Christoph Wachter und Mathias Jud - Arbeiten am Bild der Welt

Christoph Wachter und Mathias Jud auf der Chinsesischen Mauer, picidae, 2008

Christoph Wachter und Mathias Jud auf der Chinsesischen Mauer, picidae, 2008

Eingang zu einem Internet Café in Beijing, April, picidae, 2007

Eingang zu einem Internet Café in Beijing, April, picidae, 2007

Fokus

In internationalen Beziehungen wird Kunst gern als Botschaf­terin eingesetzt. Gerade auch dann, wenn sie politisch Position bezieht. Denn meist bleibt ihr Wirkungsradius auf ein überschaubares kulturelles Feld beschränkt - und damit kontrollierbar. Doch was, wenn es einem künstlerischen Projekt gelingt, tatsächlich Grenzen zu überschreiten und beispielsweise Zensurmassnahmen nachhaltig zu unterlaufen?

Christoph Wachter und Mathias Jud - Arbeiten am Bild der Welt

Dass sich diese Frage durchaus nicht nur rhetorisch stellen lässt, zeigen zwei Schweizer Künstler: Christoph Wachter und Mathias Jud. Ausgerechnet in jenem Jahr, da anlässlich der Sommerolympiade ohnehin alle Welt nach China blickte und die problematische Zensurpolitik der Regierung immer wieder aufs Neue für Schlagzeilen sorgte, liessen die beiden ihre «Mauerspechte» frei.
Gleichsam vogelflink, doch ungleich schneller als in früheren Jahrhunderten mit vergleichbaren Aufgaben betraute Brieftauben, befördern ihre «picidae» im Internet verfügbare Informationen in Länder, in denen diese sonst nicht so ohne Weiteres ankommen würden. Denn das sogenannte «World Wide Web» ist, anders als es sein Name verspricht, keineswegs weltweit dasselbe. Tatsächlich werden - sei es aus religiösen, ethischen oder politischen Gründen - vielerorts im Auftrag staatlicher Behörden Webseiten zensiert, indem man zentral den Zugriff auf sie sperrt. Wer in China beispielsweise bei einer gebräuchlichen Suchmaschine wie Google auf Chinesisch oder Englisch das Wort «Demokratie» eingibt, erhält nur einen Bruchteil der eigentlich verfügbaren Ergebnisse angezeigt. Auch die direkte Eingabe von Webadressen in die Browser-Zeile hilft im Zweifelsfall nicht weiter: Die gewünschte Seite wird blockiert, indes der Browser meldet, dass sie nicht erreichbar sei oder sogar dreist einen harmlosen Ersatz präsentiert.

Mit Bildern durch die Chinesische Mauer

Mit ihrem Projekt «picidae» haben Wachter und Jud ein wirksames Werkzeug entwickelt, um diese Mauer der Zensur zu durchbrechen. Den Namen «Mauerspechte» wählten sie in Hommage an jene Menschen, die nach dem Fall der DDR die Mauer zwischen Ost- und Westberlin Stück um Stück aufpickten, bis kaum mehr etwas von ihr übrig war. Gegen Internet-Zensur ist mit Meisseln natürlich nichts auszurichten, hier sind kundige Programmierer gefragt. Gleichwohl verliessen sich Wachter und Jud nicht nur auf das, was man «Vorsprung durch Technik» nennen könnte, die gewitzt zum Einsatz kommt. Wie man es von Künstlern erwarten möchte, arbeiten die «Mauerspechte» nämlich mit dem ureigensten Mitteln der Kunst: Mit Bildern.
«Ceci n'est pas une page du web» steht in Anspielung auf René Magrittes berühmtes Pfeifenbild auf einem Screenshot zu lesen, mit dem die beiden die Kurzvorstellung von «picidae» in ihrer Werkbiographie illustrieren. Keine Webseite, sondern das Bild einer Webseite: Genau in diesem feinen Unterschied liegt der Schlüssel ihrer Strategie. Zensurmassnahmen im Internet basieren auf Filtern, die Inhalte einer Webseite auf Schlagworte oder Adressen durchsuchen - also auf Zeichenfolgen, auf Text beziehungsweise Code. Sucht man nun eine Webseite oder ein Schlagwort nicht direkt, sondern über einen der im picidae.net installierten Server, so wird von der betreffenden Seite zunächst ein Screenshot-Bild generiert und dieses dann als Such­ergebnis ausgeliefert. Damit im Anschluss dann auf und von diesem Abbild ausgehend auch ein Surfen möglich ist, analysiert der «pici-Server» zeitgleich die Webseite und setzt via «Imagemaps» - verweissensitive Grafiken - auf dem Abbild überall dort Links, wo sich diese auf der ursprünglichen Webseite befinden. Wie auf dieser lässt sich daher auch auf ihrem vom «pici-Server» ausgelieferten Bild im Browser mit der Maus auf die Links klicken.

