Tatiana Trouvé - Ganz allein im siebeneinhalbten Stockwerk

Ohne Titel, 2007; Zeichnung aus der Serie Intranquility, 2007; Rock, 2007, Ausstellungsansicht in der Villa Arson. Courtesy für alle Bilder: Galerie Johann König, Berlin; Emmanuel Perrotin, Miami, Paris; Almine Rech, Brussel

Ohne Titel, 2007; Zeichnung aus der Serie Intranquility, 2007; Rock, 2007, Ausstellungsansicht in der Villa Arson. Courtesy für alle Bilder: Galerie Johann König, Berlin; Emmanuel Perrotin, Miami, Paris; Almine Rech, Brussel

Ohne Titel, 2007, Bonze Metal, Leder, Zement, Formica, Plexiglas, Marmor Epoxyharz, 160 x 421 x 610 cm. Foto: Daniele Resini

Ohne Titel, 2007, Bonze Metal, Leder, Zement, Formica, Plexiglas, Marmor Epoxyharz, 160 x 421 x 610 cm. Foto: Daniele Resini

Fokus

Die Prix Marcel Duchamp-Preisträgerin 2007 gelangte in zehn Jahren von «impliziten» Aktivitäten zum Konkreten. Ihre Arbeit zur Realität des Künstlerdaseins emanzipiert sich vom Konzept zum Objekt. Heute trägt die Spannung Ich - Raum - Erfahrung die Arbeiten der Vierzigjährigen. Mit ihren Arbeiten ist sie aktuell in zwei Solopräsentationen in Frankreich sowie an der Manifesta im Südtirol zu Gast.

