Aurélien Gamboni

Aurélien Gamboni, Le Tiret, 2020, Granit, zweiter Standort im Garten der Villa Bernasconi, Lancy/GE, 2021–2031. Foto: Katharina Holderegger

Aurélien Gamboni, Le Tiret, 2020, Granit, zweiter Standort im Garten der Villa Bernasconi, Lancy/GE, 2021–2031. Foto: Katharina Holderegger

Aurélien Gamboni, Le Tiret, 2019–2020, Skizze

Aurélien Gamboni, Le Tiret, 2019–2020, Skizze

Aurélien Gamboni, Le Tiret, 2015, Bronze

Aurélien Gamboni, Le Tiret, 2015, Bronze

Aurélien Gamboni

Lancy/GE — In den amtssprachlichen Grabinschriften auf unseren Friedhöfen fängt oft nur mehr der Halbgeviertstrich zwischen Geburts- und Todesjahr die Poesie des Menschenlebens ein. Der Künstler Aurélien Gamboni (*1979) erinnerte sich bei einem Spaziergang im Cimetières des rois in Genf vor dem miserabilistischen Grabmal aus einem verwitterten Kalkstein mit Bronzelettern für ‹ALICE RIVAZ/ECRIVAIN/(1901–1998)» daran, dass dieses Zeichen in zwei ihrer Novellen, die einer Dienstmagd eine Stimme leihen, eine philosophische Reflexion beflügelte. Im Frühwerk ‹Une Marthe›, 1944, fragt eine der Frauen vor einem Halbgeviertstrich, woher eine Existenz betrachtet werden solle, vom Anfang oder vom Ende her? Und in einer ähnlichen Versenkung findet die Protagonistin von ‹La Bonne›, 1986, dass alles Leben nur einem Augenblick zwischen den Riesentüren des Ein- und Ausgangs gleiche. 

Gambonis Neugierde war gefesselt. Mit Akribie tauchte er in das Nachleben von Rivaz ab, woraus eine Installation im Museo Maga de Gallarate 2015 und mehrere «Conferences-Performces» gerannen. Schwergewichtig drehten sich diese um die Frage, warum Rivaz zwar im Genfer Freiluftpantheon begraben worden war, doch nicht mit einem etwas gewichtigeren Grabmahl bedacht wurde. Effektiv hatte die Politikerin und Kunsthistorikerin Erica Deuber Ziegler gleich nach ihrer Benachrichtigung vom Tod der zuletzt nur noch von der Literaturprofessorin Françoise Fornerod und dem Dichter Markus Hediger begleiteten Schriftstellerin alle Hebel für eine privilegierte Beerdigung in Gang gesetzt. Die fernen Verwandten von Rivaz wollten sich aber dann doch noch um den Grabstein kümmern, weshalb dieser nicht in den Genuss eines künstlerischen Entwurfes gekommen war. 

Genau hier setzte Gambonis Weiterarbeit ein. Ein echtes Denkmal, das auch Ort von Annuarien mit Lesungen und Gesprächen werden sollte, begann ihm vorzuschweben. Realität wurde das Projekt dank der Einladung des Künstlers an die letztjährige Triennale in Bex in Zusammenarbeit mit der Villa Bernasconi in Lancy, die seit diesem September Gastgeberin ist. Um ein menschengrosses Kentotaph in Form eines Halbgeviertsrichs, das so auch als Bank und Podest dienen kann, nimmt dort nun das eigens gegründete Institut d’Etude des Intervalles einen Kult für die 1998 schier vergessene, aber jetzt enthusiastisch wiederentdeckte Schriftstellerin, Arbeiter- und Frauenrechtlerin wahr. Fast zu früh für hiesige Verhältnisse war sie als wortmächtige Intellektuelle mit einem berückenden Auge für das Detail, aber auch theoretischer Gabe durchaus in Richtung einer Beauvoir und einer Cixous auf der Seite der Unterprivilegierten unterwegs gewesen.  

‹Alice Rivaz. Présence des femmes›, BCU Lausanne, bis 31.10. www.bcu-lausanne.ch
Aurélien Gamboni et L’Institut d’Etude des Intervalles, ‹Le Tiret›, bis 2031, www.villabernasconi.ch

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