Potential Worlds 2 — Das Handbuch für den Notfall

Mary Maggic · Plants of the Future, 2013/2020, Courtesy Migros Museum für Gegenwartskunst and YARAT Contemporary Art Space. Foto: Lorenzo Pusterla

Mary Maggic · Plants of the Future, 2013/2020, Courtesy Migros Museum für Gegenwartskunst and YARAT Contemporary Art Space. Foto: Lorenzo Pusterla

Burton Nitta (Michael Burton & Michiko Nitta) · Near Future Algae Symbiosis Suit – Protoype, 2010

Burton Nitta (Michael Burton & Michiko Nitta) · Near Future Algae Symbiosis Suit – Protoype, 2010

Besprechung

Wie lässt sich die Beziehung zwischen Mensch und Natur in Anbetracht der aktuellen Klimakatastrophe gestalten? Dieser Frage widmet sich die Ausstellung ‹Potential Worlds 2: Eco-­Fictions› im Migros Museum und schlägt spekulative Entwürfe für die Welt von morgen vor.

Potential Worlds 2 — Das Handbuch für den Notfall

Zürich — Dichter, tiefgrauer Rauch, undurchschaubar, nicht einmal der Wind kann ihn verwehen. Aufgetürmter, in Flammen stehender Elektroschrott. Diese Szenen lagert Louis Henderson in seiner Videocollage ‹All That Is Solid› übereinander. Die Ereignisse spielen sich in der ghanaischen Hauptstadt Accra ab, wo alte Rechner und Prozessoren aus Europa hintransportiert und «recycelt» werden. Doch recycelt heisst in diesem Fall: Edelmetalle oder wiederverwertbare Bestandteile werden herausgeschraubt und auf den lokalen Märkten verkauft. Der Rest wird verbrannt. Henderson collagiert diese Bilder mit jenen von illegalen Goldminen und verdichtet sie zu einer neokolonialen Struktur, die Mensch und Umwelt ausbeutet. Damit weist der britische Künstler darauf hin, dass nicht alle Menschen gleichermassen zur Klimakatastrophe beitragen – aber alle gleichermassen davon betroffen sein werden. Kapitalozän statt Anthropozän, wie es im Ausstellungskatalog beschrieben wird.
Dies ist eines der Werke, die inhaltlich an die vergangene Ausstellung ‹Potential Worlds 1: Planetary Memories› anknüpfen. Wie die erste Schau beschäftigt sich auch die Folgeausstellung mit dem Verhältnis von Mensch und Natur und stellt spekulative Entwürfe für die Zukunft vor. So schlagen etwa Michael Burton und Michiko Nitta in ihrem Langzeitprojekt ‹Algaculture› eine symbiotische Beziehung zwischen Mensch und Alge vor. Im Migros Museum ist ein Prototyp zu sehen, der einen möglichen Ablauf für diese Symbiose vorschlägt. Das vom Menschen ausgeatmete CO2 wird durch mehrere Schläuche von seinem Mund in einen Behälter geleitet. Die darin herangezüchteten Algen dienen ihm anschliessend als Nahrungsmittel. Auch die amerikanische Künstlerin Mary Maggic schlägt in ihrem Projekt ‹Plants of the Future› eine Alternative vor, wobei Pflanzen nicht im Boden, sondern in nährstoffreichem Wasser kultiviert werden. Eine Methode, die bereits von der NASA getestet wurde.
In all diesen utopischen Werken steckt auch etwas Dystopie. Denn Fragen nach nachhaltiger Nahrungsmittelversorgung drängen sich in Anbetracht der wachsenden Weltbevölkerung, verseuchter und ausgeschöpfter Böden unweigerlich auf. Doch dystopische Vorstellungen müssen nicht zwangsläufig fatalistisch gemeint sein, im Gegenteil: Wie jeder dystopische Roman können auch die Entwürfe im Migros Museum als «Notfallhandbuch» betrachtet werden. Ein Notfallhandbuch, in dem wir durch das Imaginieren einer dunklen Zukunft verschiedene Szenarien durchspielen und erproben können. 

Jusqu'à 
21.02.2021

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