États des lieux #2

Véronique Bacchetta (Kuratorin) · Ganz Angst, 2000; Foto: Eliane Laubscher. Courtesy Fri-Art, Fribourg

Véronique Bacchetta (Kuratorin) · Ganz Angst, 2000; Foto: Eliane Laubscher. Courtesy Fri-Art, Fribourg

Besprechung

Vor zehn Jahren wurde das Fri-Art, das Centre d’Art Contemporain de Fribourg, eröffnet. Zum Jubiläum präsentiert Michel Ritter, Gründer und Direktor des Fri-Arts, vier «États des lieux», deren Gestaltung er eingeladenen Kuratoren überlässt. Nach Nicolas Bourriaud (Paris) sind nun die Ausstellungen von Véronique Bacchetta (Genf), Lionel Bovier (Genf), Esther Eppstein (Zürich), Harm Lux (Zürich), Michelle Nicol (Zürich) und Hans-Ulrich Obrist (Paris) zu sehen.

États des lieux #2

Die Reise nach Fribourg lohnt sich. Es gibt einige interessante und witzige Arbeiten zu sehen, unter anderen von Christoph Büchel, Klat, Mai-Thu Perret, Xavier Veilhan und Jörg Lenzlinger/Gerda Steiner. Zum anderen kann man sich, konfrontiert mit fünf verschiedenen Präsentationen, ein Bild der heutigen Auseinandersetzungen mit zeitgenössischer Kunst machen. Esther Eppstein ist mit ihrem «message-salon» angereist und bietet eine romantische Plattform für Begegnungen (verschiedene Veranstaltungen, siehe www.fri-art.ch) und Entdeckungen (im Archiv). Michelle Nicol richtete in «We come as friends» eine Ausstellung «in progress» ein, die das in der Kunst- und Showwelt wichtige Thema des «Berühmtwerdens» aufgreift: Die Künstler Joseph Bourban, Susan Cianciolo, Carsten Höller und Roth Stauffenberg wurden gebeten, vorzuschlagen, was sie berühmt machen möchten und wie sie dies zustande bringen wollen. Lionel Bovier bietet einen elegant-ironischen Einblick in die vielversprechende Sammlung des zukünftigen Museums of Contemporary Art in Tucson, Arizona (mit Werken von mindestens zwölf KünstlerInnen und zwei Informationsblättern). Véronique Bacchetta präsentiert unter dem schönen Titel «ganz Angst» ein Sinnbild des ambivalenten Status des Multiples und, indirekt, wohl auch des Kurators: auf einer unzugänglichen Plattform stellen sich, im Kreis drehend, fünf Multiples zur Schau. In einem andern Gebäude, dem Silo Landi, hat Harm Lux in «powersources» sieben Installationen zu einem Environnement vereint, irgendwo zwischen Urwald, Überwachung und Widerstand, Erinnerung, innere Emigration und Vision. Hans-Ulrich Obrist schliesslich kündigt für die «Dévernissage» vom 30. Juli «Les rumeurs urbaines/Urban rumors» an, einen Beitrag zum Phänom der «Gerüchte» und womöglich ein gutes Stück Infotainment.Fri-Art zeigt, wie Kunst ganz verschieden präsentiert wird, wie Kontexte geschaffen werden, wie die KünstlerInnen davon profitieren (oder auch nicht), wie KuratorInnen das Bedürfnis haben, sich persönlich einzubringen, wie ihre Rolle überschätzt wird, wie die Grenze zwischen Künstler und Ausstellungsmacher fliessend sein kann und wie lebendig diese Szene ist. Irgendwie bedenklich scheint nur, dass sich alle KuratorInnen, ausser Michelle Nicol, in eine Nische abgemeldet haben (Romantik, Tucson, Plattform, Urwald) und sich im Kleinen eine rührende Welt einrichten, Vorbild Schweiz.


Until 
29.07.2000

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