Tools for Utopia — Bildentgrenzung, Manifeste, Körperkunst

Priscilla Monge · Bailarina (Ballerina), 1995–2000, Metallbohrer und versilberte Bronzefigur, 33 x 17 x 6,5 cm, Courtesy Daros Latinamerica Collection, Zürich. Foto: Peter Schälchli

Priscilla Monge · Bailarina (Ballerina), 1995–2000, Metallbohrer und versilberte Bronzefigur, 33 x 17 x 6,5 cm, Courtesy Daros Latinamerica Collection, Zürich. Foto: Peter Schälchli

Besprechung

Das Kunstmuseum Bern zeigt in einer Ausstellung mit ausgewählten Werken aus der Sammlung Daros Latinamerica, wie Kunst auf ganz unterschiedliche Weise als Werkzeug der Veränderung verstanden wurde und dass solche Gedanken kaum etwas von ihrer Aktualität eingebüsst haben.

Tools for Utopia — Bildentgrenzung, Manifeste, Körperkunst

Bern — Zunächst stossen wir im Kunstmuseum Bern auf Bekanntes, etwa Werke der Op-Art von Jesús Rafael Soto (1923–2005). Nicht besonders «utopisch» – oder doch? Kuratorin Marta Dziewańska fasst den Utopie-Begriff weit: Wenn Veränderung nötig ist, dann kann eine (gesellschaftliche) Alternative gefordert werden. Die Utopie kann aber auch Widerstand oder stetes Neudenken im Bestehenden meinen.
Damit werden die Bestrebungen der 1940er- und 1950er-Jahre, den Bildträger zu erweitern, als Utopie lesbar, da immer auch das Verhältnis von Publikum und Objekt neu gedacht wurde. So forderte Ferreira Gullar, brasilianischer Dichter, im einfluss­reichen Text ‹Teoria do Não-Objeto› (Theorie des Nicht-Objekts) von 1959 nicht nur, die Begrenzungen der Kunstwerke aufzugeben, sondern die Betrachtenden als Teil ­eines Organismus zu verstehen. Und es tun sich weitere Experimentierfelder auf: ­etwa wenn die jüdische Exilantin Mira Schendel (1919–1988), nach dem Krieg in Brasilien beheimatet, auf Reispapier Buchstaben und Sätze schreibt, die zusammenfliessen – eine Suche der dreisprachigen Künstlerin nach einem adäquaten Vokabular für das 20. Jahrhundert. Die Notate leiten über zu den Manifesten, die damals in Südamerika Hochkonjunktur hatten und die neu übersetzt im Museum und im Katalog Raum erhalten. Umwälzungen, Gewalt und Machtmissbrauch führten zu vielen Gruppen und zu programmatischen Äusserungen, die politisch, polemisch oder gar poetischer Natur waren, wobei sie ihr Glaube an die transformatorische Kraft der Kunst einte.
Die Werke im Obergeschoss fokussieren stärker auf die persönliche oder soziale Ebene: So etwa Antonio Dias (1944–2018), der mit Klebestreifen die Ecken eines Rasters markiert und folgenden Text dazusetzt: «Do It Yourself: Freedom Territory». Wie 1968 ist dies auch heute eine Aufforderung, sich der eigenen Rolle im gesellschaftlichen Spiel gewahr zu werden. Daneben setzt sich die nackte Regina José Galindo (*1974) in einem Video bis zur Erschöpfung einem «Wasserwerfer» aus. Aufgewachsen im von Bürgerkrieg gebeutelten Guatemala, machte es Galindo zu ihrer Praxis, Gewalt an ihrem Körper auszuüben, als «pars pro toto».
Fazit? Durch den Begriff «Utopie» gelingt es, die geschickt arrangierten 200 Werke von Brasilien bis Uruguay, von der Konkreten Kunst der 1950er bis zu Videos um 1970, als Reaktion auf soziale Ungleichheit, Gewalt und Umwälzungen zu lesen und die Entwicklungen der Kunst bis in die Gegenwart weiterzudenken. 

Jusqu'à 
21.03.2021

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