Vernetzte Spechte picken an der Zäsur
Die Surfer muss es also gar nicht stören, dass sie es mit einem Abbild des World Wide Web zu tun haben - das ihnen, anders als das Original, trotz der Zensur nun zugänglich ist. Hingegen sind die Filter der Zensoren gegenüber den Bildern machtlos. Und selbst wenn sie die Hauptadresse des «picidae.net» blockieren, stehen dank der Netzwerkarbeit von Jud und Wachter mittlerweile immer mehr alternative Server bereit, um einzuspringen: Denn jede/r, der oder die das Projekt unterstützen will, kann leichter Hand einen kleinen «pici-Server» auf dem eigenen Rechner installieren.
Dass «picidae» tatsächlich funktioniert, haben die beiden Künstler natürlich bereits in der Praxis überprüft. Mehrere Wochen lang suchten sie vor Ort in Peking und Schanghai die verschiedensten Internet-Cafés auf und surften bevorzugt Seiten an, die bei normalem Zugriff vom «Golden Shield» der chinesischen Zensur blockiert wurden. Dank der «pici-Server» waren sie erreichbar.

Künstlerreisen in Sperrgebiete
Allerdings sind sich Jud und Wachter bewusst, dass man mitnichten immer in die Ferne reisen muss, um Erfahrungen mit Zensur zu machen. Auch in der sogenannten freien westlichen Welt gibt es Informationen, die von Regierungen bewusst unterdrückt werden. Mitten in einer Umgebung, über die wir alles zu wissen oder mindestens alles erfahren zu können glauben, existieren Sperrgebiete, zu denen uns der Zugang verwehrt bleibt. Manche - wie etwa Guantanamo - haben es in jüngerer Zeit zu Medienprominenz gebracht, so dass sie immerhin ins allgemeine Bewusstsein aufgerückt sind. Doch wie viele solcher verbotenen Zonen existieren, ohne dass wir davon überhaupt Kenntnis nehmen? Dieser Frage geht «Zone*Interdite», das erste gemeinsame Webprojekt der beiden Künstler nach. Systematisch sammelt es Bilder von Sperrgebieten und vernetzt die verfügbaren Informationen, um die weissen Flecken auf den Landkarten wahrnehmbar zu machen - in der Schweiz beispielsweise den Bundesratsbunker - und durch verlässliche Daten zu ersetzen.
«Unsere Wahrnehmung der Welt ist lückenhaft. Unsere Betrachtung folgt Spielregeln, die wir nicht selbst aufgestellt haben und deren Wirkungsweise wir kaum kennen. Immer wieder geraten wir an Schranken und stehen vor verbotenen Zonen. Ganze Inseln, Landstriche und Städte verschwinden als abgegrenzte Bollwerke der Macht in schwarzen Löchern. ? Hier interveniert Zone*Interdite, rekonstruiert das Terrain und drängt unsere Weltsicht über die Lückenhaftigkeit hinaus. Die Leerstellen auf der Landkarte und der blinde Fleck in unserer Wahrnehmung füllt Zone*Interdite wieder mit Bildern, mit der Vorstellungskraft, der Spekulation und der kritischen Befragung», schreiben Wachter und Jud auf der Webseite des Projekts, an dem sich - wie ein Blick auf das Forum verrät - immer mehr Menschen engagiert beteiligen.

