Art Light

Ceal Floyer (*1968 in Karachi, Pakistan) 1991–94 BA Goldsmith College, London, lebt und arbeitet in Berlin.

Ceal Floyer (*1968 in Karachi, Pakistan) 1991–94 BA Goldsmith College, London, lebt und arbeitet in Berlin.

Light Switch (German version) 1992-1999, Installationsansicht neugeriemschneider, Berlin 2002; Courtesy Lisson Gallery, London

Light Switch (German version) 1992-1999, Installationsansicht neugeriemschneider, Berlin 2002; Courtesy Lisson Gallery, London

Fokus

Weniger ist mehr – dies gilt auf jeden Fall für die meisten der bisherigen Installationen, Performances, Objekte und Videoarbeiten von Ceal Floyer. Dass Reduktion und Poesie sich nicht ausschliessen, dies kann in dem stillen ?uvre der jungen Britin genauso beobachtet werden, wie die sprach- und erkenntniskritische Qualität ihrer minimalistisch-konzeptionellen Inszenierungen. Die mentale Mitarbeit des Rezipienten ist dabei weit mehr gefragt als eine bloss visuelle Wahrnehmung dieser gewissermassen «leichtfertigen» Kunst.

Art Light

Über die ästhetischen Strategien von Ceal Floyer

Ein banales und doch filmreifes Szenario: Die Zimmertür ist geschlossen, im Raum dahinter aber scheint das Licht zu brennen. Erinnerungen erwachen, Erwartungen werden geweckt. Doch die Tür bleibt zu – Enttäuschung also tritt beim Betrachter ein. Eine neugierig machende Enttäuschung, der dann eine «Ent-Täuschung» im wahrsten Sinne des Wortes folgt, denn spätestens beim dritten Blick wird hier deutlich: Der lichte Spalt unter der Tür stammt nicht vom dahinterliegenden Raum, sondern verdankt sich einer millimetergenauen Projektion, die drinnen, eben vor der Tür von der Künstlerin verortet worden ist. Die Arbeit «Door», 1995, ist typisch für die so subtile wie sanfte, so präzise wie poetische Kunst von Ceal Floyer, wird doch mit dieser Installation mit minimalsten Mitteln ein maximaler Ertrag an erkenntniskritischer Wirkung erzielt: aus verführerischer Illusion wird flugs eine erleuchtende Desillusion.

Einleuchtend   Ein weisser Lichtschalter an der Wand einer Galerie. Doch wieder täuscht der erste vorschnelle Blick, handelt es sich doch bei diesem «Light switch», 1992, um ein Fake, ein Trompe-l’oeil, genauer und prosaischer: um eine 35 mm-Dia-Projektion, die von einem Projektor an die Wand geworfen wird. Dieser Projektor steht auf einem weissen Sockel, so dass Sockel, Projektor und Projektion eine beinahe skulpturale Dreieinigkeit bilden, die einerseits kaum auffällt, andererseits alle Anforderungen an ein «echtes» Kunstwerk erfüllt: Wir finden hier eine erhabene und auratische Präsentation, ein ästhetisches Objekt – der Projektor als Readymade in der Tradition von Marcel Duchamp – und vor allem ereignet sich auch in dieser Arbeit von Ceal Floyer das Moment des, im doppelten Sinne des Wortes, «Scheines». Also genau jenes Moment steht zur Disposition, über das der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno in seiner «Ästhetischen Theorie» schrieb: «Schein ist die Kunst am Ende dadurch, dass sie der Suggestion von Sinn inmitten des Sinnlosen nicht zu entrinnen vermag». Genau dieser Gegensatz von Sinn und Sinnlosigkeit ist der Kunst von Ceal Floyer in all ihren Formulierungen prägnant eingeschrieben. Und dies eben dadurch, dass sie Sinn, der bei ihr als vermeintlich bedeutungsvolle Visualität vorstellig wird, letztlich immer als gestaltet und somit als manipulierbar, ja als auswechselbar oder sogar als auslöschbar offenbart. So ist der immatrielle Lichtschalter «Light switch» aus Licht und produziert somit wie ein «wirklicher» Lichtschalter Helligkeit. Ein leichtes «Umswitchen» aber – dieses im Titel durch das Getrenntschreiben von «lightswitch» nahegelegte Wortspiel funktioniert im Englischen natürlich weit besser – löscht den Schalter im Handumdrehen aus, anstatt nur seine Stellung, wie es bei seinem Vorbild aus dem «richtigen Leben» sein würde, zu verändern. Durch diese einleuchtenden Verschiebungen gerät unsere Vorstellung eines Lichtschalters ins produktive Schlingern und was einmal so selbstverständlich war, entlarvt sich als semantische und kulturell bedingte Konstruktion.

