Alicia Framis im migros museum

Alicia Framis · BLOODSUSHIBANK, 1999; Courtesy migros museum für gegenwartskunst, Zürich

Alicia Framis · BLOODSUSHIBANK, 1999; Courtesy migros museum für gegenwartskunst, Zürich

Besprechung

«Loneliness in the City» heisst das Projekt der spanischen Künstlerin Alicia Framis, das nach Mönchengladbach, Dordrecht, Barcelona und Helsinki nun auch in Zürich Station macht. Zu sehen sind drei ihrer «Remix Buildings», die sowohl als Modelle als auch als konkrete Vorschläge für die Lebenspraxis funktionieren. Ergänzt wird die Ausstellung durch eine mobile Zeltstruktur auf dem Schützenareal gegenüber dem Museum. Dort sollen in zahlreichen Workshops und Diskussionen praktische Massnahmen gegen die Einsamkeit entworfen werden.

Alicia Framis im migros museum

Von einer neuen Kunst des Öffentlichen ist seit Jahren die Rede. Gemeint sind damit partizipatorische Projekte, die direkt in Lebensprozesse eingreifen und diese verändern. Nur wenige dieser Projekte wurden indessen praktisch umgesetzt; vielfach blieb es bei grossartigen theoretischen Konzepten. Zwar dürfte es auch Alicia Framis kaum gelingen, die viel beklagte Einsamkeit des postmodernen Menschen aus der Welt zu schaffen. Doch im Unterschied zu vergleichbaren Projekten vermögen ihre Vorschläge als Kunst allemal zu überzeugen: Sie sprechen Sehsinn, Intellekt und Gefühl an und sind trotz ihres gesellschaftspolitischen Engagements frei von ideologischer Verbissenheit. MINIBAR zum Beispiel lädt Frauen zum Entspannen ein. In diesem eleganten, aus edlen Hölzern gebauten Gehäuse sorgt ein gut aussehender Mann als so genannter «Comforter» für das Wohl seiner weiblichen Gäste. Auf violetten Samtkissen ruhend, werden sie dort mit aphrodisischen Getränken und anderen Annehmlichkeiten verwöhnt. Paradiesische Zustände erwarten auch die Kinder: In KIDEA dürfen sie sich für einmal in Umkehr der üblichen Situation an Orten wie IKEA der Eltern entledigen. Während sie in einem tunnelartigen Gehege unbewacht und nach Herzenslust herumtollen dürfen, sind ihre Erzieher in einer Glaskabine ausgestellt und zum untätigen Warten verdammt.BLOODSUSHIBANK, das dritte der «Remix Buildings», wartet mit einer drehenden, ganz in klinischem Weiss gehaltenen Plattform auf. Dort serviert eine Krankenschwester auf Wunsch das Rohfischgericht Sushi, während ihre Kollegin auf potenzielle Blutspender unter den Besucherinnen und Besuchern wartet. Mit dieser unerwarteten Vermischung zweier ganz unterschiedlicher Lebensbereiche eröffnet sich ein assoziativer Raum, der sowohl erheiternde wie auch beklemmende Gefühle auszulösen vermag. Trotz ihrer erfrischenden Leichtigkeit steckt in Alicia Framis’ Modellen eine geballte Ladung Kritik an unserer gebauten Umwelt. Der Besuch der Ausstellung sei deshalb Architekten und Städteplanern ganz besonders empfohlen. Nahrhaften Input bietet auch das Katalogheft «Wax & Jardins», ganz im Stil der amerikanischen Zeitschrift für luxuriöses Wohnen, «House & Garden», aufgemacht. Es versammelt zahlreiche Texte zum Thema und dokumentiert verschiedene Projekte, die die Künstlerin in den letzten Jahren realisiert hat.


Until 
21.10.2000

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