Kunst: Szene Zürich 2018 — Eine schreibende Durchmessung

Angeregte Einzelgespräche während der Ver­­anstaltung ‹Schule des Lebens› in der Kunsthalle Zürich. Foto: Dominik Zietlow

Angeregte Einzelgespräche während der Ver­­anstaltung ‹Schule des Lebens› in der Kunsthalle Zürich. Foto: Dominik Zietlow

Klar, worum es während der ‹Kunst: Szene› ging – Barbara Basting und Peter Haerle zeigen Flagge. Foto: Dominik Zietlow

Klar, worum es während der ‹Kunst: Szene› ging – Barbara Basting und Peter Haerle zeigen Flagge. Foto: Dominik Zietlow

Die Kulturschüür Eierbrecht in Witikon – Installation von Pascal Häusermann. Foto: Dominik Zietlow

Die Kulturschüür Eierbrecht in Witikon – Installation von Pascal Häusermann. Foto: Dominik Zietlow

‹Volumes› war zu jeder Zeit gut besucht. Foto: Dominik Zietlow

‹Volumes› war zu jeder Zeit gut besucht. Foto: Dominik Zietlow

Die Ausstellung bei ‹Material› setzte sich mit Sprache auseinander, im weitesten Sinne – Objekte im Schaufenster von Beat Huber.

Die Ausstellung bei ‹Material› setzte sich mit Sprache auseinander, im weitesten Sinne – Objekte im Schaufenster von Beat Huber.

Fokus

Die ‹Kunst: Szene Zürich 2018› lud Kunstschaffende, Kunstvermittelnde und Interessierte zur einem stadtweiten Austausch ein. Kunstbulletin initiierte parallel zum zehntägigen Ausstellungs- und Veranstaltungsmarathon eine Schreibwerkstatt. Zwei Schreibende zogen los und begleiteten das Geschehen – keine einfache Aufgabe für die Involvierten.

Kunst: Szene Zürich 2018 — Eine schreibende Durchmessung

Das Konzept der Schreibwerkstatt während der ‹Kunst: Szene Zürich 2018› war simpel: 10 Tage, 2 Schreibende, vom 23.11. bis 2.12. Hinter dieser kurzen Vorgabe verbarg sich ein durchaus komplexes Unterfangen, das genaue Planung verlangte und ein grosses Mass an Aufnahme- und Kompromissfähigkeit. Zürich ist grösser, als man denkt. Die Nummerierung der Stadtkreise hört nach 6 nicht auf, auch wenn das, zumindest für mich, manchmal in Vergessenheit gerät. Für mich begrenzt das Toni-Areal Zürich nach Westen hin, doch noch ein Stück weiter die Limmat hinab, bei der Werdinsel, türmt sich die Siedlung Grünau auf. Richtung Osten ist meine persönliche Grenzlinie immer die Chinawiese gewesen; doch es geht ja auch noch ein ganzes Stück den Berg hinauf, am Kreuzplatz vorbei bis zur Waldgrenze nach Witikon. Grünau und Witikon sind zwei Orte, denen ich mich dank der ‹Kunst: Szene Zürich 2018› das erste Mal, im wahrsten Sinn des Wortes, annäherte und die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Für mich fungieren sie als Symbolträger dessen, was das Ausstellungsprojekt zum Jahresende so liebenswert machte: dass es sich eben nicht um eine bis ins letzte Detail kuratierte Grossausstellung in allseits bekannten Räumen handelte und dass ich Orte kennenlernen konnte, die ich vorher noch nie wahrgenommen hatte. Oder dass die beteiligten lokalen Kunstschaffenden, mit denen ich immer wieder ohne Berührungsängste ins Gespräch kam, aufrichtige Freude daran hatten, Teil dieses Experiments mit offenem Ausgang zu sein. Ich denke zum Beispiel an eine Begegnung mit der Künstlerin Claudia Ginocchio (*1961, Hamburg) bei ‹Material – Raum für Buchkultur›, die sich zu einem ungezwungenen Samstagnachmittagsplausch entwickelte; über ihre Kunst und ihre Wahrnehmung der anderen Kunstwerke, über die Ausstellung im Ganzen und über ihre Biografie, die sie vor mehr als zwanzig Jahren nach Zürich führte.

