Matthias Bosshart bei Luciano Fasciati

Matthias Bossart · Blue-Collar, 2OO3, 35 mm-Film und Kunstharzemaille auf Forex-Pan, 122 x 25O cm, Courtesy Galerie Luciano Fasciati, Chur

Matthias Bossart · Blue-Collar, 2OO3, 35 mm-Film und Kunstharzemaille auf Forex-Pan, 122 x 25O cm, Courtesy Galerie Luciano Fasciati, Chur

Besprechung

In weit greifenden Linien hat Matthias Bosshart Filmstreifen über grosse Flächen montiert, hat diese als Malgrund benutzt und so zum Bildträger verfremdet. Er hat sie ihres erzählerischen Inhaltes beraubt. Aus «Film» und Malerei ist etwas Neues, etwas Drittes entstanden. Bei Luciano Fasciati in Chur zeigt er neue Arbeiten.

Matthias Bosshart bei Luciano Fasciati

Matthias Bosshart hat schon immer gefilmt und gleichzeitig gemalt. Unabhängig von seinen eigenen Filmen und deren Inhalten begann er Anfang der neunziger Jahre beide Medien miteinander zu verschränken. Obwohl die Filmstreifen dabei rein materiellen Charakter haben, bezieht Bosshart Elemente des Films wie fortlaufende Bewegung, Abfolge, Veränderung und den Faktor Zeit unmerklich in seine Arbeiten ein. Er lässt Bewegung und Zeit still stehen, macht sie statisch, ohne sie zu verleugnen. Doch der eigentliche Inhalt dieser Filmstreifen ist für den Künstler von sekundärer Bedeutung. Vielmehr interessieren ihn Farbe, Helligkeit, Erscheinung der Zelluloidbänder. Längst ausgeschiedene, «ausgemusterte», alte Filmrollen findet er auf Flohmärkten oder er wird von «Eingeweihten» mit diesem Ausgangsmaterial beliefert. Vornehmlich sind dies 16-Millimeter-Streifen in Farbe oder Schwarzweiss, gelegentlich auch andere Formate und leere Streifen.

1990 verbrachte Matthias Bosshart ein Jahr als Stipendiat im Atelier der Stadt Zürich in New York. Einige seiner Bildtafeln zeugen explizit von dieser Zeit, verwendete er doch die Wochenendbeilage der New York Times «The Arts» als Untergrund für eine Bilderserie. Dabei schimmern die gedruckten Seiten in Schrift und Bild diffus ins Bildgeschehen. Während dieser Zeit begannen seine Arbeiten grossformatiger zu werden, die bis anhin verwendete Leinwand ersetzte er durch Verbundplatten.

Auch wenn Bosshart durchaus ein experimenteller Künstler ist, fertigt er zunächst nach genau überlegtem Plan einen minutiösen, stark verkleinerten Entwurf an. Umgesetzt in ein vielfach grösseres Format verändert sich die Bildwirkung manchmal selbst für Bosshart überraschend stark, nicht immer zum Besseren. Was im Kleinen konzis zusammenhält, droht mitunter in der Vergrösserung auseinander zu fallen.

Wie aber geht er vor?

Entsprechend den vorgezeichneten Linien werden die Filmstreifen mit Leim auf der weissen Verbundplatte befestigt und anschliessend mit Klebeband abgedeckt. Darüber kommt eine mit dem Roller aufgetragene erste Farbschicht, die wiederum nach dem Trocknen unter dem Klebeband verschwindet. Nach einem tiefen Rot bringt der nächste Arbeitsgang – wie ein Beispiel zeigt – Orange ins Bild. Die Abdeckungen werden entfernt, die Wirkung ist erstaunlich. Entstanden ist eine bewegte, leicht flimmernde Fläche. Strahlenförmig und sich zuspitzend aus dem Bild laufende Farbbänder kreuzen die Filmstreifen, unterbrechen diese, verleihen dem Bild Rhythmus und Takt. Je nach Blickwinkel des Betrachters verändert sich die Fläche, optische Täuschungen bringen Rundungen ins Bild, Wellenformen und Stufungen. Die Perforation der Filmstreifen wirkt wie ein filigranes Relief und legt sich wie ein Raster über die Bildfläche.

Unabhängig von der Ausstellung ist gerade die Dokumentation «Stills and Life» erschienen, die Bossharts Experimentalfilme und Filminstallationen im Bild und auf einer DVD vorstellt. (Niggli Verlag, Sulgen, 68.– SFr.).

Until 
20.02.2004

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