Nevin Aladağ

Nevin Aladağ · Sound of Spaces, Installations­ansicht, Museum Villa Stuck, 2021/202 © ProLitteris. Foto: Jann Averwerser

Nevin Aladağ · Sound of Spaces, Installations­ansicht, Museum Villa Stuck, 2021/202 © ProLitteris. Foto: Jann Averwerser

Nevin Aladağ · Chair Saz (Music Room, Athens), 2017, Holz, Stroh, Saiten, Hornornamente © ProLitteris, Wentrup, Berlin. Foto: Trevor Good

Nevin Aladağ · Chair Saz (Music Room, Athens), 2017, Holz, Stroh, Saiten, Hornornamente © ProLitteris, Wentrup, Berlin. Foto: Trevor Good

Hinweis

Nevin Aladağ

München — Eine Geige fährt Karussell, viele Runden. Immer wenn ihre Saiten den im Boden installierten Bogen berühren, erklingt ein Ton. Kurz, aber durch die Wiederholung eingängig, wie die ständige Drehung beim Derwisch-Tanz. Das Karussell steht auf einem Stuttgarter Spielplatz; die im ostanatolischen Van geborene und in Stuttgart aufgewachsene Künstlerin Nevin Aladağ (*1972) hat es 2015 für ihre Dreikanal-Installation ‹Traces› präpariert. Dafür hat sie Orte ihrer Kindheit aufgesucht und zum Klingen gebracht: Ein Akkordeon wird durch eine Wikingerschiff-Schaukel in Bewegung versetzt, eine Flöte durch die entweichende Luft eines Luftballons gespielt, und durch die Fussgängerzone rappelt eine Ocean Drum. Aladağ lässt Klänge und Bilder subtil in Dialog treten und komponiert daraus ein Triptychon, dessen Betrachtung fast in Trance versetzt.
Der Künstlerin, die in München studiert hat und im Anschluss wie so viele nach Berlin abwanderte, widmet das Museum Villa Stuck jetzt eine Ausstellung im gesamten Haus. Ein Glücksfall, denn das Werk entfaltet im Kontext der einstigen Künstlervilla eindrücklich Wirkung.
Das Städteporträt ‹Traces› und die zwei Jahre zuvor im Emirat Sharjah entstandene Projektion ‹Session› sorgen im Neuen Atelier für grosses Kino. Im Obergeschoss ist Platz für Aladağs Multifunktionsinstrumente, die sie zusammen mit Instrumentenbauern entwickelt. Aber auch die historischen Räume werden neu vermessen: In den Musiksalon ist ein ganzes Möbelorchester eingezogen. Und auch wenn sich der Satyr in Stucks Gemälde ‹Dissonanz› die Ohren zuhält, so dürfte ihn, was er zu hören bekäme, überwältigen: Die Kommode spielt Cello, der Stuhl mit der hohen Lehne ist eine Doppel-Saz und der Thonet-Garderobenständer fungiert als Harfe. Dass diese Klang-Skulpturen auch funktionieren, kann man bei Live-Aktivierungen erleben. Aladağ setzt John Cage und Fluxus mit anderen Mitteln fort und intensiviert sie durch Attribute und Techniken, die noch immer als weiblich gelten – ob in den Teppich-Collagen ‹Social Fabric› oder beim schwer symbolischen ‹Stiletto-Hammer›. Ausserdem spielt Tanz – wie bei ihrer Performance auf der Venedig-Biennale 2017 – eine Rolle. Weil ihr Horizont musikalisch, motivisch und ornamental die Kultur des Orients selbstverständlich miteinschliesst, ist die sinnliche Wirkung intensiv und unmittelbar. Und wenn ein Schellentamburin leise scheppernd eine Sanddüne hinunterkullert oder der Wind das Becken im Baum klingen lässt, sind das nicht surreale, sondern mystische Momente – uns zum Trost: In Nevin Aladağs betörendem Kosmos haben die Dinge eine Seele.

Jusqu'à 
20.02.2022
Institutionen Pays Ville
Villa Stuck Allemagne München
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Nevin Aladağ — Sound of Spaces 28.10.2021 - 13.03.2022 exposition München
Deutschland
DE
Artiste(s)
Nevin Aladag
Auteur(s)
Roberta, De Righi

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