Shirana Shahbazi — Konstellationen des Gleichzeitigen

Shirana Shahbazi · Untitled, 2020, C-print on aluminium, 120 x 150 cm, 122,5 x 152,5 cm gerahmt, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich. Foto: Sebastian Schaub

Shirana Shahbazi · Untitled, 2020, C-print on aluminium, 120 x 150 cm, 122,5 x 152,5 cm gerahmt, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich. Foto: Sebastian Schaub

Shirana Shahbazi · Reality Show, Galerie Peter Kilchmann, Zürich, 2020. Foto: Sebastian Schaub

Shirana Shahbazi · Reality Show, Galerie Peter Kilchmann, Zürich, 2020. Foto: Sebastian Schaub

Besprechung

Diesen Frühling hätte Shirana Shahbazi eigentlich nach Teheran reisen wollen. Dann kam die Pandemie dazwischen. Die geplante Reise, die Recherche und der Besuch im fremdvertrauten Land der andersartigen Gerüche, Geräusche und Gefühle musste notgedrungen in der Isolation des heimischen Ateliers stattfinden.

Shirana Shahbazi — Konstellationen des Gleichzeitigen

Zürich — Das Resultat dieser erzwungenen «Retraite» ist nun in der Galerie Peter Kilchmann in Zürich zu sehen. Wobei der «Lockdown» hier eigentlich kein «Rückzug» bedeutete, keine Isolation, integrierte Shirana Shahbazi (*1974, Teheran) doch Bilder von Vertrautem und Vertrauten aus der Ferne in die Konstellationen, die sie sich in ihrem Arbeitsraum erschuf. Teheran und Zürich, Atelier und Ausstellungsraum verschränken und verflechten sich optisch mit den Konfigurationen in den Rahmen, den Wandfarben und den räumlichen Gegebenheiten. Die Bilder, nicht am Computer oder in der Dunkelkammer montiert, sondern physisch im Studio aufgebaut und abgelichtet, überlagern sich mit ihrer Umgebung. Sie erlauben den Besucherinnen und Besuchern eine sinnliche Erfahrung der Farben und Formen, der sensibel zusammengefügten komplexen Schichtungen. Die erhöhte Materialität des zu Sehenden erlaubt eine spezifische Aisthesis, einen körperlichen, ganzheitlich ästhetischen Zugang zu Wirklichkeiten.
Das dabei entstehende Flirren der Bedeutungs-, Raum- und Bildebenen zwingt die Betrachtenden, sich dezidiert zu den Werken zu positionieren, um sich in ihnen zu orientieren. Der oben erwähnte Begriff der Konstellation kann dabei zu seinen astronomischen Ursprüngen zurückgeführt werden. Er besteht aus den lateinischen Wortteilen stella (Stern) und dem Präfix con (zusammen) und meint also frei übersetzt ein «Zusammentreffen der Sterne».
Im Universum von Shahbazi transformiert sich diese Momentaufnahme der eigenen Position in Beziehung zu den Himmelskoordinaten, Flugbahnen und Ephemeriden zu einer präzisen Meditation über die Möglichkeiten des Gleichzeitigen und das Potenzial der Überlagerungen. Ist es möglich, an zwei Orten gleichzeitig zu sein? Wie verorten wir Erinnerungen in den Wirklichkeiten einer prekären Gegenwart? Allgemein gesprochen stellt eine Konstellation eine Gesamtlage dar, wie sie sich aus dem Zusammentreffen besonderer Verhältnisse ergibt. Sie kann jedoch nur in Relation zur eigenen Position ermittelt werden, ist eigentlich ein Akt der Selbstverortung in einem beinahe unübersichtlichen System und somit auch einer der Selbstvergewisserung. Shahbazi benutzt eine Methodologie, die der antiken Astronomie ähnlich ist. Ihr Zugang ist ein zuerst hermeneutischer; ihre Fotoarbeiten sind Versuchsanordnungen, die nicht einfach persönlich gedeutet werden, sondern sich dem Publikum öffnen und es einladen, sich innerhalb der Bildebenen zu verorten und die Zwischenräume mit Gerüchen, Geräuschen und Gefühlen aufzuladen. 

Jusqu'à 
16.01.2021

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