«Ein Raum ist eine Welt» in der Kunsthalle

Georges Adéagbo · Espace?! monde (Histoire de l’art), 2001Ausstellungsansicht Kunsthalle Zürich, Foto: Alex Dröhler

Georges Adéagbo · Espace?! monde (Histoire de l’art), 2001 Ausstellungsansicht Kunsthalle Zürich, Foto: Alex Dröhler

Besprechung

Sechs Künstler unterschiedlicher kultureller Herkunft haben die Räumlichkeiten der Kunsthalle mit Installationen bespielt. Die Arbeiten sind durchwegs auf metaphorischer Ebene verdichtet. Jeder Raum ist «eine Welt», eine Interpretation, eine Deutung von «Welt», ein vollständig in sich geschlossener Kosmos mit Verweisen auf historisch-politische Realitäten und kulturelle Codes. Dabei wird auch die Asynchronie von akutellen Entwicklungen thematisiert. Einmal mehr führen diese Installationen vor, dass sich die Welt letztlich nur bedingt analysieren lässt.

«Ein Raum ist eine Welt» in der Kunsthalle

Ilya Kabakov ist mit einem für sein Werk wichtigen Topos vertreten: einem kleinen, von einer nackten Glühbirne erhellten, abgeschlossenen Raum in einer fiktiven Kommunalwohnung im Moskau von 1917. Dieser ist eine Variation eines Teils der 1988 in der Ronald Feldmann Gallery, New York, gezeigten Installation «10 Personen». In der Ausstellung sieht man eines der damals gezeigten zehn Zimmer einer Kommunalwohnung. Die hier gezeigte Version hat sich aus dem Kontext der Kommunalwohnung gelöst, indem die Installation nicht mehr begehbar ist. Notenständer mit Libretti und Partituren bilden den narrativen Hintergrund für die Situation eines Musikers, der in einer Kommunalwohnung Konzerte mit den Mitbewohnern veranstalten wollte und nur Ablehnung erntete. Die Figur des Musikers, der Gemeinschaft kreieren möchte, ist ein Gleichnis für das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft oder auch die soziale Funktion von Kunst. Während Kabakov das Sein und Bewusstsein in einer Gemeinschaft thematisiert, interessiert sich Dominique Gonzalez-Foerster für den Einzelnen, der in einer medial durchfluteten Welt der Macht der Bilder ausgeliefert ist. «Une Chambre en ville» ist ein nichtssagendes Zimmer, in einem anonymen Block in irgendeiner Stadt. Auf einem mit Spannteppich belegten Boden liegen verstreut ein kleiner Bildschirm, ein Telefon, ein Radiowecker und ein Stapel Tageszeitungen: Reduziert auf die üblichen Requisiten eines urbanen Bewohners in einem entwickelten Industrieland. Schnell abfolgende Lichteinstellungen spielen auf die Illusion der Zeit, das schnelle Vergehen von Zeit, die Schnelllebigkeit in einem urbanen Umfeld an. Dieser Nicht-Ort zeugt von einer flüchtigen Präsenz in einer medial befrachteten und jederzeit verfügbaren Welt. Das Licht ist derart inszeniert, dass der Körper der Stadt in den Raum dringt.Bei Claude Lévèques «Swan Lake» dagegen lässt einen eine bühnenbildhafte dematerialisierte Traumlandschaft in einen Taumel zwischen Isolation und tagträumerischer Evasion geraten. Diese beiden auf minimale Mittel reduzierten Arbeiten bilden Gegenstücke zu Georges Adéagbos enzyklopädischer Sammlung oder zu Nari Wards reichbefrachtetem, geschütztem und doch bedrohtem Terrain, die beide nach einer Synthese der sich asynchron entwickelnden Kulturen der heutigen Welt suchen. «The choice» von Nedko Solakov konfrontiert uns derart mit unseren Erwartungshaltungen, Projektionen und unbewussten Kräften, dass durch die Leere Fülle entsteht. Mit Katalog.


Until 
20.10.2001

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