Hinrich Sachs — Unikkaalaurit!

Ear Mind Eye Pad, Publikation, Mailand/Zürich 2019 © ProLitteris. Foto: Serge Hasenböhler

Ear Mind Eye Pad, Publikation, Mailand/Zürich 2019 © ProLitteris. Foto: Serge Hasenböhler

Die Muttersprache (Holländisch/Niederlande), 2012, Aquarell, 55 x 47,5 cm, Installationsansicht ‹Studio Eine Phantastik›, Shedhalle Zürich, 2018 © ProLitteris

Die Muttersprache (Holländisch/Niederlande), 2012, Aquarell, 55 x 47,5 cm, Installationsansicht ‹Studio Eine Phantastik›, Shedhalle Zürich, 2018 © ProLitteris

Nunavut [Unser Land], 2018, neunfarbige Lithografie, 58,2 x 86,6 cm, Zürich © ProLitteris. Foto: Serge Hasenböhler

Nunavut [Unser Land], 2018, neunfarbige Lithografie, 58,2 x 86,6 cm, Zürich © ProLitteris. Foto: Serge Hasenböhler

Hinrich Sachs, 2018 © ProLitteris. Foto: Timo Schaub

Hinrich Sachs, 2018 © ProLitteris. Foto: Timo Schaub

Fokus

Hinrich Sachs agiert auf mehreren Bühnen zugleich, im Ram­penlicht und als Stimme aus dem Off. Einige werden seine feinfarbigen Aquarelle mit Buchtiteln kennen, andere seine Anverwandlungen von Figuren der Sesamstrasse. Dabei ist er vorweg der Regisseur vielschichtiger Szenen, die oft auch andere ­Akteure einbeziehen. Eben ist sein jüngstes Publika­tionsprojekt ‹Fog Friend Font – Ways of Doing Multilingual ­Sense› öffentlich ­geworden. Ähnlich überraschend sollte sich ein Porträt des Künstlers aus der Überlagerung mehrerer Sprachen und Sprechweisen ergeben.

Hinrich Sachs — Unikkaalaurit!

In einer Sammlung eigener Texte nimmt Hinrich Sachs 2010 seine ‹Ferien vom Ich›. Darin reflektiert er die multiple Rolle der Autorschaft von Künstlern zwischen den tradierten Maskeraden der «Autoren-Ich-Oberflächen» und den marktmedialen Anforderungen des Brandings unter eigenem Namen. Wie sein Schreiben zieht auch seine Kunst umfassende Konsequenzen aus dem Schluss von Roland Barthes, wonach der «Tod des Autors» die «Geburt des Lesers» sei: Sachs lässt die Sprache selbst sprechen und liest die Welt in den Zeichen unzähliger Sprachen, auch vieler, die wir mit ihm eher sehend lesen als verstehen. Seit 1992 malt er in der Serie ‹Muttersprache› kleine Aquarelle, die in subtiler Nähe zum Original die illustrierten Titelblätter von Sprachlehrbüchern für Kinder wiedergeben. Die Ikonografie des Lesens und Schreibens zeigt Schriftzeichen als Spielzeuge oder lebendige Wesen, lässt das Schreibgerät zum organischen Bleistiftbaum auswachsen. Lautlos beginnen Text und Bild gemeinsam über Sprache zu sprechen.

