Surimono der Shijō-Schule

Tōkyoen · Strassenhändler für Neujahrsschmuck und Knabe, 1817 oder 1877, Viel­farbendruck

Tōkyoen · Strassenhändler für Neujahrsschmuck und Knabe, 1817 oder 1877, Viel­farbendruck

Ueda Kōchū · Seidenraupenzucht, 1860er-Jahre. Japan, Edo-Zeit, Vielfarbendruck

Ueda Kōchū · Seidenraupenzucht, 1860er-Jahre. Japan, Edo-Zeit, Vielfarbendruck

Hinweis

Surimono der Shijō-Schule

Zürich – Ja, Sie dürfen! Wie der blutigste Laie, wie der unbescholtenste Augenmensch: einfach schauen, ohne verstehen zu müssen. Dürfen sich dem hingeben, was Sie sehen, und sich erzählen lassen, warum, rein bildlich gesprochen, es mal tierisch zu und her geht, mal Wasser die Hauptrolle spielt, mal Tee im Zentrum steht, mal Landschaft und Figuren, mal die Feier des Alltags oder Speisen in ihrer besonderen, Glück bringenden Bedeutung. Die Vielfalt der Motive ist packend, und wie so oft, wenn man es mit ostasiatischer, mit japanischer Kunst zu tun hat, fasziniert der Umgang mit Raum und Leere, das überzeugende Setzen von Zeichen aufs Blatt. Mit illustrierten Gedichtblättern schlägt die Ausstellung in der Park-Villa Rieter ein ganz besonderes Kapitel der japanischen Kunst auf. Die eigentliche Hauptsache der Blätter, die Gedichte, interessieren hier nur am Rand, abgesehen davon, dass sie auch für Kenner wie Kuratorin Khanh Trinh schwer zu entziffern sind und erst recht schwer zu übersetzen – und Dichter wie Künstler oft unbekannt bleiben. Eine Art poetische Geschenkblätter also, nichtkommerziell und in kleinen Auflagen gedruckt, die meist im Auftrag des Leiters eines Dichterkreises zustande kamen, als Resultat eines Gedichtwettbewerbs in einer Zeit, da in Städten wie Edo, Osaka oder Kyoto fast alle lesen und schreiben und somit dichten konnten; Blätter auch für bestimmte Anlässe wie das im Frühling gefeierte Neujahr, die Eröffnung eines Ladens, den Eintritt ins Kloster oder den Namenswechsel einer Bühnenkünstlerin. Solche Dinge werden in der Ausstellung und ausführlicher noch in der aufliegenden Broschüre erläutert, sozusagen als Fundament für das visuelle Erlebnis, das die rund siebzig in der Park-Villa Rieter gezeigten Werke (ergänzt durch einige weitere im «Smaragd») bieten. Was sieht man nun auf diesen kunstvoll «gedruckten Sachen» (so die wörtliche Bedeutung von Surimono) mit ihren Haikai-Versen, von denen auf jedem Blatt nicht zwei oder vier, sondern zehn, zwanzig und mehr figurieren? Es sind wunderbar naturalistische Mini-Stillleben, Figuren, Landschäftchen, alles sich selbst und seinem metaphorischen Sinn verpflichtet, selten bunt, dafür von akzentuierter Harmonie. Meist öffnet das Bildelement das Gedichtblatt von rechts her oder scheint die Texte – zarte, fremd bleibende Liniengespinste – zu tragen. Immer wieder wird einem staunend bewusst, dass man es nicht mit leichtem Pinselstrich, sondern meisterlicher Holzschnittdruckkunst des 19. Jahrhunderts zu tun hat. Die Begegnung mit dieser leisen, fremden Schönheit ist der grosszügigen Schenkung der Zürcher Sammler Gisela Müller und Erich Gross zu verdanken. 

Jusqu'à 
09.02.2020
expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
Surimono 24.10.2019 - 09.02.2020 exposition Zürich
Schweiz
CH
Auteur(s)
Angelika Maass

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