Pieter Bruegel d. Ä. — Ein Bild wie ein Wunder

Pieter Bruegel d. Ä. · Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee, 1563, signiert und datiert unten links, Öl auf Eichenholz, 35 x 55 cm, Sammlung Oskar Reinhart Am Römerholz, Winterthur

Pieter Bruegel d. Ä. · Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee, 1563, signiert und datiert unten links, Öl auf Eichenholz, 35 x 55 cm, Sammlung Oskar Reinhart Am Römerholz, Winterthur

Besprechung

Ein ganz Grosser, und noch immer neu zu entdecken: Die von Kerstin Richter kuratierte Kabinettausstellung ‹Das Wunder im Schnee – Pieter Bruegel der Ältere› in der Sammung Am Römerholz lädt zur Begegnung mit dem Werk eines Künstlers, der das Publikum immer einbezieht und fordert.

Pieter Bruegel d. Ä. — Ein Bild wie ein Wunder

Winterthur — Schöner kann’s nicht schneien als auf der kleinen Tafel ‹Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee›, 1563, die Pieter Bruegel d. Ä. (um 1525/30–1569) so kühn und bewegend gestaltet hat. Oskar Reinhart, dem wir die Sammlung Am Römerholz und mit ihr das einzige Gemälde des flämischen Meisters in einem Schweizer Museum verdanken, war auf der Suche nach einem Bruegel und hat in Berlin diesen bekommen: «10h zu Cassirer. Brueghel erworben», vermerkt sein Tagebuch am 1. Oktober 1930. Bruegels erstes von fünf innovativen Wintergemälden gilt auch als das erste Tafelbild in der europäischen Kunst mit der Darstellung von fallendem Schnee. Diese alle Sinne, Herz und Geist ansprechende Winterlandschaft steht im Zentrum der Schau, die es wahrhaft in sich hat. Sie allein – zusammen mit der Media-Station, die es erlaubt, sich dem Werk über Makro- und Röntgenaufnahmen, Streiflicht und Infrarotbilder zu nähern – würde den Besuch lohnen. Die Anbetung als das wichtigste Geschehen ist darin ganz an den Rand gerückt – nicht untypisch für Bruegel, man vergleiche nur die beiden in der Schau gezeigten Blätter der ‹Grossen Landschaften› mit dem von allem abgewandten heiligen Hieronymus oder, fast schon Rückenfiguren auf dem Weg ins Bild, den drei Pilgern unterwegs nach Emmaus, einer von ihnen ist Jesus. Wie so oft bei Bruegel sind die Betrachtenden gefordert, sich auf die verschiedenen Wege einzulassen, die im Werk angelegt sind, die Lesarten, deren Reichtum schon von seinen Zeitgenossen erkannt wurde. Zuerst aber ist die ‹Anbetung› ein ungemein atmosphärisches Werk. Vom leicht erhöhten Blickpunkt sind Kälte und Schnee zu spüren, zu riechen, man hört die Schritte, das Gemurmel und einzelne Rufe der dem Heilsgeschehen zugewandten und der mit sich und dem Alltag beschäftigten Menschen. Bald erahnt man in den fernsten Gestalten und Dingen – lanzenbewehrten Soldaten, einem Rad wie ­Fortunas Rad – Zukünftiges, Wandel, Gefahr. Im Vordergrund kündigt sich zwischen dem Zerfallenden rechts (wohl als Ruine des Davidspalasts zu interpretieren) und dem Aufblühenden links (die Heilige Familie im Stall) Neues an, ein Übergang, die Brücke über den Fluss unterstreicht es. Und über allem der fallende Schnee, als zarter Schleier, hinter dem Realität und Imagination in abgründigen Erzählungen zur Welt kommen: erfüllte Wirklichkeit im Namen Christi, von geradezu ergreifender malerischer Spontaneität und verführerischer Dynamik.

Jusqu'à 
01.03.2020

→ ‹Das Wunder im Schnee – Pieter Bruegel der Ältere›, Sammlung Oskar Reinhart Am Römerholz, bis 1.3.; zugehörige Website unbedingt besuchen! ↗ www.roemerholz.ch www.insidebruegel.net

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