Roman Signer

Unfall als Skulptur, 2008, Kunstraum Dornbirn.Foto Michael Bodenmann

Unfall als Skulptur, 2008, Kunstraum Dornbirn.Foto Michael Bodenmann

Beim Radiosender Beromünster, 2008.Foto: Aleksandra Signer

Beim Radiosender Beromünster, 2008.Foto: Aleksandra Signer

Fokus

Seit den Neunzigerjahren zählt Roman Signer zu den international bekanntesten Schweizer Künstlern. Die «Aktionen vor Publikum», bei denen er oft gefährliche Explosivstoffe einsetzte, brachten ihm die spektakuläre Bezeichnung «Sprengkünstler» ein. Trotz zunehmendem Erfolg entwickelt Signer seine Projekte nach wie vor hauptsächlich allein und trug mit seinen existenziell-lakonischen Arbeiten wesentlich zur Entwicklung von Skulptur seit den Siebzigerjahren bei. Die Ausstellung im Helmhaus Zürich und der siebzigste Geburtstag des Künstlers waren Anlass für ein Gespräch.

Roman Signer

«Es ist nicht einfach nur ein Chlapf!»

Grzonka: Der zeitgenössische Kunstbetrieb fordert geradezu eine Haltung des permanenten Zurverfügungstehens. Wie gehst du damit um?

Signer: Ich bin ja nicht aus Geldgründen Künstler geworden, sondern weil Kunst für mich ein Abenteuer bedeutet und das Leben spannend macht. Ganz früher arbeitete ich in einem Büro als Bauzeichner, aber da wurde ich sehr krank und bekam starkes Asthma. Es ging damals, pathetisch gesprochen, um Sein oder Nichtsein. Und plötzlich wusste ich, dass ich alles auf eine Karte setzen musste, denn ich hatte Angst, dass ich sonst vielleicht sterben würde. Ich musste den Mut aufbringen, Künstler zu werden, egal, ob die Leute dies verstehen und gut finden würden. Der Erfolg ist zwar eine gewisse Bestätigung, aber ich habe mich immer dagegen gewehrt, als Spektakelkünstler wahrgenommen zu werden. Wenn man zu viele Ausstellungen macht, schadet man sich als Künstler, weil man keine Zeit mehr hat, etwas zu entwickeln.

Grzonka: Woher kam deine Affinität zur bildenden Kunst?

Signer: Mein Vater war Musiker und hatte auch einige Künstlerfreunde, aber in Appenzell, wo ich geboren wurde, gab es diesbezüglich wenig Anregung. Mein Glück war, dass ich im Alter von 18 Jahren mit meinen Eltern nach St. Gallen gezogen bin, das war für mich eine ganz wichtige Zeit. Ich konnte hier Galerien besuchen, begann viel zu lesen und mich für Kunst zu interessieren. Anfangs stand vor allem die Architektur im Vordergrund, daher auch mein Bezug zur Skulptur, zum Dreidimensionalen. Eine Standortbestimmung

Grzonka: Welche Künstler, welche Kunst haben dich damals interessiert?

Signer: Ausgehend von der Architektur waren dies zunächst Frank Lloyd Wright, Le Corbusier, Richard Neutra, Walter Gropius. Ich hatte einen gewaltigen Nachholbedarf: angefangen beim Impressionismus und Cézanne über die Gegenwartskunst, die Amerikaner - Bruce Nauman, Robert Morris - bis zur Land Art. Ich nahm einfach zur Kenntnis, was da passierte. Auch war ich früher sehr sportlich und bin beispielsweise viel Kajak gefahren. Aber als ich krank wurde, merkte ich, dass ich meine Energie in geistige Abenteuer umlenken und diese selber konstruieren muss.

Grzonka: Diese Krankheit war also ein sehr realer Einschnitt in deinem Leben.

Signer: Es war eine absolute Zäsur. Ein Jahr lang war ich rekonvaleszent und konnte nicht arbeiten. Aber ich hatte viel Zeit, nachzudenken und die Natur zu beobachten.

Grzonka: Welche deiner Arbeiten waren rückblickend für dich besonders wichtig?

Signer: 1971/72 war ich mit einem Studentenaustauschprogramm in Polen; ganz frühe Arbeiten waren damals ein Sandkubus sowie eine Tonplatte mit meinem Abdruck: Selbstbildnis durch Gewicht und Fallhöhe. Das war der Anfang, eine Standortbestimmung. Es gab immer wieder ganz einfache Arbeiten, die mir wichtig waren. Meine erste Ausstellung hatte ich erst mit 35 in St. Gallen, da war ich also bereits kein junger Künstler mehr.

