Jean-Luc Moulène im Centre d’Art Contemporain

Jean-Luc Moulène · Objets de Grève/«La pantinoise», 1999–2000, Courtesy the artist & carlier/gebauer

Jean-Luc Moulène · Objets de Grève/«La pantinoise», 1999–2000, Courtesy the artist & carlier/gebauer

Besprechung

Schwerpunkt der Ausstellung des französischen Künstlers Jean-Luc Moulène, die im Rahmen der Veranstaltung «50 jours pour la photographie à Genève» im Centre d’Art Contemporain stattfindet, sind die zwei Fotoserien «Documents/Objets de grève», 1999–2001, und «Documents/Produits de Palestine», 2002.

Jean-Luc Moulène im Centre d’Art Contemporain

Am Anfang war das Objekt. Zum Beispiel eine Tonpfeife aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, die im Musée national des arts et traditions populaires in Paris schlummerte. Jean-Luc Moulène (*1955) fotografierte sie, denn ihre Verzierung, ein Wappen mit dreimal der Ziffer acht, macht sie zu einem wichtigen Zeitdokument. Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Freizeit – das war damals eine der wichtigen Forderungen der französischen Arbeiterbewegung. So können alle Gegenstände der Serie «Objets de grève» lange Geschichten erzählen, von Arbeitskampf, Streik und Arbeitslosigkeit. Von Eigeninitiative auch, wie der rote Schal, der von Arbeiterinnen unter dem Markennamen «La Vie en Pull» produziert wurde, um ein Textilunternehmen, das an eine multinationale Gesellschaft verkauft worden war, vor dem Konkurs zu retten. Der rote Schal war zudem eine Hommage an den populären französischen Résistancekämpfer Jean Moulin. Der Schal oder die Pfanne mit der Inschrift «Beschäftigung, Solidarität, Freiheit, Gerechtigkeit» sind nicht mehr nur Ware, sondern vor allem Kommunikationsträger. Moulène macht politische Kunst oder anders gesagt, er befindet sich auf einer Gratwanderung zwischen politischer und künstlerischer Aussage. Denn wer denkt beim Betrachten der Pfeife nicht an Magrittes «Ceci n’est pas une pipe»? Aus den «Streikobjekten» wurde Kunst und letztendlich wieder ein Konsumgut, das man auf dem Kunstmarkt erwerben kann. Ein rotes Päckchen Gauloises «fabriquées par les travailleurs en lutte» inspiriert ihn zu einer Skulptur, einer Kartonschachtel, die mit Zigaretten in einer blauen Verpackung ohne Logo und Schrift gefüllt ist.

Moulènes politisches Engagement offenbart sich auch in der Serie «Documents/Produits de Palestine». Sämtliche Waren, die er kunstvoll arrangiert fotografiert, wurden in oder speziell für Palästina hergestellt, stammen also aus einem Staat, der de jure gar nicht exisiert. Die Spaghetti, das Salz aus dem toten Meer, die Cola-Büchse aus Ramallah oder das Olivenöl sind für den lokalen Markt bestimmte Produkte, die nur ausnahmsweise, im Rahmen spezieller Hilfsprogramme, exportiert werden dürfen. Getarnt als Kunstwerk benutzt sie Moulène als Beweisstücke eines blutigen Konflikts, der seit über fünfzig Jahren den Nahen Osten erschüttert. Ein Bild mit zwei blauen Vasen, die eine leer, die andere mit weissen Wicken gefüllt, hängt etwas abseits. Das Blumenstillleben will nicht so recht zur kommerziellen Aufmachung der übrigen Fotos passen. Vielleicht möchte Jean-Luc Moulène damit ein Zeichen setzen, ein versöhnliches. Schliesslich darf Kunst auch schön sein.

Until 
29.11.2003

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