Vermessen

Kerstin Ergenzinger · Horizont in 3 Distanzen, Djebel Saghro, 2008, Bleistift, Tusche auf Papier,
18 x 15 cm

Kerstin Ergenzinger · Horizont in 3 Distanzen, Djebel Saghro, 2008, Bleistift, Tusche auf Papier,
18 x 15 cm

Kerstin Ergenzinger · Studie zur Sehnsucht, 2007; Hintergrund: Hamish Fulton, Water from the Mountains, 2007

Kerstin Ergenzinger · Studie zur Sehnsucht, 2007; Hintergrund: Hamish Fulton, Water from the Mountains, 2007

Besprechung

Ist es vermessen, einer Ausstellung den Titel «Vermessen» zu geben? Katharina Ammann, neue Kuratorin des Bündner Kunstmuseums, hat bewusst dies doppeldeutige Wort für ihre erste Präsentation gewählt. Nahezu zwanzig künstlerische Standpunkte seit den Sechzigerjahren werden vorgestellt.

Vermessen

Zu einem so weitläufigen Thema muss die Auswahl beliebig sein - was könnte man nicht alles unter den Begriff «Vermessen» subsumieren? Doch es ist Ammann gelungen, ganz neue Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern mit altbekannten Beispielen in einen reizvollen Dialog treten zu lassen. Die Ausstellung spricht ein Publikum an, das sowohl an Kunst als auch an Technik interessiert ist.
Es geht um Strategien zur Erfassung von Raum - ein uraltes Bestreben, das mit unterschiedlicher Präzision schon lange verfolgt wurde. Mit der Land Art hielt die Vermessung der Welt Einzug in die Kunst. Roman Signer ist schon 1989 aufgebrochen und hat mit abgebrannten Zündschnüren während eines Monats den Weg von seinem Geburts- zum Wohnort, von Appenzell nach St. Gallen, abgeschritten. Die auf dem Schmuggelpfad am Lago di Poschiavo ausgeführte Performance von Christoph Rütimann, «Il Contrabbandiere», 1996, basierte ebenfalls auf dem Gehen, Abschreiten und damit Festhalten von Weg und Strecke. Beide Arbeiten sind Teil der Ausstellung. Auch Hamish Fulton, dessen grandioses Wallpainting «Water from the Mountains», 2007, mit sieben zu weissen Dreiecken reduzierten Engadiner Bergen die Hauptwand im Bündner Kunstmuseum ausfüllt, dokumentiert das Wandern, das Fortschreiten von Zeit und Raum. Panoramafotografie von Arnold Hassler, Hans Danusers «Landschaft VI» und Thomas Flechtners Spuren der Langlaufski im Schnee arbeiten mit bekannten Messmethoden. Ganz andere Dimensionen erreichen wir mit neueren Techniken - absolute Standfestigkeit vermitteln auch diese nicht. Kerstin Ergenzinger verfolgt diesen Gedanken der Instabilität mit ihrer komplexen Bodeninstallation, in der sie auf Wanderungen gezeichnete Horizontlinien in eine zuckende, atmende Landschaft aus Polymerschaummatten, Muscle Wire und Elektronik umsetzt: Ein Geophon misst die Bodenerschütterungen und überträgt die Bewegung auf die Matten.
Peter Piller gilt als manischer Sammler und Archivar, der in ca. fünfzig Tusch- und Bleistiftzeichnungen und Fotografien seine sehr persönlichen Wegsituationen festhält. Wie feine Koordinatensysteme, fiktive Modelllandschaften muten die aquarellierten Zeichnungen von Raffaella Chiara an. Jens Brand schliesslich verknüpft Höhenkurven und Tonhöhen, die Geräuschdynamik der Gebirge und die Stille der Meere zu einer rein akustischen Installation. Im Rundgang verflechten sich altbekannte und hyperfuturistische Visionen.

Until 
06.06.2009

Katalog im Verlag für Moderne Kunst Nürnberg?

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