sollten je den aktuell signifikantesten Künstler einladen. Aktualität als Spiel, neue Meister als Jetons - das ist natürlich nicht gelungen, die Zeit der Stellvertreter ist lang vorbei. Auch die Sache mit dem Spiel, immerhin ein Kardinalthema der Kunst (allein zwei Bände Kunstforum erschienen 2005/2006 zu «Kunst+Spiel») fällt in den Ausstellungen unter den Tisch, Denkaufgaben sind rar. Schade eigentlich. Sehenswert ist trotzdem, was in der altindustriellen Sucrière, im MAC und im vorstädtischen Institut d'art contemporain (IAC) versammelt wurde: Reifer Umgang mit multiplen Medien und viele noch wenig bekannte, junge, gute Positionen, kein Oeuvre-Overflow, sondern eine angenehm luftig montierte Schau aus überwiegend installativen Ensembles. Da gibt es Witziges zur Gravität mit Urs Fischers «A place called Novosibirsk» Kritisches zum Krieg mit einem Bunker, aus dem Trompetenklänge statt Schüsse fallen von Jennifer Allora/Guillermo Calzadilla, Erfahrungsintensives zum Thema Tanz mit einer Performance von Annie Vigier&Franck Apertet, Aufschlussreiches zur Ästhetik des Urbanen mit einem Video von Cyprien Gaillard, Kluges zur Moderne mit enigmatischen Arbeiten von Benoît Maire oder Ansehnliches zum Thema symbolische Ordnungen mit schmutzigen französischen Flaggen von Claire Fontaine. Die Aufzählung liesse sich fortsetzen, man müsste die ausgezeichnete Klang-Arbeit von Jérôme Bel empfehlen mit Hinweis auf «The show must go on» in der Lyoner Oper. Man müsste vom Problem der Dispositive sprechen und von Tino Seghals Strippern, die zwischen Minimal-Ikonen von Dan Flavin, Larry Bell und Dan Graham die Hüllen fallen lassen. Doch lassen wir es dabei: Die Biennale wurde wieder einmal nicht neu erfunden, es gibt eine schöne Ausstellung mehr und die Theorie bleibt wohlfeiles Schmiermittel des Kunstbetriebs zum Steigern der Erwartungshaltung. Bis sich ästhetische Arbeit der Theorie und künstlerische Denkarbeit in einer Biennale zum veritablen Laboratorium der Gegenwart verbinden, gehen sicher noch ein weiteres Jahrzehnt und viele unterhaltsame Ausstellungen ins Land.
Mit Katalog.

Until 
05.01.2008

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