Grzonka: Wann hast du mit den Aktionen angefangen?

Signer: 1981, aber die Einleitung dazu, der Schritt zum Film, geschah bereits 1975. Anfangs habe ich die Filme vor allem Freunden gezeigt, die dann allmählich bei den Aktionen dabei sein wollten, und schliesslich wurde das zu meinem Ansatz in der Kunst. Auch wenn ich heute immer weniger Aktionen vor Publikum mache, ist es dennoch ein wichtiger Teil meiner Arbeit geblieben. Aktion und Arbeit

Grzonka: Du machst einen grossen Unterschied zwischen Aktion und Arbeit.

Signer: Immer steht die Skulptur im Zentrum, aber der Unterschied besteht in der Vermittlung. Eine «Arbeit» ist viel ruhiger, sie gelingt meistens besser, weil die Stimmung weniger nervös ist, die Filmaufnahmen werden besser. Eine «Aktion» erscheint extrovertierter: Ich habe immer gesagt, dass das Publikum durch eine Transformation die Herstellung einer Skulptur live mitverfolgt. Bei der «Arbeit» sieht es die Herstellung der Skulptur nur im Foto.

Grzonka: Deine Objekte sind in diesem Sinne nicht «dematerialisiert», sondern sie sind transformiert?

Signer: Es sind Arbeiten, die entstehen und vergehen. Und für mich ist dieses «Dazwischen» wichtig, nicht nur das Resultat: nicht das Ästhetische, sondern der Prozess. Ich behaupte, eine Explosion hat vom Anfang bis zum Schluss tausend verschiedene Formen und jede ist für sich eine Skulptur, eine eigene Welt, wie wenn man einen Wassertropfen durch ein Mikroskop betrachtet. In dieser Zeitdehnung passieren unglaubliche Vorgänge, es ist nicht einfach ein Chlapf! Nein, es sind Strukturen, die sich verändern, das fasziniert mich. Neue Technik

Grzonka: Im Helmhaus Zürich zeigst du vorwiegend Projektionen, das heisst Filme auf Super-8 und Video. Was war für dich Super-8?

Signer: Bei meinen Reisen hatte ich immer meine Super-8-Kamera dabei und etwas Material, weil ich ein paar Dinge ausprobieren wollte. Das Warten auf das entwickelte Päckchen, den Film, den man dann laufen lassen konnte, war immer spannend. Und eigentlich dachte ich, das mache ich jetzt mein ganzes Leben lang. Aber leider ist diese Ära endgültig vorbei. Es war eine unglaublich schöne Zeit mit dem Super-8-Film, so simpel, oft war ich allein unterwegs mit Rucksack und Kamera. Und irgendwie fehlt mir das jetzt.

Grzonka: Hat sich durch die Fülle an Material, das sich durch die neue Technik, durch Video, angesammelt hat, in der Konzeption deiner Arbeiten etwas verändert?

Signer: Es ist einfach anders geworden. Ich mache jetzt viel mehr Arbeiten im Innenraum, die früher gar nicht möglich gewesen wären. Die Super-8-Filme waren immer Stummfilme. Und jetzt spielt natürlich der Ton eine grosse Rolle. Orte und Reisen

Grzonka: Welche Beziehung hast du zu den Ländern, die du besucht hast? Oft bereist du Orte mehrmals beispielsweise Island oder Polen.

Signer: In Polen war ich oft; auch zu Besuch bei der Familie meiner Frau Aleksandra Rogowiec. Nach Island kam ich zum ersten Mal 1992 anlässlich einer Gruppenausstellung und bin seither fast jedes Jahr dort. Wenn man in der Schweiz lebt, muss man hie und da eine Reise machen. Der Osten hat mich immer interessiert, 1968 war ich zum ersten Mal in Prag, dann in Russland und eine verrückte Reise führte mich einmal von Wien aus nach Prag, Budapest, Lubljana und wieder zurück.

Grzonka: Du kommst ursprünglich aus Appenzell, lebst aber schon lange in St. Gallen. Was verbindet dich mit der Gegend, in der du lebst?

