Imi Knoebel — Centren für Basel

Imi Knoebel · Centrum 2, 227,5 x 305 x 9 cm; Centrum, 191,7 x 172 x 9 cm; Centrum 3, 230 x 298,4 x 9 cm; alle: 2012/2020, Acryl auf Holz, Ausstellungsansicht Galerie von Bartha Basel. Foto: Simon Schwyzer

Imi Knoebel · Centrum 2, 227,5 x 305 x 9 cm; Centrum, 191,7 x 172 x 9 cm; Centrum 3, 230 x 298,4 x 9 cm; alle: 2012/2020, Acryl auf Holz, Ausstellungsansicht Galerie von Bartha Basel. Foto: Simon Schwyzer

Besprechung

Die Galerie von Bartha zeigt zum wiederholten Mal Werke von Imi Knoebel. Vieles dreht sich bei ihm um Malewitschs ‹Schwarzes Quadrat›, gleichwohl gilt er als «Abstinenzler des Metaphysischen». Am Namenstag des Papstes Silvester – der erste, der nicht zum Märtyrer wurde – feiert er seinen 80. Geburtstag.

Imi Knoebel — Centren für Basel

Basel — «Das Geriede» ist «ausgereutetes Buschwerk», ausgerissenes Buschwerk, also ein von Buschwerk gereinigter Platz. Das Wort findet sich heute noch im Orts­namen «Ried» sowie im englischen «reed» wieder. Im Frühneudeutschen Wörterbuch wird zudem das wunderschöne Wort «Ingetüm» als Synonym aufgeführt. Gegoogelt dann – und das ist hier von «centraler» Bedeutung – stösst man unmittelbar auf Imi Knoebel (*1940, Dessau). ‹Das Geriede› war der Titel des Katalogs zu seiner vor einigen Jahren realisierten Bilderserie ‹Otterlo›.
Weisse oder auch holzgemaserte Bilder umfasst diese Bilderserie. Eines ist im Besitz des südholländischen Museum Voorlinden in Wassenaar. Die Kopfkanten dieser Werke sind im Rhythmus der Bildpaneele ausgezackt, ihre Seiten und Unterkanten gerade und rechtwinklig. Erstmals waren sie 1985 in Aldo van Eycks Erweiterung des von Henry van de Velde errichteten Rijksmuseum Kröller-Müller in Otterlo ausgestellt. Die Werkgruppe ‹Otterlo› ist für die nun in Basel erstmals gezeigten ‹Centren› von 2012–2020 die bedeutende Referenz.
An weissen Wänden hingen sie damals. Parallel zum Shed, im Gemisch von direktem und indirektem, von Sonnen- und Kunstlicht. Im Katalog ‹Imi Knoebel, Werke 1966–2014› ist die Präsentation sehr gut nachzusehen.
‹Kadmiumrot› und ‹Weisses Kreuz›, weitere Werke Imi Knoebels, hingen damals seitlich, quer zum Shed. Tageslicht und Spotlights umspielten sie. Das Sonnenlicht dominierte, war noch «licht-lichter» als die Kunstlichter und wurde so zum lichtformenden Protagonisten. Es bildete lichtspitze Formen auf der Wand und den Bildern. Es hellte Helles noch heller. Es entstanden geometrische «Lichten», analog zu entlichteten Schatten, mithin nicht materialisiert-faktische Phänomene. Sie traten mit den Bildern Imi Knoebels in konstruktiven Dialog.
Die Hängung war site-specific. Knoebel hatte sogar ein «Trennwerk», eine Trennwand aus Pressspan eingezogen, die er dann ebenfalls als Werk deklarierte. Die anderen Wände wurden als Bilderträger zur integrierten Projektionsfläche einer Licht-Schatten-Vorführung. Das Ganze gleichsam zu einem ‹Sieg über die Sonne›, um an Kasimir Malewitschs Operntitel aus dem Jahr 1913 und ihren Autor, den formalen Ziehvater Imi Knoebels, zu erinnern. Alla fine ist das die Ausgangsszene für die ‹Centren›. Weiss man um Imi Knoebels frühe Projektionen aus den späten Sechzigerjahren, scheinen auch noch die synästhetischen ‹Lightshows› des Komponisten Alexander Skrjabins (1871–1915) als Referenz auf.
Ist Malewitsch wirklich nur der formale Ziehvater? Kunst ist fraglos etwas Geistiges. Malewitschs Überbau zeugt davon. Imi Knoebel hingegen zeigt, dass dieses Geistige zu erden ist. Zu Recht hat ihn der Künstler und Autor Johannes Stüttgen als «Abstinenzler des Metaphysischen» bezeichnet. Knoebel entmystifiziert das Geistige in Form und Farbe. Bedingungslos verlässt er sich auf das Ästhetische, das Wahrnehmbare. So schliessen seine Werke den konstruktiven Wettstreit von und mit Licht und Schatten und Bildkörpern und Flächen und Bildern und Farben ein.
Der grosse Aufklärer Auguste Comte (1798–1875) sah sowohl das religiöse wie das metaphysische Zeitalter überwunden. Empirisch sei die Zukunft. Imi Knoebel hat sich im Empirischen eingerichtet. Er verweigert Überbau. Sein Schwarzes Quadrat im Kirchenfenster der Kathedrale zu Reims, eine Hommage an Malewitsch, ist kaum sichtbar hoch ins spitzbogig Religiöse entrückt.
Für Imi Knoebel, den in Dessau geborenen Beuysianer, gilt allein das Weltliche. So verstanden ist es auch folgerichtig, dass seine nächsten Glasarbeiten für eine Bar entstehen und dass sich das Schweizer Modelabel Akris für seine neuste Frühlingskollektion seiner markanten Formen und leuchtenden Farben bedient.
Für diese empirische Erdung stehen auch die lichtabsorbierenden, präsenten ‹Centrum›-Bilder. So, wie Licht einem Gegenstand einen Schatten verleiht, ihm Abschattungen im Sinne Edmund Husserls abverlangt, so generiert Licht auch Überbelichtungen, Entschattungen und Formen, die nicht sofort augenfällig ihre Ursachen offenbaren. Darauf bauen die materialisierten Sichtbarkeiten mit den Titeln ‹Centrum› und ‹Centrum 1–5› auf.
Sie bedeuten nichts, sie sind! Ihre Farbigkeit ist kein Inhaltsträger, aber abstrakte Behauptung. Jenseitiges hat hier weder Hand noch Fuss, ist «ausgereutet». Ihre Formen sind in die Welt gestellte Phänomene. Da sind sie nun: geometrisch nicht einfach fassbar, handwerklich bis zur Anonymität perfektioniert, klar, vermeintlich simpel, ergreifend machtvoll im Raum, nichtfarbig-farbig, eisenoxydrot, Anschauung fordernd, präsent. Nur ihr Anspruch ist – wie das gesamte Werk Imi Knoebels – grenzenlos: weltliche Schönheit! 

Jusqu'à 
20.02.2021

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