Einkaufend   Modellhaft scheinbar kommt Ceal Floyers Kunst mit ihren klaren und präzisen Setzungen daher. Doch zeichnet sich ein Modell in aller Regel dadurch aus, dass es jeglichen zeitlichen Aspekt, sei es nun Entwicklung, Veränderung oder Zerstörung zugunsten einer idealtypischen und statischen Vollkommenheit aufgibt. Genau dieser Modellcharakter macht letztlich auch unsere Sprache, ja unser Verständnis von logischem Diskurs aus. Ceal Floyers Anordnungen dagegen unterlaufen durch die von ihnen initiierte prozesshafte Wahrnehmung diesen «perfekten» Status konsequent und sind somit sprach- und erkenntniskritisch im selben Moment. Besonders deutlich wird diese Seite ihrer Kunst in der Papierarbeit «Monochrome Till Receipt (White)», 2000: Auf dem weissen Kassenbon eines Supermarkts stehen in violetter Schrift gedruckt verschiedene Artikel wie Milch, Papier, Salz, Seife, Reis, Mehl, Rasiercreme? Der Streifen ist in Augenhöhe an die Wand einer Galerie angebracht.

Zwar ist das so im white cube hängende Artefakt wirklich aus weissem Papier, beschrieben aber ist es, wie sonst wäre es lesbar, in einer zweiten Farbe – von einer, wie im Titel versprochen, Monochromie kann also zunächst keine Rede sein. Aber nur zunächst, denn wenn man sich die aufgeführten Waren wie Reis, Baby Puder, Ricotta, Kleenex? einmal näher «vor die Augen» führt, dann merkt man, dass sie alle entweder weiss sind oder etwas «weissmachen». Der prozessuale Umweg von der Schrift hin zum mentalen Bild, das schliesslich materielle und funktionale Qualitäten betont, stellt somit doch noch die versprochene «Monochromie nach dem Wareneingang (weiss)» her. Wie ein Loop läuft zudem dieser Vorgang ab: Titel/visuell abweichendes Äusseres/Identität herstellender «Geistesakt»/Titel? Offensichtlich findet sich hier also kein zeitloses Modell von Monochromie, sondern ein verwickeltes und zeitkostendes Ineinandergreifen von retinalen und mentalen Vorgängen.

Diese Verwicklungen nehmen uns Betrachter als aktiven Rezipienten ernst, indem sie uns eine zerbrechliche, quasi persönliche, nämlich von unseren subjektiven Assoziationen geprägte Einfarbigkeit erst herstellen lassen – Weis(s)heit ereignet sich im besten Sinne des Wortes.

Einsehen   Die Momente von Licht und Bewegung bestimmen in potenziertem Masse die Logik und Struktur der Videoarbeiten der Künstlerin. In dem «Zeit- und Bewegungs-Bild» (Gilles Deleuze) ihrer Videos und Projektionen tritt jetzt die Bewegung nicht mehr nur als gedankliche, sondern auch als tatsächlich sichtbare in Erscheinung. Ein gutes Beispiel hierfür ist Ceal Floyers DVD-Projektion «Downpour», 2001. Erneut handelt es sich um einen Loop: tendenziell ewig wiederkehrend ist eine kurze Sequenz zu sehen, die einen Regenguss zeigt. «Natürlich» fällt der Regen vom Himmel, also von oben nach unten, doch seltsam gleichförmig in stets gleicher Intensität.

Anderes gilt für die gefilmten Häuser, Strassen und Autos im Hintergrund, denn diese fangen an zu ruckeln, bewegen sich nach links und rechts, nach oben und unten und beginnen so ihre eigentlich angestammte Position in der Welt zu verändern. Plötzlich scheint der prasselnde Regen seltsam stabil und regelmässig, die wackelige Umgebung aber wirkt beunruhigend dynamisiert und unscharf zugleich.

Durch dieses bescheidene Eingreifen in eine so genannte realistische Darstellungsweise gelingt es Ceal Floyer ein «mentales Bild» – die Künstlerin selbst spricht von «Ideagrammen» – vorzustellen. Und dies geschieht, genau wie es Gilles Deleuze in seiner Filmtheorie über Alfred Hitchcocks mentale Bilder schrieb, mit der geschickt eingesetzten Hilfe von transformierenden «Demarkierungen». Dank dieser das Geschehen ungewohnt verortenden Umschichtungen funktioniere das mentale Bild gemäss Gilles Deleuze als «Denkfigur». Diese stellt uns die Fragen wie: Gerät die Welt in symbolischen Ordnungen endgültig aus den Fugen? Droht uns also, um im von der Künstlerin vorgeschlagenen Bild zu bleiben, die «Sintflut des Erkennens»? Anders als bei dem «Altmeister des Suspense» Alfred Hitchcock aber lösen sich die Denkbilder bei Ceal Floyer nie endgültig auf, denn nur die jeweilige Konstruktionsweise der Arbeit bietet sich der rationalen Erklärung an, nicht ihre semantischen «Ver(w)irrungen». Fest steht in der lapidaren Projektion «Downpour» jedenfalls nur Eines: Die wahre Welt erscheint, frei nach Friedrich Nietzsche, als eine Täuschung, die sich zwar aufdecken, aber kaum aufheben lässt. Dies ist halt einzusehen.

Aktuelle Einzelausstellungen von Ceal Floyer in der Galerie Pinksummer, Via Lomellini 2/3, Genova, www.pinksummer.com, vom 19.10. bis 15.2.03 und in der Galerie Index, St.Paulsgatan, 3, Stockholm, www.aim.se/Index, vom 13.11. bis 20.12.

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