Aktualisierung durch Aneignung - Performancestrategien der 1970er- Jahre heute

Lilibeth Cuenca · A Void, Performance, 2007, Kirkhoff, Gallery, Kopenhagen. © ProLitteris, Zürich. Foto: David Høi

Lilibeth Cuenca · A Void, Performance, 2007, Kirkhoff, Gallery, Kopenhagen. © ProLitteris, Zürich. Foto: David Høi

Fokus

Wo liegen die Schnittstellen zwischen den künstlerischen Avant­garden der Siebzigerjahre und einem ständig zunehmenden In­teresse an der Performancekunst? «Re.act.feminism» in Berlin und eine Interview- und Performancereihe in der Schweiz suchen nach Antworten.

Aktualisierung durch Aneignung - Performancestrategien der 1970er- Jahre heute

Die historischen Dokumente der Siebzigerjahre überwiegen in dieser ausschliesslich Künstlerinnen gewidmeten Ausstellung und zeugen vom revolutionären Geist der Zeit und von der Idee, die Gegensätze von Kunst und Leben zu überwinden. Was mag ausschlaggebend sein für das neuerwachende Interesse einer jüngeren Generation an Perfomances? Kommen angesichts von Second Life und einer undurchdringlich finanzorientierten Welt eine essenzialistische Auffassung vom Körper dem aktuellen Wunsch nach «mehr Realität» und Authentizität entgegen?
Die Ausstellung selbst hat darauf keine direkten Antworten parat, führt jedoch in jedem Fall über eine Art des Re-reading hinaus und versucht durch Formen der Wiederholung oder Aneignung den Diskurs über die feministisch motivierte Kunst der 1970er-Jahre zu erweitern.
In der Eröffnungsperformance der deutschen Künstlerin Cornelia Sollfrank allerdings musste man den Eindruck gewinnen, als ginge es auch darum, durch Referenzieren symbolischen Mehrwert für die eigene Arbeit zu akkumulieren, denn in ihrem Re-enactment einer Aktion von Niki de Saint Phalle war nicht zu erkennen, in welcher Weise hier eine Aktualisierung der Arbeit Sinn machte, fand doch durch die Wiederholung keine Verschiebung hin zu etwas Neuem statt. Stattdessen setzten sich hier die avancierteren Künstlerinnen Carolee Schneemann mit einer Performance-Lecture, insbesondere aber Colette mit einer Re-Inszenierung eines ihrer berühmten Tablaux vivants durch. Dass es aber jenseits der dominierenden älteren Generation von Bildenden Künstlerinnen, denen mit dieser Ausstellung vor allem Respekt gezollt wird - insbesondere auch durch den Einbezug von drei bislang wenig beachteten Künstlerinnen der ehemaligen DDR -, auch viele spannende neue Arbeiten zu entdecken gilt, davon kann man sich insbesondere durch das in die Ausstellung integrierte Videoarchiv überzeugen. Zahlreiche Live-Performances während der Dauer der Ausstellung helfen vielleicht den Blick weiter zu korrigieren und auch den jüngeren Positionen den entsprechenden Raum zuzugestehen, wie es jüngst Andrea Saemann und Katrin Grögel mit ihrem Projekt «Performance Saga» und dem sich daran anschliessenden Performance-Festival mit vielen jüngeren KünstlerInnen versucht haben. Sie werden im Rahmen der Tagung zur Ausstellung «re.act.feminism» auch darüber berichten.

Maren Lübbke-Tidow, Kuratorin und Redakteurin bei Camera Austria (Graz)

Until 
13.02.2009

«re.act.feminism. performancekunst der 1960er und 70er Jahre heute.» Akademie der Künste, Berlin, 8.2. Tagung, 22.1.-25.1.

Performance Saga Festival, Théâtre Arsenic, Rue de Genève 57, Lausanne, 12.2.-14.2.
Performance Saga Festival, Basel, an verschiedenen Orten, 25.4.

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