Im Herzen wild — Sehnsucht, Bewegung, grosse Gefühle

Arnold Böcklin · Wettertannen, 1849, Öl auf Leinwand, 76,8 x 74,6 cm, Kunstmuseum Basel

Arnold Böcklin · Wettertannen, 1849, Öl auf Leinwand, 76,8 x 74,6 cm, Kunstmuseum Basel

Johann Jakob Ulrich · Brennendes Dampfschiff auf stürmischer See, 1850–1853, Öl auf Leinwand, 98 x 131 cm, Museum der bildenden Künste Leipzig

Johann Jakob Ulrich · Brennendes Dampfschiff auf stürmischer See, 1850–1853, Öl auf Leinwand, 98 x 131 cm, Museum der bildenden Künste Leipzig

Besprechung

Klug inszeniert, sprechend gehängt, immer unterhaltsam und voller Überraschungen: ‹Im Herzen wild› ist eine grosse Ausstellung, die vieles zusammenbringt, was nicht selten weit ausein­anderzuliegen scheint. Und die bewusst macht, wie sehr die Schweiz zur Zeit der Romantik uns heute noch angeht.

Im Herzen wild — Sehnsucht, Bewegung, grosse Gefühle

Zürich — Zum Auftakt eine glühende Eruption des Schweizer Malers Ducros, und schon geht’s hinein in die ‹Nachtseiten der Romantik›, die heimlichen und unheimlichen. Stark wie immer: Johann Heinrich Füssli. Sein Gemälde ‹Einsamkeit im Morgenzwielicht›, 1794–96, ist ein Traumbild von Goya’scher Tiefe, während anderes in diesem ersten von zehn Kapiteln vor allem durch Stimmungshaftigkeit besticht. Etwa die Transparentbilder von Franz Niklaus König oder die reizvolle ‹Malerstube im Mondschein› von Carl Gustav Carus, die beide – und das ist eine Qualität dieser Ausstellung – gleich an andere Ereignisse der Kunst denken lassen: an Friedrichs als Gesamtkunstwerke konzipierte Transparentbilder, an all die ‹Malerstuben› – und Atelierbilder seiner Zeit bis hin zu Menzels ‹Balkonzimmer›. Das sind natürlich subjektive Assoziationen, aber ‹Im Herzen wild – Die Romantik in der Schweiz› scheint es gerade darauf anzulegen. Überhaupt: nicht Schweizer Romantik, sondern «national entgrenzte Romantik» und damit verbunden Stilpluralismus und «Offenheit gegenüber äusseren Einflüssen», wie Kurator Jonas Beyer schreibt.
Darum spielen in der Schau mit ihren über 170 Exponaten von mehr als siebzig Künstlern auch so viele Nichtschweizer eine Rolle oder Schweizer Künstler, die ihre Aufgabe im Ausland fanden. Darum erscheinen in diesem Kontext auch Werke kleinerer Meister gross und werden in ihrer Bedeutung ernst genommen. Johann Jakob Ulrich gehört dazu. Sein ‹Brennendes Dampfschiff auf stürmischer See›, 1850–53, ist von innerem und äusserem Feuer bewegt und seine Zeichnung ‹Barke im Sturm›, 1849, so mitreissend wie ein William Turner, der im Kapitel ‹Die Entdeckung der Schweizer Landschaft› etwa mit einem atemberaubenden Blick von der Teufelsbrücke zum Gotthard von 1804 vertreten ist. In diesem gewichtigen Kapitel begegnet man auch dem Vorromantiker Johann Heinrich Wüest und seinem grossartigen ‹Rhonegletscher›, um 1775. Und ja, Calame: Sein atmosphärisch schönes ‹Bei Brunnen am Vierwaldstättersee›, 1856, oder dann, im hinreissenden letzten Kapitel ‹Natur im Fragment›, dem der junge Böcklin drei Glanzlichter aufsetzt, Calames Studien auf blauem Papier. Man kann angesichts der Werke, in denen Landschaftliches die Hauptrolle spielt, leicht ins Schwärmen geraten. Den Schlusspunkt zu dieser bewegten Schau setzt ein zeitgenössisches Werk. David Claerbouts Video ‹Travel› führt kunstvoll ins Waldesinnere, das am Ende gar nicht so tief ist: fast ein Akt romantischer Ironie. 

Jusqu'à 
14.02.2021

→ ‹Im Herzen wild – Die Romantik in der Schweiz›, Kunsthaus Zürich, bis 14.2.; anregender Katalog mit frischen Perspektiven ↗ www.kunsthaus.ch

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Im Herzen wild 13.11.2020 - 14.02.2021 exposition Zürich
Schweiz
CH

Vidéos

Mit über 160 Werken spannt die Ausstellung einen Bogen von Johann Heinrich Füssli über Alexandre Calame bis zum frühen Arnold Böcklin. Sie führt den eminenten Beitrag der Schweizer Künstler zur Entwicklung der europäischen Landschaftsmalerei vor Augen, folgt ihnen an die Akademien im Ausland und zeigt die enge Vernetzung auf, die zwischen den Malern bestand. Unter Einbindung namhafter Romantiker auch aus den Nachbarländern wie Caspar David Friedrich, Eugène Delacroix und William Turner würdigt dieser Überblick den Schweizer Beitrag zur Romantik in internationaler Perspektive.

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