Albert Trachsel — Inspiriert und eine Inspiration

Albert Trachsel · Traumlandschaft, um 1910, Öl auf Leinwand, 105 x 130 cm, Schenkung Margrit Powell-Kottmann, Kunstmuseum Solothurn

Albert Trachsel · Traumlandschaft, um 1910, Öl auf Leinwand, 105 x 130 cm, Schenkung Margrit Powell-Kottmann, Kunstmuseum Solothurn

Albert Trachsel · Fête de la Nature, 1892, Tafel 10 der Edition ‹Les fêtes réelles›, 1897, aquarellierte Tuschfederzeichnung auf Papier, 47,5 x 63,5 cm, Nachlass Monique Barbier-Mueller

Albert Trachsel · Fête de la Nature, 1892, Tafel 10 der Edition ‹Les fêtes réelles›, 1897, aquarellierte Tuschfederzeichnung auf Papier, 47,5 x 63,5 cm, Nachlass Monique Barbier-Mueller

Besprechung

Zusammen mit jungen Kunstfachleuten führt Christoph ­Vögele, der Leiter des Kunstmuseums Solothurn, seine Bohrungen in der Genfer Symbolistenszene fort. Der zurzeit ausgestellte ­Albert Trachsel berührte aber schon früh auch unterschiedliche Formen der Abstraktion.

Albert Trachsel — Inspiriert und eine Inspiration

Solothurn — Albert Trachsel (1868–1929) gewinnt im Lichte des aufflammenden Interesses an Metaphysik und Bewusstseinserweiterung an Aktualität im Kunstbereich. Sein Schaffen, das Mensch, Architektur, Landschaft und Weltall verquickt, wirkt zuweilen fast peinlich überbordend. Zu seiner bisher umfassendsten Schau in Solothurn, wo er dank Oscar Miller und der Familie Müller früh Fuss fassen konnte, reiste der schwindelerregende Wasserfall von 1909, eines seiner fragilen Hauptwerke, zwar nicht an. Vor der Visite schnalle man sich trotzdem an.
Den Auftakt machen eklektische Gebäudeentwürfe des Architekten sowie Architekturvisionen des künftigen Künstlers, die er am Rosenkreuzersalon 1892 zeigte. Diese Entwürfe zwischen Boullée, Ledoux und Las Vegas, die er später mit seinem Gedicht ‹Les fêtes réelles› als Edition herausgab, verweisen auf einen extrem modernen, aber auch totalitären Gestaltungswillen. Damit verbunden ist die Forderung, dass das 20. Jahrhundert die revolutionären Versprechen einlösen soll. Nur wurde die Zukunft oft gerade im Primitiven gesucht. Gauguin stach dafür in die Südsee. Trachsel, der an dessen Abschiedsbankett mitgespeist hatte, machte sich in das heimatliche Hochgebirge auf. Die in seinen Texten idealisierten Hirten und Holzfäller wurden zwar in ihrer ultimativen Form von Hodler – seinem ehemaligen Zeichenlehrer – gemalt. Trachsel seinerseits lehrte seinen Meister und Freund, über Bergklippen in die Weite des Himmels zu blicken. Und er beflügelte mit seiner steten Suche nach einer neuer Formensprache wohl auch das hodlersche Spätwerk.
In seinen ergiebigsten Jahren zwischen Fin de Siècle und Erstem Weltkrieg entfernte sich Trachsel rasch von den symbolistisch aufgeladenen, im Dunkeln flammenden Gesichtern. Über leinwandfüllende Wellenfrauen und Blitzweiber gelangte er zu einer geläuterten Landschaft, die er in gleissenden Farben wiedergab. Fast schon gestisch stürmte er auf Gipfel und rutschte über Hänge wieder hinunter. Später fand er in der Campagne de Genève wieder Halt und malte den Hausberg, den Salève, nur noch im Dunst in der Ferne. Besänftigt erscheinen die Ambitionen, überwunden die Fallängste. Rarer werden gleichzeitig auch die Sexualkonnotationen der früheren Kompositionen. Die mit einem Bezug zur Schweizer Avantgarde aus der Sammlung abgerundete Retrospektive lässt nicht nur ein eigensinniges Künstlerleben aufleben. Sie zeigt, wie viele Einsichten die Kunstgeschichte gewinnen kann, wenn Museen Ausfallschritte vom kunstgeschichtlichen Kanon wagen. 

Jusqu'à 
07.02.2021

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