Verfälscht / unverfälscht

Heji Shin · KW, 2018, Wall Paper, 218 x 301 cm. Foto: Annik Wetter

Heji Shin · KW, 2018, Wall Paper, 218 x 301 cm. Foto: Annik Wetter

Wang Bing · Mrs. Fang, 2016–2018, Film 16:9, Farbe, Ton,1 h 42 min, Courtesy Galerie Chantal Crousel, Paris

Wang Bing · Mrs. Fang, 2016–2018, Film 16:9, Farbe, Ton,1 h 42 min, Courtesy Galerie Chantal Crousel, Paris

Besprechung

Bis Anfang Februar sind in der Kunsthalle Zürich die Arbeiten von zwei Kunstschaffenden zu sehen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während der Regisseur Wang Bing in seinen Dokumentarfilmen das unverfälschte Leben zeigt, hebt die ­Fotografin Heji Shin die Inszenierung ihrer Porträts hervor.

Verfälscht / unverfälscht

Zürich — Wir starren auf das Gesicht des amerikanischen Rappers und Produzenten Kanye West, das aus den grossformatigen Fotografien auf uns zurückstarrt. Und das mit ernster Miene, die Stirn in Falten gelegt, den Kopf mal gerade, mal leicht zur Seite geneigt. Wer auf weitere Verweise hofft, die ein intimeres Bild von West eröffnen, wird enttäuscht. Auch die Fülle an Fotografien, auf denen er in leicht unterschiedlichen Posen porträtiert wurde, offenbart nicht mehr über ihn – im Gegenteil: Das üppige Format der neun Bilder führt auf ironische Art und Weise vor Augen, wie wenig wir wissen und wie unbedeutend das ist, was wir durch sie noch erfahren werden. Die während eines zehnminütigen Shootings in Los Angeles entstandene ­Serie ist die neuste Arbeit der Fotografin Heji Shin (*1976, Seoul). Genügend Zeit, um nicht die Essenz, aber die Inszenierung des Weltstars einzufangen. Dies wird denn auch durch den grellen Hintergrund und die starken Kontraste hervorgehoben, was den Bildern etwas gekünstelt Unnatürliches verleiht. Einzig die Fotografie mit seiner Tochter North scheint im ersten Moment etwas persönlicher zu sein, könnte auf den zweiten Blick aber genauso gut aus einem beliebigen Klatschheft stammen und den nichtssagenden und unzählige Male verwendeten Titel ‹A Day in the Life of Kanye West› tragen. Ein Gegensatz zu den Fotografien von Heji Shin sind die Dokumentarfilme von Wang Bing (*1967, Xi’an), die eine Etage höher zu sehen sind. ‹Man with No Name›, 2010, und ‹Mrs. Fang›, 2017, spielen sich abseits vom Rampenlicht ab und erzählen die Geschichte der Menschen, die in unserer Gesellschaft nur selten zu Wort kommen. In ‹Mrs. Fang› dokumentiert der Regisseur die letzten zehn Tage der chinesischen Bäuerin Fang; die 68-jährige Frau liegt im Sterben, umgeben von Familie und Freunden. Wang Bing schildert das Geschehen so authentisch und so schonungslos, dass wir uns fast mehr Inszenierung wünschen würden, die uns vor der Realität bewahrt. Während uns Heji Shin die gewohnte und leicht verdauliche Unpersönlichkeit präsentiert, konfrontiert uns Wang Bing mit ungewohnter Intimität. Kanye West wird als unnahbarer Weltstar inszeniert, was den Menschen dahinter verstummen lässt; schliesslich haben die Medien schon alles gesagt. Wang Bing hingegen gibt in seinen Filmen den Personen eine Stimme, um jene Geschichten zu erzählen, die nur selten ausgesprochen werden.

Jusqu'à 
03.02.2019
expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
Wang Bing 08.12.2018 - 03.02.2019 exposition Zürich
Schweiz
CH

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