Ways of Doing Multilingual Sense
Soeben hat ein langfristiges Editionsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Fredrik Ehlin seinen Abschluss gefunden: ‹Fog Friend Font – Ways of Doing Multilingual Sense›. Sieben unabhängige, jedoch thematisch verschränkte Publikationen in so unterschiedlichen Formaten wie einem illustrierten Jugendbuch, einer iPad-App in Print, einer LP oder einem wissenschaftlichen Reader versammeln Studien verschiedener Autorinnen und Autoren zur Entwicklung der Zahlen, zu Emojis und Schriftzeichen oder zu den Überlebensstrategien bedrohter Sprachen. Die unterschiedlichen Medien verbindet eine hohe Sorgfalt der je spezifischen Gestaltung. Fonts werden Friends. Fog, der Nebel nistet zwischen Zeichen und Zeilen, dort, wo das diskursive Verständnis bei unbekannten Sprachen aussetzt und die Annäherung in Bildern geschieht. So beschreibt Louis-Jacques Dorais in ‹A Written Orality – The Canadian ­Inuit and Their Language› den langen Weg zur Anerkennung der indigenen Sprachkultur in der kanadischen Arktis, auf dem die orale Tradition der Inuit erst ihre genuine ­Silbenschrift finden musste, um sich den hegemonialen Schriftkulturen gegenüber zu behaupten. Heute unterstützen elektronische Kommunikationsmittel auch neue Formen des Zusammenspiels zwischen gesprochener und geschriebener Sprache.

L’imaginaire des langues
«Doing sense» meint in diesen Publikationen mehr als «making sense». Die Schlüsselwendung im Untertitel des Projekts führt den Umgang mit Zeichen von der Festschreibung einzelner Bedeutungen hin zu einem Prozess des ständigen «Lesens», in den wir mehrere Sinne und verschiedene Repertoires von bekannten und unbekannten Codes einbeziehen. Als eine kompakte plastische Edition bilden die sieben Publikationen von ‹Fog Friend Font› schliesslich gemeinsam eine mehrschichtige Architektur, einen Block in der Abmessung einer LP, ein heteromorphes Sedimentstück aus der Archäologie des Sprechens, Schreibens und Lesens. Die Gleichzeitigkeit mehrerer Zeichensysteme in den Werken von Hinrich Sachs erinnert an ‹L’imaginaire des langues›, Paris, 2010, des Poeten und Philosophen ­Édouard Glissant (1928–2011). Der Titel einer Reihe von Interviews, die Lise Gauvin mit Edouard Glissant geführt hat, verweist auch auf die Vorstellung eines Ganzen aller Sprachen: Wer heute schreibe, sei nicht mehr allein in einer, in ihrer oder seiner Sprache unterwegs, sondern sei sich der Präsenz aller anderen Sprachen bewusst, auch all jener, die nicht verstanden und dunkel bleiben. Bedeutungen seien nicht im Wörterbuch einer einzelnen dominanten Sprache fixiert, vielmehr könnten sie der lebendigen Beziehung zwischen verschiedenen Sprachen und Sprechweisen entspringen. Glissants ‹Poétique de la Relation›, Paris, 1990, handelt von einem umfassenden, eruptiven Beziehungsraum, der nie festgeschrieben, kaum annähernd erfasst, aber vorgestellt werden kann. Das Studium spezifischer Kulturen hätte keine äussere Grenze. Der Zusammenhang (Relation) bindet zwar an einen Ort und an Geschichte (relie), er verbindet aber auch ohne Grenzen, ohne Ende (relate). Wir dürften an ausfliessendes, ausgeworfenes Magma denken, das sämtliche Ideologien entwurzelt.

Sesamstrasse in der Arktis
Auf der Bühne multimedialer Installationen versammelt Hinrich Sachs seine ­liebevoll detaillierten Puppen der Sesamstrasse in Menschengrösse. Neben global kursierenden Charakteren wie Ernie und Bert treten auch die für einen spezifischen Markt konzipierten Lokalgestalten auf, der Träumer Zeliboba zum Beispiel, jener warmherzige und mit ausschweifender Phantasie begabte Baumgeist aus Russland, der in einer grossen Eiche im urbanen Hinterhof haust. 2012 erscheinen neun Figuren vor einem stilisiert gemalten Stadtpanorama in Stockholm: Während Audio-Sequenzen mit den schwedischen Stimmen von Ernie und Kermit aus der Perspektive der ersten Person lokale Geschichten erzählen, verweisen Texte im Format von Museumsbeschriftungen auf den ideologischen Mix von Bildung, Kommerz und Populärkultur. Die eingepassten ethnografischen Sammlungsstücke schaffen schliesslich den Kontext dieser «World Heritage». Die Lithografie ‹Nunavut (Unser Land)›, 2018, nimmt die Annäherung an eine weitere kulturelle Topografie bildhaft auf. Ein neunfarbiges Blatt zeigt die Überlagerung der politisch umkämpften Umrisslinien der Arktis von 1733, 1857, 1922 und 2000, als die Rechte der ersten Bewohner anerkannt wurden. Was wie die Unschärfe projizierter Überblendungen erscheint, folgt den fliessenden Grenzen einer nomadischen Lebensform, die durch den Klimanotstand und den Run auf Ressourcen heute noch schärfer unter Druck steht.

