Clarina Bezzola bei Nicola von Senger

CLARINA BEZZOLA · Swiss Miss: A Gathering, 2008,
Performance Galerie Nicola von Senger

CLARINA BEZZOLA · Swiss Miss: A Gathering, 2008,
Performance Galerie Nicola von Senger

Besprechung

Die Zürcher Künstlerin Clarina Bezzola setzt sich schonungslos mit sich selbst auseinander. Nun zeigt sie bei Nicola von Senger mit einer performativen Installation, wozu Affekte und unterdrückte Gefühle eine perfekte «Swiss Lady» treiben können.

Clarina Bezzola bei Nicola von Senger

Im Galerieraum thront auf einer Art Wiese ein grosser Glockenturm in der Machart eines Disney-World-Gebäudes. In seinem näheren und weiteren Umfeld sind oben abgerundete Keramikzylinder versammelt. Sie gleichen überdimensionierten Fingerpuppen und stellen Dorfbewohner dar, die sich auf der grünen Wiese eingefunden haben. Anstelle des Gesichts gähnt jeweils ein Loch, aus dem bald pelzige, bald geschwürähnliche, textile Auswüchse, Eingeweide, Zähne, Zungen oder Stoffblumen quellen. Die völlig bizarren Figuren geben eine eigenartige Gruppe ab. Der Ausstellungstitel «Swiss Miss: A Gathering» spielt auf Biografisches der Künstlerin an. Versammelt haben sich nämlich Familienmitglieder und Freunde der Künstlerin, um sie nach ihrer langen Abwesenheit zu begrüssen. Denn bereits mit 20 Jahren zog es die in Aeugst bei Zürich aufgewachsene Clarina Bezzola (*1970) nach New York, wo sie bis heute lebt und arbeitet.
In engem Zusammenhang mit dieser installativen Arbeit stand auch ihre Performance zur Ausstellungseröffnung. In eine Engadiner Tracht gekleidet, trat die Künstlerin als wohlerzogene junge Schweizerin auf, mit einem geschulterten «Glöggliturm» en miniature, der mit Zettelchen angefüllt war. Zuvor war Bezzola während zwei Wochen mit dem Türmchem auf dem Rücken in Zürich rumgelaufen und hatte wildfremde Leute gebeten, ihre Sünden und Unzulänglichkeiten auf Zettel aufzuschreiben. Am Abend der Performance füllte sie dann das «Chrättli» in den grossen Turm im Galerieraum, der für die Künstlerin ihre Erd- und Erbverbundenheit symbolisiert. Anfangs der Performance noch lauthals singend - «aus den hellen Birken steigt uns die Sonn entgegen, ruft die weiten Felder wach und kündet Gottes Segen» -, begann sie sich allmählich zu kratzen und zu winden, sich schliesslich auszuziehen und in ein wurmähnliches Kleid zu zwängen. Damit führte sie vor Augen, was geschieht, wenn man eine Maske oder - gemäss C.G. Jung - seine Persona ablegt und seine Urängste oder Unzulänglichkeiten nicht mehr kontrolliert.
Gut nachvollziehbar, dass Bezzola früherSchutzschilder aus Metall schuf. Diese Schutzmechanismen hinterfragt sie nun in ihren Performances. Während diese überzeugen, ist man sich bei den Objekten nicht so sicher. Die glatte Oberfläche der fleischfarbenen Keramikfiguren und das flauschig-seidene Material der Textilien rauben ihren Themen - dem Paradox zwischen Geborgenheit und Erstickungsgefahr, der Isolation durch Urängste und zurückgehaltene Affekte - die explosive Dimension.

Until 
07.03.2008

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