«(un)gemalt» in der Sammlung Essl

Anonymous · Salon de Fleurus, 2002, Installationsansicht; Foto: Miha Fras, Courtesy Galerija, SKUC, Ljubljana

Anonymous · Salon de Fleurus, 2002, Installationsansicht; Foto: Miha Fras, Courtesy Galerija, SKUC, Ljubljana

Besprechung

Die Gruppenausstellungen der Sammlung Essl zeigen meist neue Werke bereits in der Sammlung präsenter KünstlerInnen. Mit «(un)gemalt» bietet die Gastkuratorin Zdenka Badovinac, Direktorin der Moderna Galerija Ljubljana, eine spannende Variante dieses Konzepts.

«(un)gemalt» in der Sammlung Essl

Die «Grenzen und Entwicklungen der Malerei» stehen zur Debatte – ein seit mehr als zehn Jahren beliebtes Thema. So sind es hier auch weniger neue Facetten eines erweiterten Malerei-Begriffs, die überraschen. Es ist die Methode, die sich als gemeinsamer Nenner zeigt: die sieben KünstlerInnen bzw. Künstlergruppen holen sich Werke aus dem Lager mitten hinein in ihre Beiträge.

Im ersten Raum hängen Bilder von Gerhard Richter, Georges Mathieu, Arnulf Rainer, Hans Hartung. Dicht davor stehen vier Spiegelwerke von Michelangelo Pistoletto. Während wir uns hier bildlich in der Malerei-Geschichte des 20. Jahrhunderts wiederfinden, stellt IRWIN uns auf die Probe. In drei schwarzen, überdimensional-massiven Rahmen stecken Klassiker von Frank Stella. Der Rahmen könne als «Weiterführung der formalen Struktur der Gemälde angesehen werden», schreiben Zabel und Vogelnik dazu.

Diese Form der Bezugnahme auf die Sammlung als Spiel zwischen Aneignung und Entmachtung durchzieht auch die Beiträge von Valery Koshlyakov und der Gruppe Anonymous (Masters of New York). Koshlyakov baut mit den bunten Klebestreifen ihrer Kartongemälde eine lose, formale Nähe zu Rockenschaubs Neo-Geo-Bildern der achtziger Jahre. Anonymous geht einen Schritt weiter. Ihr «(Altar)Triptychon» zeigt drei Gemälde: ein Original, eine Kopie und einen auf Leinwand übertragenen Eintrag der Archivierung inklusiv Ordnungsnummer. Ein konzentrierter Blick lässt schnell keinen Zweifel: zu verschieden ist Farbauftrag und Malgestus bei Hans Hartung und Pierre Soulages, ganz zu schweigen von dem deutlichen Unterschied zwischen Lucio Fontanas drei Schnitten in die Leinwand gegenüber den drei gemalten Schnitten, um hier Original und Kopie zu verwechseln. Anonymous entledigt sich mit diesem «(Altar)Triptychon» des Stresses von geistigem Eigentum, negiert jede Idee von Authentizität und Identität und jongliert etwas unbeholfen mit den Kategorien Meisterschaft und Künstlermythos.

Einen entschieden weitreichenderen Beitrag zeigt Olaf Nicolai mit seinem «Zeichenbuch für Kinder nach Motiven von Arnulf Rainer». Rainers Werkmappe «Proportionsordnungen» von 1953/54 hängen streng gerahmt an den Wänden, in der Mitte steht ein grosser Tisch. Hier liegen Nicolais Hefte zum Bemalen der Strichzeichnungen bereit. Diese Installation ist der sicher konsequenteste Beitrag der Ausstellung, denn hier ist nicht nur ein Werk der Sammlung integriert, sondern in dessen Sprache weitergeführt: Rainers didaktische Formuntersuchungen kombiniert mit seinen späteren Übermalungen der Arbeiten anderer Künstler, übertragen auf Rainers Werke selbst, auszuführen von den Besuchern.

Mit Sonnenscheins kryptischen All-over-Raumgemälden schliesst das Ausstellungskonzept ab. «(Un)gemalt» ist die konsequente Fortführung der Sammlung. Zdenka Badovinac lud Gäste in das Haus ein, die hier Selbstinszenierung und den Diskurs über Malerei vereinen, indem vorhandene Werke gedreht, gewendet, bestritten – und überholt werden.
Bis 27.1.

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