Signer: Ich hätte mir schon vorstellen können, in einem anderen Land zu leben. Aber als ich jung war, ging das aufgrund meiner Krankheit nicht. Da dachte ich, dass ich in St. Gallen bleiben und auch hier etwas machen kann, denn die Landschaft ist für mich eigentlich ideal. Ich hätte auch in New York arbeiten können, nur anders, urbaner und städtischer. Als ich 1975 zum ersten Mal nach New York reiste, war ich unglaublich fasziniert. Ich kam nach Appenzell zurück und öffnete abends um neun Uhr das Fenster, schaute raus, da war kein Mensch mehr auf der Strasse, es war totenstill. Bereits nach drei Wochen Wegsein kam mir das unheimlich vor. Seither war ich einige Male in den USA und habe dort auch mehrmals ausgestellt.

Grzonka: Dein Weg ging mehr übers Ausland als über die Schweiz. Warum?

Signer: Das weiss ich auch nicht, selbst von meiner grossen Documenta-Aktion 1987 wurde in der Schweiz kaum Notiz genommen. Frankreich, England, Amerika, Holland und Österreich waren eigentlich die wichtigeren Orte für mich. 1997 wurde ich zu Skulptur Projekte Münster eingeladen und das war dann der Durchbruch. Seither kann ich von meiner Kunst leben.

Grzonka: Was interessiert dich an der Natur?

Signer: Die Natur ist eine Inspirationsquelle für mich. Ich beobachte zum Beispiel sehr gern und sehr genau Wasserströmungen, wie jetzt in der Limmat. Ich bin kein ausgesprochener Pflanzenkenner, vielmehr interessieren mich die Dynamiken, die Kräfte: Lawinen, Wellen, Bergstürze, Vulkane. Katastrophen interessieren mich auch, aber nicht die vom Menschen verursachten, sondern Naturkatastrophen.

Grzonka: Was war deine Reaktion beim Anschlag auf das World Trade Center 2001?

Signer: Da gab es ein sehr merkwürdiges Erlebnis: An diesem Tag musste ich von London spätabends nach Zürich zurückfliegen. Da ich noch etwas Zeit hatte, ging ich um 16 Uhr noch in der Londoner City spazieren und sah dann in einem Schaufenster die brennenden Türme und dachte, es wäre Krieg. Als ich am Flughafen Heathrow ankam, gab es zwar jede Menge Monitore, aber um eine Panik zu vermeiden, wurde nichts übertragen. Durch Zufall war ich also der Einzige, der von dem Ereignis wusste. Materiallisten

Grzonka: Wie kommst du eigentlich zu deinen Gegenständen und Materialien?

Signer: Ich habe einmal folgende Materialliste zusammengestellt: Sand, Wasser, Benzin, Sprengstoff, Gummi, Asphalt, Luft, Metall, Eisen, Aluminium, Kupfer, Holz, Piaggio, Staubsauger, Helikopter, Ventilatoren, Kajak, Revolver, Eimer, Tisch, Rakete, Stühle, Regenschirm, Stiefel, Fässer.

Grzonka: Warum interessieren dich gerade diese?

Signer: Das kann ich nicht sagen. Plötzlich finde ich einen Gegenstand hochinteressant, wie wenn ich ihn beseelen müsste, dann kommt er neu dazu. Es geht mir ja nicht darum, möglichst viele Gegenstände zu verwenden. Aber du glaubst nicht, wie es je länger je schwieriger wird, reine Gegenstände zu finden.

Grzonka: Aber du kommst doch immer wieder auf dieselben Dinge zurück?

Signer: Ich kann sie immer wieder mit andern Gegenständen verheiraten, wie ich dem sage. Erst wenn ich eine lange Beziehung zu diesen habe, kann ich etwas mit ihnen machen, wenn ich etwas erfahren habe. Das ist daher nicht allein ein Spiel.

Until 
17.11.2008

Patricia Grzonka, geboren in St. Gallen, ist Kunsthistorikerin, Kunst- und Architekturkritikerin und lebt in Wien. patricia2@mka.at

Projektionen, Helmhaus Zürich, Vortrag Paul Good, 14.12., 11.00 Uhr; Künstlergespräch, 6.1., 18.30 Uhr.
«Roman Signer: Projektionen - Super-8-Filme und Videos 1975-2008», Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich, und Steidl Verlag, Göttingen (e)?Galerie Martin Janda, Wien, 28.11. bis 17.1.
«Alles in Fluss - Roman Signer», Städtische Museen Heilbronn, bis 22.2.

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