Markus Raetz in der Galerie Francesca Pia

Markus Raetz · Bioscoop, 1997/98,
Installation mit Projektion; Foto: Dominique Uldry, Courtesy Galerie Francesca Pia, Bern

Markus Raetz · Bioscoop, 1997/98,
Installation mit Projektion; Foto: Dominique Uldry, Courtesy Galerie Francesca Pia, Bern

Besprechung

Mimi im Lichtspieltheater: Platz nehmen, während der Film längst schon läuft, und einfach hinsehen, wie Linien sich zu Strichfiguren gliedern, zu Gesichtern, Worten oder geometrischen Körpern, um sich tanzend sogleich wieder zu verwerfen, aufzulösen. Im «Bioscoop», wie Markus Raetz sein Kino mit dem niederländischen Ausdruck nennt, lässt sich kein Höhepunkt einer linearen Dramaturgie verpassen.

Markus Raetz in der Galerie Francesca Pia

Die Anlage ist schlicht: Hinter einer Folie, die von einem Masten frei in den Raum hängt, bewegen sich filigrane Formen aus Pfeifenputzerdraht und leichten Blechen im Wind eines kleinen Ventilators. An unsichtbaren Fäden drehen sie sich um die eigene Achse, choreografisch versammelt zu einzelnen Bildern: «Spanischer Tanz», «Cubos Libres», «Mimi», «Noi».... Durch einen Diaprojektor von hinten in wechselnden Farben erhellt, werfen sie ihren ruhig bewegten Schatten auf den Bildschirm. Nach ein paar Tagen wechselt das Programm.

Bildschirme kennen wir heute als der Schonung bedürftige, hochauflösende Einmachgläser von Wirklichkeit; sie sind die Fenster zur globalen Interaktion, die sich selber nie öffnen. Mit seiner Konstruktion eines Wanderkinos dekonstruiert Markus Raetz die Illusion in der Verbindung von Lichtspiel und Theater. Seine Projektionen bergen jedenfalls kein Geheimnis. Wer sehen will, wie die Apparatur schönen Schein generiert, steht auf und verfolgt hinter dem Schirm, wie das plastische Geschehen in Echtzeit zum Bild wird. Unprogrammierbare Bewegungen und überraschender Stillstand, Amorphes und lesbare Formen, die Buchstaben von «oui», «non» und «noi» gehen ineinander über oder auseinander hervor, wie in den plastischen Schrift-Stücken aus Draht oder Guss, deren zwei in Bern ebenfalls zu sehen sind: «Todo /.../Nada».

Jenseits der modernen Alternative von «Alles oder Nichts» erhärtet Markus Raetz – wie viele Künstler heute – die Vermutung, dass Kunst zum Verständnis neuer Medien nur beitragen kann, wenn sie sich der älteren bedient und damit ihren permanenten Anachronismus anzeigt. Raetz führt Calders Zirkus weiter ins digitale Zeitalter.

Irgendwann dann einmal aufstehen, und die Phantasmagorien wieder sich selber überlassen, oder jenen späten Passanten, die nachts durchs Galeriefenster schauen.


Until 
13.06.1998
Institutionensort descending Country City
Milieu Switzerland Bern
Artist(s)
Markus Raetz
Author(s)
Hans Rudolf Reust

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