Tatiana Trouvé - Ganz allein im siebeneinhalbten Stockwerk

Ein schlüpfriger, schleimiger Gang lässt den Puppenspieler Craig Schwarz im siebeneinhalbten Stockwerk eines Geschäftshauses in den Innenraum von John Malkovich gleiten. Spike Jonzes Komödie «Being John Malkovich» gab dem Begriff des «Mentalen» 1999 eine konkrete Gestalt und sparte nicht mit Anleihen aus den ästhetischen Welten von Kafka bis Freud. Von Jonze bis Trouvé ist es nicht weit: «Wir sind nicht entweder Marionetten oder Puppenspieler», sagt die Künstlerin in ihrem Atelier im Pariser Vorort Pantin, «wir sind beides. Wir können Dinge ändern, doch zugleich ändern die Dinge uns. Ich glaube, dass wir Erfahrung gestalten, machen im produktiven Sinn des Wortes. Im Französischen bedeutet «expérience» auch Experiment. Wir existieren nur von solcher Erfahrung, solchem Experiment her.» Während sie das sagt, umwickelt die Künstlerin sorgfältig eines ihrer Objekte, ein Gebilde aus versteiftem schwarzen Kabel, hier und da unterbrochen von einem Stecker-Paar. Hinter ihr öffnet sich ein langer, gut sortierter Atelierraum, roher Beton in einem riesigen Komplex aus Lagerhallen. Durch das Fenster blickt man auf die für die Pariser Peripherie typischen Anhäufungen aus Industriebauten und alter Bausubstanz. «Sicher, der Raum ist da, bevor wir da sind, doch indem wir ihn betreten, verändert er sich, wird konkret.» Die ambivalente Beziehung von Ich und Welt als doppelte Bindung, welche die Puppe an den Fäden hält wie ihren Puppenspieler, ist Grundfigur von Trouvés Arbeit, die man als konzeptuelle Konkretion bezeichnen könnte.
«Polder» ist der niederländische Begriff für durch Eindeichung gewonnene Terrains. Eine Verfestigung von zuvor nur optional vorhandenem Land, geronnenes Meer. Das Vage wurde hier konkret und, mit zunehmender Entfernung vom Meer durch weitere Polder, emanzipiert vom fliessenden Element. Eine trügerische Befreiung, bleibt doch das Land von Überschwemmung bedroht. Sich der starken psychoanalytischen Konnotation dieser «Verdichtungen» bewusst, nennt Tatiana Trouvé viele ihrer Arbeiten «Polder»: «Objekte, die dort installiert werden, wo eigentlich nichts sein soll.» Sie verkörpern archivierte Möglichkeiten ihres Künstler-Daseins.
Archiv
«Lange Zeit war mir der Begriff des Archives sehr wichtig, schon der Fakt des Erinnerns verändert ja die Dinge, ihre Beziehung untereinander. Die Polder sind nach und nach selbständig geworden, haben immer mehr Platz eingenommen. Sie wurden strukturierend für meine Arbeit.» Ein Prozess vom Archiv «impliziter Aktivitäten» zum Objekt und seiner Erfahrung im Raum.
1969 definierte Michel Foucault das Archiv, jenes mächtige Dispositiv, welches das Wissen seit dem 18. Jahrhundert zu bewahren, zu ordnen und zu kanalisieren versucht, als «Saum der Zeit, die unsere Gegenwart umgibt», als «das, was uns ausserhalb von uns begrenzt». 1968 wurde Tatiana Trouvé geboren. Seit 1997 archiviert sie. Es war das Jahr, in dem sie, das Kind mit italienischen Wurzeln, das in Dakar aufwuchs, als erfolgreiche Absolventin der Kunsthochschule Villa Arson in Nizza nach Paris kam. «Ich hatte kein Geld, kein Atelier, keine Galerie, stand wie so viele Künstler an diesem Punkt, an dem man sich fragt, von wo aus man seine Arbeit entwickeln soll. Ich entschied, genau diese Situation zum Gegenstand zu machen.» Trouvé wollte nicht jammern, sie wollte analysieren. Im «Bureau des activités implicites» sammelte sie Bewerbungsschreiben, Job-Absagen, Werktitel unrealisierter Arbeiten. Nach und nach entstand jedes der schliesslich dreizehn Module ihres Archivs. Eine Sammlung auch im Sinne der Konzentration vor dem Start: Inzwischen ist Trouvé eine der meist diskutierten Künstlerinnen Frankreichs, wird von Grosskritiker Philippe Dagen in «Le Monde» freundlich-gönnerhaft «la petite fille ironique de Duchamp» genannt. Das adelt in einem Land, dessen überkommener Kunstdiskurs noch immer in der Post-Picasso-Duchamp-Ära steckt. Warten
«Im «Modul des Wartens» habe ich die Geräusche aufgenommen, die uns beim Warten umgeben. Anfangs, besonders auf der Post, hat mich das Warten total aufgeregt. Dann habe ich begriffen, dass Warten nicht unproduktiv ist. Vielmehr konstituiert es das Subjekt. Einen grossen Teil unseres Lebens verbringen wir wartend. Oft warte ich auch im Atelier, vor meiner Arbeit.» Ein Ich, das wartend wird: Das klingt nach Lacans gespaltenem Subjekt, das sich im Begehren des Anderen immer verfehlt. «In meiner Arbeit benutze ich keine Psychoanalyse, ebenso wenig wie ich Philosophien oder Literatur zitiere», erwidert Trouvé. Samuel Becketts «Warten auf Godot» beginnt mit folgender Szene: «Landstrasse. Ein Baum. Abend. Estragon sitzt auf der Erde und versucht, seinen Schuh auszuziehen. Er braucht beide Hände dazu und stöhnt dabei.» Trouvés Installationen stehen solchen Szenen wie Bühnenbilder zur Seite und sie präzisiert: «Literatur war und ist für mich ein wichtiges Bezugsfeld, ich stütze mich jedoch nicht auf einen Roman.»
