Tanz im Museum — Das Spiel zwischen dem Ich und dem Mir

Richard Tuttle · Ten Kinds of Memory and Memory Itself, 1973/2020, Performances jeden Samstag, 15 Uhr, mit Studentinnen des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz an der Hochschule für Musik und Tanz, Köln. © Foto Kolumba, Köln

Richard Tuttle · Ten Kinds of Memory and Memory Itself, 1973/2020, Performances jeden Samstag, 15 Uhr, mit Studentinnen des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz an der Hochschule für Musik und Tanz, Köln. © Foto Kolumba, Köln

Besprechung

Die performativen Künste rücken auf in eine Schlüsselposition unter den künstlerischen Ausdrucksformen und verändern Konzepte des Museums. Radikal neue Wege beschreitet das Kölner Diözesanmuseum Kolumba, indem es den Tanz von der Bühne weg in den Aktionsraum des Museums holt.

Tanz im Museum — Das Spiel zwischen dem Ich und dem Mir

Köln — Gibt es ein spezifisches körperliches Denken? Wie kann die Beschäftigung mit dem eigenen Körper für einen erweiterten Kunstbegriff relevant werden? Welche Rolle spielen körperliche Erfahrungen und Erinnerungen in der Wahrnehmung von Welt? Solche Fragen sind es, die in der Verbindung von Tanz und Museum ein bisher kaum ausgelotetes Potenzial zur gegenseitigen Bereicherung entdecken lassen, zumal seit der Corona-Pandemie das für den Tanz bestimmende Wechselspiel von Nähe und Distanz eine ganz neue Bedeutung erlangt. Der gemeinsam geteilte Ort, der in der Gemeinschaft erlebte Augenblick, in dem der Funke überspringt – das sind Qualitäten, die gerade im Tanz eine eigene Unmittelbarkeit freisetzen. Das Kolumba versteht sein Tanzprojekt als Experiment. Benannt nach einer Choreografie der Schweizer Künstlerin Hannah Villiger heisst es ‹Das kleine Spiel zwischen dem Ich und dem Mir›. In seiner Offenheit setzt es den coronabedingten Behinderungen der letzten Monate etwas Entscheidendes entgegen: Bewegung statt Stagnation, spielerische Ausdrucksfreude statt Reglementierung, mutiges Nach-vorne-Schauen statt der allenthalben beklagten Rückwärtsrolle.
In acht Kapiteln werden choreografische Arbeiten von den 1970er-Jahren bis heute vorgestellt. Den Anfang machte die belgische Tänzerin und Choreografin Anna Teresa de Keersmaeker, die mit ihrer Compagnie Rosas für die Museumsarchitektur von Peter Zumthor eine eigene Arbeit unter dem Titel ‹Dark Red› entwickelte. Eine vom Publikum begeistert begleitete Woche lang wurde die komplette obere Bel­etage während der gesamten Öffnungszeiten betanzt. Wie alle folgenden versteht sich auch diese Choreografie als integraler Bestandteil der dauerhaften Ausstellung mittelalterlicher und barocker Werke. Daran schliesst sich Richard Tuttles frühe Arbeit ‹Ten Kinds of Memory and Memory Itself› von 1973 an, die von Studierenden des Zentrums für zeitgenössischen Tanz an der Hochschule für Musik und Tanz Köln in einer Dauerschleife während des gesamten Ausstellungsjahres jeweils samstags um 15 Uhr aufgeführt wird. Selten zeigt sich Tuttles Intention weg vom abgeschlossenen Werk hin zum Prozess und zum (Re-)Enactment körperlicher Erinnerung so sinnfällig wie hier. Sukzessive folgen Choreografien von Esther Kläs, Duane Michals, Bernhard Leitner, Hannah Villiger, dem konklusiven ‹Büro für Augen, Nase, Zunge, Mund, Herz, Hand und Maske (die alles überdeckt)› und Heinz Breloh. Dabei liefert wie immer die eigene Sammlung den sinnstiftenden Bezugspunkt. 

Jusqu'à 
16.08.2021

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