Irma Ineichen — Ein eigenes Zimmer

Irma Ineichen · Mein Zimmer in Les Lilas 1954, Öl auf Karton, 24,5 x 34 cm. Foto: Tobias Ineichen

Irma Ineichen · Mein Zimmer in Les Lilas 1954, Öl auf Karton, 24,5 x 34 cm. Foto: Tobias Ineichen

Irma Ineichen · Die vier Öffnungen, 2000/2009, Öl auf Leinwand, 70 x 100 cm. Foto: Tobias Ineichen

Irma Ineichen · Die vier Öffnungen, 2000/2009, Öl auf Leinwand, 70 x 100 cm. Foto: Tobias Ineichen

Besprechung

In Paris ist Irma Ineichen Künstlerin geworden. Zusammen mit ihrem Sohn, dem Filmemacher Tobias Ineichen, hat sie sich dorthin auf Spurensuche begeben. Der berührende Dokumentarfilm ‹Irma Ineichen – Erinnerungen an Paris 1951–1955› ­feiert an den diesjährigen Solothurner Filmtagen Premiere.

Irma Ineichen — Ein eigenes Zimmer

Solothurn — Lange bevor sie die Ausbildung zur Grafikerin an der Kunstgewerbeschule Luzern abschloss, hat sie Paris als ihr Ziel festgelegt. Die Stadt wurde ihr zur zweiten Heimat, in die sie bis heute zurückkehrt, in ihre Atelierwohnung auf kleinstem Grundriss, hoch über den Dächern der Stadt. Damals, 1951, fand sie in Adolf Herbst einen Mentor, der ihr Gastrecht in seinem Atelier gewährte und sie in den Kreis seiner Pariser Künstlerfreunde einführte. Vor allem ermunterte er sie zum Malen. Sie sei überrascht gewesen, erinnert sich die Künstlerin, wie leicht ihr die Ölmalerei von der Hand ging. Ein frühes Intérieur zeigt ihr Zimmer, eine abgeschrägte Dachkammer, die pulsierende Farbhaut ist im komplementären Rot-Grün-Kontrast gehalten. Auch die Malerei ‹Die hellen Wände›, 1952, stammt aus dieser Zeit, gibt Einblick ins Atelier: Zu erkennen sind ein Porträtkopf, ein Krug und an die Wand gelehnt eine weisse Leinwand. Weniger die Artefakte ziehen den Blick auf sich als die orthogonal strukturierten Wandflächen in lebhaftem Weiss, in der Anmutung von Schiebetüren. Es scheint, als ob sich dieser kleinen Komposition bereits japanische Ästhetik eingeschrieben hätte, obwohl Irma Ineichen erst Jahrzehnte später erstmals nach ­Japan reisen würde. Mit lichtdurchfluteten Räumen in schwebender Transparenz, wie ­‹Japanischer Tee-Raum›, 2009, reagierte sie auf die Begegnung mit dem Inselstaat. Ihre Räume haben in der westlichen Kunstgeschichte eine Genealogie: Dazu gehört die mittelalterliche Malerei, etwa Marias schlichtes Kämmerchen, in das der Verkündigungsengel tritt, ebenso wie neusachliche und surrealistische Raumkonstrukte. Im Jahr 1929, als die Künstlerin in Wolhusen geboren wurde, erschien Virginia Woolfs für den Feminismus bahnbrechende Schrift ‹A Room of One’s Own›, die Frauen ermächtigen will, Raum für ihre eigenständige Arbeit einzufordern. Ob Ineichen diesen Essay gelesen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Intensität und Kontinuität ihrer Auseinandersetzung mit dem Innenraum legt es nahe, diesen auch als Metapher für ihr selbstbestimmtes Leben als Künstlerin zu lesen. Sie hat sich ihre eigenen Zimmer geschaffen, in Paris und in Luzern. Hier hat sie seit den späten Sechzigerjahren öffentliche Anerkennung erfahren und die Unterstützung von Jean-Christophe Ammann, der sie im Kunstmuseum Luzern ausstellte. Ende 2019 feierte Irma Ineichen ihren 90. Geburtstag – mit einer retrospektiv angelegten Schau in der Galerie Kriens. Im Atelier hat sie eben ein grossformatiges Intérieur vollendet.

Jusqu'à 
29.01.2020

→ ‹Irma Ineichen – Erinnerungen an Paris 1951–1955›, Solothurner Filmtage, 22.–29.1.  ↗ www.solothurnerfilmtage.ch

Artiste(s)
Irma Ineichen
Auteur(s)
Gabriele Lutz

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