Erzähl uns etwas!
In der Sprache der Inuit steht «Unikkaalaurit!» für die Aufforderung, etwas zu erzählen. Wenn Hinrich Sachs zu Erzählungen einlädt, führen seine Spuren zu ­Geschichten stets auch in die Geschichte und die kommerziellen Bedingungen ­ihrer eigenen Produktion. Der Publikations-Block von ‹Fog Friend Font› oder das grüne Tischdisplay ‹Hinrich Sachs›, 1994, 2019, das in einem erweiterten Sinn biografische Materialien auf einem grünen Tisch versammelt, sind mit der Gleichstellung von ­eigenen Werken, dem eigenen Leben und Referenzen auf die Lektüre zwei Modelle für Sachs’ umfassende Poetik der Verknüpfungen. Oft richtet er sich auch an ­Kinder und Jugendliche. Schliesslich sind sie bevorzugte Adressaten von Bildung und ­Werbung. In ihrer Welt dürfte es gleichzeitig viel Verständnis geben für jene «Ferien vom Ich», die uns «bleiben als ein Denken und Handeln, das alle immanente Betriebsamkeit beiseite imaginiert, um auf Momente des Ungeklärten und Unbekannten zu treffen.» So jedenfalls hat es der Künstler vor Jahren formuliert. (Hinrich Sachs, Köln 2010, S. 82).

Hans Rudolf Reust, Kunstkritiker, Studienleitung Fine Arts, Hochschule der Künste Bern HKB, hreust@bluewin.ch

→ ‹Fog Friend Font – Ways of Doing Multilingual Sense›, Hg. Hinrich Sachs, Fredrik Ehlin, Humboldt Books, Mailand, 2019 ↗ www.humboldtbooks.com

Hinrich Sachs (*1962, Osnabrück), lebt seit 1999 in Basel
1985–1990 Studium an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg
2006–2016 Professor am Royal Institute of Art, Stockholm

Einzelausstellungen und Projekte (Auswahl)
2019 ‹Catherine, Masahiko, Rex et les autres›, mit Simon Starling, Le Plateau, Paris; ‹Fog Friend Font – Ways of Doing Multilingual Sense›, mit Fredrik Ehlin, Humboldt Books, Mailand
2018 ‹Wat men weet/That We Know›, San Seriffe, Amsterdam
2012 ‹Kami, Khokha, Bert and Ernie (World Heritage)›, Tensta konsthall, Stockholm

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹The Estate/Summer›, Landhaus bei Kuiķule und Lauvas, Lettland; ‹Dig Drill Dump Fill Push Pull Empty Full – Bilderbücher und Kindermusik der 1970er›, Kunsthaus Langenthal
2018 ‹Studio Eine Phantastik›, Shedhalle, Zürich
2016 ‹Items – Unfolding a Place Without a Historical Centre, Created Continuously Anew in Meetings and Events that Occur in Empowered Spaces, Simultaneously›, Moderna Museet, Stockholm
2014 ‹Des histoires sans fin›, MAMCO, Genf; ‹Was Modelle können›, Museum für Gegenwartskunst Siegen; ‹Suturak/Cerca a lo próximo›, Museo de San Telmo, San Sebastían/Donostia

Auteur(s)
Hans Rudolf Reust
Artiste(s)
Hinrich Sachs

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