Ruth Maria Obrist — Die Künstlerin und das Meer

Ruth Maria Obrist · Outre mer, 2020, Plastik recycelt, Papier genäht, ausgewaschen, 220 x 175 cm. Foto: René Rötheli

Ruth Maria Obrist · Outre mer, 2020, Plastik recycelt, Papier genäht, ausgewaschen, 220 x 175 cm. Foto: René Rötheli

Besprechung

Sie malt mit Teer, Wundtinktur und Leim. Tube und Pipette sind ihre Pinsel. Die Badener Künstlerin Ruth Maria Obrist zeigt mit unorthodoxen Materialien, weshalb formvollendete Minimal Art und Reflexion über eine kaputte Umwelt keinen Widerspruch darstellen müssen. Eine ganz schön schmutzige Angelegenheit.

Ruth Maria Obrist — Die Künstlerin und das Meer

Baden — Kennen Sie das? Endlich Ferien. Der Strand lockt. Sonnenhungrige Nordländer springen in die Wellen – da folgt die Ernüchterung: Teer auf der Haut. Die Badener Künstlerin Ruth Maria Obrist (*1955) eröffnet ihre Werkschau im Kunstraum Baden mit einer fulminanten Videoinstallation (Kamera: René Rötheli). Man hört Meeresrauschen. Wellen branden einem entgegen, ein rotbrauner Fels im Wasser wird von der Abendsonne beschienen. Sehnsucht nach dem Süden keimt auf, wären da nicht drei transparente Bahnen, die vor der wandfüllenden Projektion im Winde flattern und wie eine Bildstörung Schatten auf die Idylle werfen. Es sind verschmutzte Luftpolster­folien, von denen jede einzelne Noppe zerstört und dann mit Teertropfen aus der Pipette beträufelt wurde. Die Videoinstallation ‹Meer/Teer› führt direkt in die Klimakatastrophe. Denn dass das Meer krankt, lässt sich in der Schau unschwer erkennen. So breitet sich ein schwarzer ‹Ölteppich› mit eingebrannten Schiffsmotiven vor einem mit Bitumen und Leim bearbeiteten Tafelbild aus – graphitschwarz und umwerfend schön (‹Chaos organisiert X›). Der Läufer am Boden zielt auf ein hängendes Netz ­(‹Outre mer›), dessen Ursprungsmaterial, 66 A4-Halbkartons, die Künstlerin mit Corbusier-Blau einfärbt und zu einem grossen Rechteck vernäht. «Den Faden», so Obrist, «stellt eine Firma mit Plastikmüll aus dem Meer her.» Über Nacht legt die Künstlerin das Papier in einen Zuber ein und wäscht es anschliessend von Hand aus. Es bleibt ein Fadenraster mit blauen Restschnipseln und man denkt an ausgefischte Gewässer. Die Fragilität der Natur lässt sich fast mit Händen greifen. Eine tolle Arbeit.
Genauso unorthodoxes Material hält Ruth Maria Obrist der erkrankten Umwelt entgegen, wenn sie obsessiv das Antiseptikum Mercuchrom aus der Pipette auf Bildträger tupft und damit quasi die monochrome Malerei neu erfindet. Oder wenn sie Äste mit weissen Gipsbandagen verarztet und sie zu einem mannshohen Bouquet zusammenstellt. Urnenähnliche Gefässe an der Wand und ein monumentaler Würfel, der an ein stilisiertes Mausoleum erinnert, setzen den Schlusspunkt. Wird hier das Meer zu Grabe getragen? Die Künstlerin der streng reduzierten Form schlägt uns indes ein Schnippchen: Wer das Innere des White Cube betritt, findet sich in einem Vieleck ohne rechte Winkel wieder. Es schwindelt einem leicht und das Meeresrauschen klingt plötzlich aus der Ferne wieder ans Ohr. Sehnsuchtsmelodie. 

Jusqu'à 
06.02.2022

→ ‹Ruth Maria Obrist›, Kunstraum, bis 6.2.; Kunstbuchpräsentation, 18.–20.3. ↗ kunstraum.baden.ch

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Ruth Maria Obrist 12.01.2022 - 06.02.2022 exposition Baden
Schweiz
CH

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