Unsichtbares sichtbar machen
Mit Bildern Unsichtbares sichtbar machen: Für Paul Klee war dies das Wichtigste, was Kunst zu leisten vermag. Christoph Wachter und Matthias Jud folgen Klees Devise - mit ihren, zeitgemässen Mitteln und im Bewusstsein um die gesellschaftliche Verantwortung, die sie als Künstler tragen. Für ihre beiden Projekte haben sie mittlerweile viel Anerkennung erhalten - nicht nur im künstlerischen Feld, in Form vom Ausstellungen, Preisen und Stipendien. Tageszeitungen und Magazine berichteten, politische Initiativen und humanitäre Organisationen trugen die Botschaft weiter. Und vor allem anderen belegt das Feedback auf den Webseiten, dass beide Projekte die Menschen erreichen, die von Zensur und Informationsunterdrückung betroffen sind.
Die Problematik der «Blinden Flecken» überhaupt erst einmal ins Bewusstsein zu rücken und die «Weissen Flecken» als solche fassbar zu machen, bleibt Wachter und Jud ein wichtiges Anliegen, für dessen Vermittlung sie sich jedoch nicht allein auf ihre Webprojekte verlassen wollen. Ausstellungen sind und bleiben für sie ein wichtiges Medium, um direkt vor Ort mit den Menschen zu sprechen, Zugänge zu schaffen und weiterführende Fragen zu stellen. Für «picidae» haben sie deshalb die Installation «Wang-Ba» entworfen, ein erweitertes chinesisches Internet Café, das neben Rechnern zum Surfen und Raum für Diskussionen auch Platz für zusätzliche Ausstellungselemente bietet - sei es Kunst, Literatur, Dokumente von Dissidenten oder von einschlägig engagierten lokalen Initiativen. Dort sind sie nach Möglichkeit selbst präsent. Auch dieses Engagement wollen Mathias Jud und Christoph Wachter als Teil ihrer Kunst verstanden wissen. Schliesslich geht es um Arbeit an und mit Bildern: Den sichtbaren und den unsichtbaren Bildern, die jeweils eigene Antworten geben auf die Frage: «Wem gehört die Welt?»

Verena Kuni, Kunst-, Medien und Kulturwissenschaftlerin, lehrt Visuelle Kultur am Institut für Kunstpäda- gogik der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

«Die Innovationskraft, die neue Sichtweise und der neue Kunstbegriff sind stets bezeichnend gewesen für bedeutende Kunstwerke und wirkten immer auf Machtverhältnisse und die Kommunikationssituation zurück. picidae entspricht ganz klassisch der Bildenden Kunst, weil das Projekt fragt: Wie sehe ich die Welt, wie mache ich mir ein Bild der Welt? Wie erlange ich eine neue Ansicht, wie öffne ich neue Perspektiven, eine neue Sichtweise? Kann ich etwas anderes sehen und denken, als mir zugedacht und für mich vorgesehen wurde?»

Christoph Wachter & Mathias Jud, picidae.net
Christoph Wachter (*1966 in Zürich) lebt in Berlin.
Mathias Jud (*1974 in Zürich) lebt in Zürich.
Seit 2000 gemeinsame Projekte.

Ausstellungen (Auswahl)
2008 Kunsthaus Dresden (D); Galerie5020, Salzburg (AT); NGBK - Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin (D); Walcheturm, Zürich (CH); Manchester Art Gallery, Manchester (UK); V2, Rotterdam (NL)
2007 FILE RIO, Rio de Janeiro, Brasilien (BR); Werkleitz Gesellschaft, Halle (Saale) (D); Shift Electronic Arts Festival, Basel (CH); Monitoring, Kulturbahnhof/Kasseler Kunstverein, Kassel (D)
2006 [plug.in], Basel (CH); Ars Electronica, Linz (AT); FILE, Sao Paulo (BR)

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