Das Paradox der Pandemie — Jean-Christophe Norman

Jean-Christophe Norman, Ulysses, al long way (Paris), 2015. Foto: Juliette Berochia

Jean-Christophe Norman, Ulysses, al long way (Paris), 2015. Foto: Juliette Berochia

Das Paradox der Pandemie — Jean-Christophe Norman

In der Juni-Ausgabe des Kunstbulletin begann eine Serie von Interviews, die inmitten pandemischer Unterbrechung Künstlerinnen und Künstlern Gelegenheit bot, einen Blick auf eine bisherige Arbeit und zugleich auf eine mögliche Zukunft der Kunst zu richten. Allen gemeinsam war die Anerkennung eines grundlegenden Wandels – der auch fällig wäre. Während nach und nach die Ausgangsbeschränkungen gelockert, die Grenzen geöffnet werden, macht sich ein Trend zur Verdrängung, zur Wiederherstellung des Gewohnten bemerkbar. Grund genug, die Serie in loser, chronologischer Folge fortzusetzen und weiter zu fragen, was wird, mit der Kunst. 

Reisevorbereitungen für die Zeit danach

Sennewald: Deine künstlerische Praxis besteht zu einem grossen Teil aus Reisen, du durchstreifst Städte, Orte, Strassen. Wie entwickelst Du jetzt Deine Arbeit, welche Herausforderung stellt an Dich als Künstler der kommende Neubeginn?

Norman: Aus meinen Streifzügen entsteht auch eine Reihe von Gemälden, wie eine Erinnerungsübung. Es gibt immer Phasen, in denen ich einige Monate im Atelier bin, daher ist das für mich jetzt nicht ungewöhnlich. Momentan bereite ich eine Reise nach Buenos Aires vor, wo ich die Arbeit ‹Ulysses a long way› fortsetzen werde, also in den Strassen der Stadt den Roman mit Kreide auf die Strasse schreibe. Das ist verschoben worden. Wenn ich dann reise, werde ich eine veränderte Welt vorfinden. Das ist das Paradox dieser Ausgangssperre: man ist gezwungen, Innezuhalten und dadurch umso stärker mit dem Danach beschäftigt. Ich bereite mich sozusagen vor. Neubeginn ist integrativer Bestandteil meiner Arbeit. Ohne genau sagen zu können, wie meine Arbeit sich verändern wird, sehe ich da einen frischen Atemzug, einen neuen Rhythmus. Auch das ist ein wichtiges Element meiner Arbeit: Atmen, Entfaltung und Einfaltung. Diese Aspekte werden sicher an Intensität gewinnen – je länger diese Ausgangssperre dauert, desto stärker wird sich das Erleben lassen. Diese Unterbrechung ist Teil der Reise, fast möchte ich sagen: sie ist deren Fortsetzung, mit anderen Mitteln.

Jean-Christophe Norman, Marseille, 7. April 2020

http://jeanchristophenorman.blogspot.com

J. Emil Sennewald, Kritiker und Journalist, unterrichtet an der Kunsthochschule ésacm in Clermont-Ferrand und der F+F Schule in Zürich, berichtet seit über 15 Jahren über Kunst aus Frankreich. emil@weiswald.comwww.weiswald.com

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