Sechs Augen sehen mehr als zwei
Ich denke auch an die WhatsApp-Chats mit meiner Mitstreiterin in der Schreibwerkstatt, Giulia Bernardi, und die daraus resultierende doppelte Spiegelung des Geschehens. Nicht nur in meinen eigenen Gedanken und Texten, sondern auch durch ­ihre Beobachtungen und Wahrnehmungen formte sich ein Panorama der ‹Kunst: Szene Zürich›. Denn vier Augen sehen mehr als zwei (genau genommen sogar sechs Augen, denn der Fotograf Dominik Zietlow war ebenfalls Teil der Expeditionsgruppe). Und die dazugehörigen vier bzw. sechs Beine können an mehr Orten gleichzeitig sein. Unser Planungstreffen im Kosmos uferte in Tabellen und Listen aus, die den Fahrplan für die nächsten zehn Tage absteckten: Wer zu welchem Zeitpunkt wo sein und welche Orte man auf einem Rundgang wie zusammenfassen könnte. Während die Logistik minutiös geplant war (aber dann doch immer wieder flexibel im Lauf der Woche angepasst werden musste), versuchte ich mich den jeweiligen Orten und Ausstellungen möglichst unvoreingenommen zu nähern. Erste Eindrücke waren, wie so oft im Leben, entscheidend. Erste Eindrücke und, ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Inspirationsquelle, der Zufall. Natürlich versuchte ich, mich vor meinen Rundgängen über die jeweiligen Ausstellungen und Orte zu informieren, doch manchmal stiess ich auf feine Verbindungslinien, die ich so nicht erwartet hatte. Während der ‹Volumes Art Book Fair›, an der ich ebenfalls als Aussteller vertreten war, stahl ich mich kurz von unserem Tisch davon, um die zuvor erwähnte Ausstellung bei ‹Material› anzusehen. Als ich zurückkam, in die warme, volle Kunsthalle, traf ich zufällig Jan Steinbach, einen der Gründer der Buchhandlung, und konnte auch noch seine Perspektive auf die Ausstellung in meine Reflexionen miteinbeziehen. Während des ersten Wochenendes der ‹Kunst: Szene› war die Kunsthalle eine Art Epizentrum: Kunstschaffende, Verlegerinnen, Autoren, Designerinnen, Neugierige, Kauflustige und eigentlich alle, die in irgendeiner Form mit Kunst zu tun haben, kamen vorbei. Freitags vor allem zum Apéro, an den folgenden zwei Tagen dann glücklicherweise auch zum Stöbern und Kaufen. Am Ende des Wochenendes blickte man in viele zufriedene Gesichter, und deswegen muss ich an dieser Stelle mein (voreiliges) Fazit zur ‹Volumes› revidieren: Es wird doch noch Geld für Printprodukte ausgegeben, aber anscheinend lieber samstags und sonntags. Die Unmittelbarkeit der Schreibwerkstatt war herausfordernd, aber auch hilfreich: Im Schnitt fast einen Text pro Tag zu schreiben und zusätzlich zwei bis drei Ausstellungen zu sehen, bedeutete eine grosse sensorische und geistige Beanspruchung. Aber sich auf seine eigenen ersten Eindrücke zu verlassen und diese dann in Textform zu giessen, sorgte bei mir auch dafür, dass ich immer wieder mit konzentrierter Neugierde zu neuen Orten aufbrach. Gespannt auf den Raum, die Arbeiten, die Umgebung – selbst die Anreise war immer wieder anders und für mich schon Teil des Ganzen. Mal zu Fuss durch den Regen, mal im Tram, mal mit dem Velo, mal im Hellen, mal im Dunkeln. Und so durchmassen wir Zürich, vom Norden in den Süden in den Osten in den Westen, und haben am Ende der ‹Kunst: Szene› ein klareres Bild von der Stadt, ihren Kunstschaffenden und ihren Orten abseits ausgetretener Pfade.

Mathis Neuhaus (*1991), Zürich, freier Journalist für Kunst, Musik und Popkultur. hello@mathisneuhaus.de
Ko-Autorin Schreibwerkstatt: Giulia Bernardi, freie Autorin Zürich. giulia.bernardi@outlook.com

→ ‹Kunst: Szene Zürich 2018›, ein Projekt von Kultur Stadt Zürich: 250 Kunstschaffende zeigten ihre Werke in zahlreichen Ausstellungen an 26 Orten in Zürich im Dezember 2018; zudem gab es ein viel­seitiges Veranstaltungsprogramm.

→ Die Schreibwerkstatt, ein Projekt von Kunstbulletin und ‹Kunst: Szene Zürich 2018›, Texte: ↗ www.artlog.net/notebooks ↗ www.kunstszenezuerich.ch

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