Werkschau Christoph Rütimann im Kunstmuseum und in der Kartause Ittingen

CHRISTOPH RÜTIMANN · Buchlinie, 1989/91/2007, Zweiteilige Installation mit bedruckten und unbedruckten Folianten, Monitor, Videokamera, Courtesy Mai 36 Galerie, Zürich

CHRISTOPH RÜTIMANN · Buchlinie, 1989/91/2007, Zweiteilige Installation mit bedruckten und unbedruckten Folianten, Monitor, Videokamera, Courtesy Mai 36 Galerie, Zürich

Besprechung

Christoph Rütimanns künstlerische Arbeit ist weitläufig. Sie sucht in Zeichnung, Malerei, Video, Skulptur, Performance, Installation und Klängen nach der Vernetzung komplexer Erfahrungen von Raum und Zeit. In St. Gallen und in der Kartause Ittingen zeigt der Künstler eine Werkschau.

Werkschau Christoph Rütimann im Kunstmuseum und in der Kartause Ittingen

Obwohl Christoph Rütimanns (*1955) Schaffen drei Jahrzehnte umfasst, war es bisher noch nie in einem Überblick zu sehen, denn in seinen zahlreichen Museumspräsentationen reagierte er meist auf die jeweiligen räumlichen Gegebenheiten. Nun widmen die Kunstmuseen in St. Gallen und in der Kartause Ittingen dem Künstler, der nach vielen Jahren in Luzern seit 1999 in Müllheim im Kanton Thurgau lebt, eine grosse und von einer stattlichen, von Konrad Bitterli betreuten Publikation begleitete Werkschau. Auch wenn Rütimann auf Früheres zurückgreift, sucht er den Dialog mit dem Hier und Jetzt. So erfahren wir auch Arbeiten der achtziger Jahre als gegenwärtige Installation; das Schaffen des Künstlers präsentiert sich damit als sich konsequent aus sich selbst heraus entwickelndes Werk.

1991 installierte Christoph Rütimann auf dem Dach der Kunsthalle Bern eine Endlosschlaufe mit einer Kamera. Sie übertrug die sich unserer klaren Einsicht entziehende Bewegung des Bildes auf einen Monitor ins Hausinnere. Das war ein Öffnen des Innenraumes auf ein Aussen hin, wie wir es selber nie erleben können. In St. Gallen setzt Christoph Rütimann die Endlosschlaufe ins opulent ausgestattete Foyer des neuklassizistischen Museumsbaus von Johann Christoph Kunkel und leitet das Bild in den grossen mittleren Saal. Hier kann der staunende Besucher über die kurvend ihren Blickwinkel stets ändernde Kamera das zuvor vielleicht kaum beachtete Foyer völlig neu erleben. Indem Christoph Rütimann im gleichen Raum zehn zwischen 2001 und 2007 entstandene «Handlauf»-Videos (beispielsweise entlang der Zürcher Rämistrasse und teilweise mitten durch die Häuser, entlang der Grossen Mauer in China, durch einen Friedhof in Sarajewo oder in einer St. Galler Brauerei) zeigt, schlägt er eine Brücke zwischen den beiden in der Anlage ähnlichen, in der konkreten Raumerfahrung aber verschiedenen Arten der «Raumzeichnung» mittels der Videokamera. Der Frage nach der Grundbedeutung der Linie und ihren Möglichkeiten im Raum ging Christoph Rütimann schon Ende der achtziger Jahre nach, wenn auch - in «Die grosse Linie» - in reduzierterer, stringent-nüchterner Form. Auch die in der Ausstellung mehrfach auf verschiedene Weise präsente Endlosschlaufe ist als Raumzeichnung mit dem Titel «Die endlose Linie» aus Stahlrohr in jener Zeit verankert.

Wenn im Zusammenhang mit dem Schaffen Christoph Rütimanns von Malerei die Rede ist, so ist eine grundlegende Beschäftigung mit der Farbe auch als Materie gemeint. Das leuchtende Gelb des Rapsfeldes tritt erstmals auf in der Fotoarbeit «Chi ha detto che il giallo non è bello», 1992, und kontrastiert mit dem Blau des Himmels:Rütimann warf entlang eines blühenden Rapsfeldes eine Kamera mit Selbstauslöser in die Luft und fügte die ohne weitere Einflussnahme durch den Künstler entstandenen Bilder zum Block mit 35 Teilen. Die in seinem Werk immer wieder, auch in seinem Biennale-Beitrag in San Staë in Venedig (1993) in Hinterglasmalereien verwendete gelbe Farbe wechselt in der St. Galler Ausstellung zum tiefen Rot. Eine ganze Wand des letzten Saales besetzen nun teils riesige, schräg aufgestellte, rückwärtig bemalte Glasrechtecke von vital leuchtender Präsenz. Ihre Spiegelungen lassen die Betrachterinnen und Betrachter den Raum und sich selbst bei je nach Tageszeit und Wetter wechselndem Licht immer wieder anders erleben.

Erst das Zusammengehen St. Gallens mit dem Kunstmuseum des Kantons Thurgau in der Kartause Ittingen ermöglicht Einblicke in die ganze Breite des Werks von Christoph Rütimann. Die Ausstellung in Ittingen steht unter dem Titel «In den Tönen» und ist den Klanginstallationen und den autonomen, meist in langen Serien entstandenen Zeichnungen und damit weiteren wesentlichen Facetten von Rütimanns Schaffen gewidmet.

Der gewölbte Keller erweist sich als idealer Ort für die «Grosse Zeichnung», die 1991 für die Manor-Kunstpreis-Präsentation in Luzern entstand und nun in ihrer ganzen Länge von 28 Metern und in ihrer Höhe von vier Metern frei im Raum hängt. Es ist ein spontanes und energiegeladenes, aber trotzdem rhythmisch kontrolliertes und auch im Detail höchst präzises Kontinuum von sich kräuselnden, verwerfenden, streckenden Tusche-Linien. Es erschliesst sich im Abschreiten als fliessende Raum- und Zeiterfahrung. Das gilt auch für die an ein Tropfen erinnernde Klanginstallation. Ein wichtiges Werk Christoph Rütimanns an der optisch-akustischen Schnittstelle hat nur als Torso überlebt: Seine Installation in der Von-Moos-Halle in Emmenbrücke, wo das Lucerne Festival 1997 wegen des KKL-Neubaus gastierte, ein riesiges «Musikinstrument» mit Sirenenscheiben, Stahlrohrpfeifen für Wasserstoffflammen und Vibratoren, wurde zerstört. Eine Sirenenscheibe mit einem Durchmesser von drei Metern hängt nun frei im Ittinger Keller und erinnert mit den weiteren in einer Ecke ruhenden Bruchstücken an das damalige klingende, grollende, dröhnende, fauchende und pfeifende Einmannkonzert und seine skulpturale Präsenz.

Verschiedene Videos geben Einblick in weitere Klanginterventionen Christoph Rütimanns. Der Künstler integrierte in seine Präsentation in Ittingen überdies eine seiner «Worttapeten». Mit ihnen überzieht der Künstler die Wand so mit Wörtern, dass sich je nach Richtung der Lektüre andere Sinnzusammenhänge ergeben, sodass über die Zwischenräume zwischen den Wörtern und den Spannungen zwischen den Wortbedeutungen neue Raumerfahrungen möglich werden.

Kartause Ittingen, bis 12.5.

Until 
16.02.2008

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