Ottilie W. Roederstein — Peinte par elle même

Ottilie W. Roederstein · Selbstbildnis mit roter Mütze, 1894, Tempera auf Holz, 36 x 24 cm, ­Kunstmuseum Basel, Geschenk eines Kunstfreundes in Zürich 1936

Ottilie W. Roederstein · Selbstbildnis mit roter Mütze, 1894, Tempera auf Holz, 36 x 24 cm, ­Kunstmuseum Basel, Geschenk eines Kunstfreundes in Zürich 1936

Besprechung

Roederstein gehörte als Malerin in den 1920er-Jahren zusammen mit Kolleginnen aus Naturwissenschaft, Politik und Literatur zu den führenden Frauen Europas. Das Kunsthaus Zürich zeigt eine erste umfassende Retrospektive mit Gemälden der Künstlerin sowie mit Werken aus ihrer hauseigenen Sammlung.

Ottilie W. Roederstein — Peinte par elle même

Zürich — Die Ausstellung folgt den Stationen des Lebens, das Ottilie Wilhelmine Roe­derstein (1859–1937) mit ihrer Lebenspartnerin, der Medizinerin Elisabeth H. Winterhalter, geführt hat. Sie hat es durch ein reiches, malerisches Œuvre, internationale Ausstellungstätigkeit sowie durch Malereiunterricht für Schülerinnen mitgeschrieben. Eine Auswahl an Gemälden aus privaten und öffentlichen Sammlungen ergänzt durch historische Briefe, Dokumente und Fotos aus dem Nachlass, die zum ersten Mal in dieser Dichte gezeigt werden, sind chronologisch präsentiert. Sie ermöglichen es, der Künstlerin von ihrer Geburtsstadt Zürich aus nach Berlin, Paris, Frankfurt und Hofheim am Taunus zu folgen, und eröffnen Einblicke in historische Realitäten: in die Zeit um 1900, in der sie sich in ­Paris ­ihren Durchbruch «ermalt» und die nachhaltigen Kontakte zu Künstlerinnen und Gönnern geknüpft hat.
Kuratorisch pointiert akzentuiert die Schau im zentralen Raum zwei Aspekte: die grosse Anzahl an Selbstbildnissen und das Verhältnis zwischen Roederstein und dem Kunsthaus Zürich als Institution. Hier wird exemplarisch aufgezeigt, wie sich Roederstein auf der Leinwand mit dem Selbst auseinandersetzt und auslotet, was das Frausein in der damaligen Zeit ausmacht respektive ausmachen könnte. Die Porträtierte baut Blickbeziehungen mit dem Gegenüber auf. Darin geht sie Wagnisse ein, fordert dazu heraus, dem Spiel nicht zu trauen, so im kessen ‹Selbstbildnis mit roter Mütze›, das sie prominent am oberen Rand mit «O. W. Roederstein, peinte par elle ­même 1894» signiert. In anderen Gemälden zeigt sie sich frontal und ungeschminkt, mit Zigarette. Den Spuren des Alterns weicht sie nicht aus, sie thematisiert sie. Durch eine Auswahl historischer Fotografien, die intimere Situationen und Konstellationen dokumentieren, werden Facetten ihrer gelebten Emanzipation greifbar, als Rechte auf Unabhängigkeit und Bewegungsfreiheit erstmals ausgehandelt wurden. Ein Beispiel dafür ist ein Foto, auf dem sie selbstbewusst mit eigenem Velo posiert.
Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Städel Museum, wo sie als zweite Station in leicht abgewandelter Form gezeigt wird. Sie transportiert präzise, dass in traditionsbezogener Malerei ein Potenzial liegt, zeitgenössische Inhalte zu verhandeln. Ergänzt um ein Begleitprogramm ermöglicht sie eine fundierte Neubewertung von Roederstein. Dadurch sind Erkenntnisse zu erwarten, die für gegenwärtige Debatten zu Kulturförderung und Frauennetzwerken relevant sind. 

Jusqu'à 
05.04.2021

→ ‹Ottilie W. Roederstein›, Kunsthaus, bis 5.4.; mit reichem Begleitprogramm ↗ www.kunsthaus.ch
→ ‹Frei schaffend – Die Malerin Ottilie W. Roederstein›, Städelmuseum, 19.5.–5.9. ↗ staedelmuseum.de

Institutionen Pays Ville
Kunsthaus Zürich Suisse Zürich
Städel Museum Allemagne Frankfurt/M
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Ottilie W. Roederstein 18.12.2020 - 05.04.2021 exposition Zürich
Schweiz
CH

Vidéos

Sie war eine der bedeutendsten Malerinnen ihrer Generation und wichtigste Schweizer Porträtistin der frühen Moderne: Ottilie W. Roederstein.

Nicht nur in ihrem Heimatland, auch in Deutschland und Frankreich fand sie grosse Anerkennung für ihre Porträts und Stillleben und stellte ihre Gemälde erfolgreich in Paris, London, Frankfurt am Main und Chicago aus. Als einzige Künstlerin vertrat sie 1912 die Schweiz bei der epochalen «Internationalen Kunstausstellung des Sonderbundes» in Köln – neben Kollegen wie Ferdinand Hodler und Giovanni Giacometti. Trotz ihrer einst internationalen Wertschätzung fiel sie nach ihrem Tod in Vergessenheit.

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