Tatsächlich lesen sich manche ihrer ortsbezogenen Arbeiten, jedoch besonders auch die Zeichnungen wie eine Poetik des Raumes, wie architektonische Topoi. «Mir geht es um die Erfahrung des Raumes. Deshalb baue ich meine Arbeiten auch vor Ort. Natürlich bereite ich mich präzise vor, aber dann reagiere ich auf den Raum, auf die unbewussten Bindungen, die er bereithält.» Für ihre Ausstellung anlässlich des «Prix Marcel Duchamp» im Centre Pompidou entschied sie sich für eine Teilung des Raumes. Abstrakte Streben bilden eine Art Paravant und eine Spiegel-Linie, an der sich Arbeiten verdoppeln. Schwarzer Sand rieselt dies- wie jenseits dieser Barriere aus der Wand. Man sieht nicht, woher er kommt, doch er füllt den Raum. Mehr als 2 Meter wird der Haufen am Ende der Ausstellung erreicht haben: «Der sichtbare wird vom unsichtbaren Raum heimgesucht.» Durch ihre Intervention wird ein vorgefundener Raum zum Ort, zur Situierung eines Werkes, das sich erst aus dem in situ ableiten liess.
«Ich wollte als junge Künstlerin aus dem Nichts, der Leere das Kraftzentrum eines Werks machen, das «Bureau des activités implicites» erzählt davon. Ich habe viel archiviert, aber manchmal hatte ich das Gefühl, nur Leere zu archivieren. Leere im Sinne von all jenem, das keine Form annimmt. So habe ich ein ganzes Werk um das Nichts herum entwickelt.» Wie jenen «Polder» aus einem Stück Felsen, in das Messingschlösser geschlagen sind, so grotesk, wie das ganze tautologische Gebilde selbst. Eingeschlossen ist nichts und dieses Nichts nimmt durch den Stein Form an. Es ist ein Raum, den es nicht gibt und der doch präsent ist. Raum bildet sich durch formenden Zugriff und ist doch, als Grundkategorie des Daseins, ungreifbar. Eine paradoxe, ausweglose Situation, da die blosse physische Existenz uns bereits dem Raum aussetzt. Trouvé begreift diese doppelte Bindung als existenziell und hat ihr mit der Ausstellung «Double Bind» 2005 im «Palais de Tokyo» Gestalt gegeben. Der Besucher bewegte sich durch gleichsam geängstigten Raum. Erdaufschüttungen in verglasten Räumen, enge Korridore, durch die Kupferdrähte laufen, kniehohe Türstürze, die in leere Kammern führen: Jeder «Polder» gewinnt dem Raum einen Ort, ein Stück konkretes Terrain ab, das ihn zwingt, sich als imaginäres Gebilde, als mentaler Raum, als Stimmung oder Ausformung von Erinnerung zu zeigen.
Reales
«Mit meiner Arbeit drücke ich nicht etwas aus. Ich produziere Realität, mein Leben ist in diesem Sinne ein Produkt. Proust hat einmal geschrieben, dass die Realität sich nur in einem Geiste, in einem Bewusstsein formt. Das ist meine Überzeugung: man darf nicht glauben, die Realität sei etwas, das uns zustösst.» Tatiana Trouvés Welt gleicht einem ins Rutschen geratenen siebeneinhalbten Stockwerk ohne Ausgang. Sie kehrt den psychischen Raum nach aussen, in eine Form. Ihre Module, Polder, Miniaturen, die an Fitnessstudios, Umkleide- oder Folterkammern gemahnen, deren lederne S/M-Ästhetik bisweilen jener von Fabrice Gygi ähnelt, gestalten einen architektonischen Raum, der sich seiner eigenen Setzungen bewusst wird. So gelangt sie von der Oberfläche der Objekte zur Bedingung ihrer Möglichkeit in konkretisierten, unheimlichen Innenräumen. Und erneut findet sich ein literarisches Echo zu diesen Installationen: «Das Haus» von Mark Z. Danielewski, ein Roman, den Trouvé selbst als wichtig für ihre Arbeit bezeichnet. Einer der Aphorismen am Schluss lautet: «Das Haus ist Geschichte, und Geschichte ist unbewohnt.» Tatiana Trouvé baut solche Wohnungen.

Tatiana Trouvé (*1968 in Cosenza, Italien) lebt und arbeitet in Paris
1989 Abschluss des Studium an der Villa Arson, Nizza
1989-1993 Post-Diplom-Aufenhalt in den Niederlanden
2005 ISCP, sechsmonatige Residenz in New York
2008 «Tatiana Trouvé», Galerie Johann König, Berlin (Einzelausstellung)

Jens Emil Sennewald, Kunstkritiker und freier Publizist. Emil@texte-tendenzen.de

Until 
28.09.2008

«Tatiana Trouvé», Centre Pompidou, espace 315, Paris. Bis 29.9.
«Tatiana Trouvé», Frac des Pays de la Loire, Carquefou. Bis 12.10.
Manifesta7, Trentino/Südtirol, bis 2.11.Katalog (f/e), Verlag der Buchhandlung Walther König, Berlin/Paris 2008

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