Vivian Suter — Die hängenden Gärten von Panajachel

Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, 2021. Foto: Marc Latzel

Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, 2021. Foto: Marc Latzel

Atelier, Panajachel, Guatemala, 2018, Courtesy die Künstlerin und Karma International, Zürich; Gaga, Mexico City; Gladstone Gallery, New York/Brüssel; Proyectos Ultravioleta, Guatemala City; Stampa, Basel. Fotos: Flavio Karrer

Atelier, Panajachel, Guatemala, 2018, Courtesy die Künstlerin und Karma International, Zürich; Gaga, Mexico City; Gladstone Gallery, New York/Brüssel; Proyectos Ultravioleta, Guatemala City; Stampa, Basel. Fotos: Flavio Karrer

Atelier, Panajachel, Guatemala, 2018, Courtesy die Künstlerin und Karma International, Zürich; Gaga, Mexico City; Gladstone Gallery, New York/Brüssel; Proyectos Ultravioleta, Guatemala City; Stampa, Basel. Fotos: Flavio Karrer

Atelier, Panajachel, Guatemala, 2018, Courtesy die Künstlerin und Karma International, Zürich; Gaga, Mexico City; Gladstone Gallery, New York/Brüssel; Proyectos Ultravioleta, Guatemala City; Stampa, Basel. Fotos: Flavio Karrer

Vivian Suter, Atelier, Panajachel, Guatemala, 2018. Foto: Flavio Karrer

Vivian Suter, Atelier, Panajachel, Guatemala, 2018. Foto: Flavio Karrer

Fokus

Durch die grosse Halle, die noch leer ist, gehe ich an einem Raum vorbei, wo Mitarbeiterinnen der Tate Liverpool ausgelegte Werke untersuchen, und entdecke schliesslich Vivian Suter, die den Technikern auf der Hebebühne Anweisungen gibt. «Noch ein Bild, okay?» «Natürlich!» Danach treffen wir uns im Café des Kunstmuseums Luzern zum Gespräch. 

Vivian Suter — Die hängenden Gärten von Panajachel

Rebosura: Vivian Suter, wie fühlt es sich an, wieder in der Schweiz zu sein?
Suter: Ich komme gerne in die Schweiz. Aber ich glaube, ich könnte hier nicht mehr leben, da ich mich schon zu sehr an das Leben in Guatemala gewöhnt habe.
Rebosura: Sie kamen 1949 in Buenos Aires zur Welt. Ihre Mutter Elisabeth Wild, die erst letztes Jahr 98-jährig verstorben ist, war gebürtige Österreicherin, ihr Vater August Wild ein Schweizer. Mit dreizehn Jahren flohen Sie mit Ihrer Familie aus Argentinien, das im Chaos versank, und kehrten zurück nach Europa. Schliesslich liessen Sie sich in Basel nieder, wo Sie auch die Kunstgewerbeschule besuchten. Was bedeutet Heimat für Sie?
Suter: Heimat ist dort, wo ich lebe. Wenn ich hierher komme, habe ich auch das Gefühl, in die Heimat zu kommen. Wenn ich nach Argentinien gehe, ebenfalls. Gerüche rufen Erinnerungen meiner Kindheit hervor. Ich spüre immer noch eine starke Verbindung.
Rebosura: Einer Ihrer Lehrer in Basel war Franz Fedier, Sie lernten dort Ihren früheren Ehemann Martin Suter kennen, dessen Nachnamen Sie heute noch tragen, reisten viel und nahmen 1981 an einer Gruppenausstellung von Jean-Christophe Ammann in der Kunsthalle Basel teil. Wie beurteilen Sie in künstlerischer Hinsicht rückblickend Ihre Zeit in Basel?
Suter: Es war eine sehr spannende Zeit. Ammann, der ja auch hier in Luzern wirkte, war ein sehr vitaler, weitsichtiger Mensch. Er hat viel frischen Wind gebracht. Doch mit meiner Arbeit war ich stets isoliert. Der Grund, weshalb ich dann fortging, war, dass ich mich stärker auf meine Arbeit konzentrieren wollte. Denn es gab viele soziale Verpflichtungen. Und wenn man diesen nicht folgte, war es auch nicht gut.
Rebosura: Dadurch, dass Sie sich nicht nur in Basel in Ihr Studio zurückzogen, sondern ganz weg waren, stellte sich auch die Frage nicht mehr, ob man teilnehmen soll oder nicht?
Suter: Ja. Da ich weg war, wollte man auch gar nichts mehr von mir. Du bist einfach weg vom Fenster. Heute ist es anders in der Kunst. Man zieht gerne Künstler hinzu, die weit weg sind. Ich wollte mich von dem Ganzen trennen, auch von der Beeinflussung – denn man wird beeinflusst. Ich wollte selber etwas finden.
Rebosura: Eine Befreiung?
Suter: Ja, genau!
Rebosura: Zuerst gingen Sie nach L.A., dann nach Mexiko, um Azteken- und Maya-Ruinen zu sehen, und schliesslich ins Hochland Guatemalas. Wie es der persönliche und historische Zufall so wollte – das Land befand sich damals im Bürgerkrieg –, strandeten Sie in Panajachel am Lago de Atitlán, wo Sie seit 1982 wohnen. Wenn Sie sich zurückerinnern: Was bedeutete diese Ankunft für Sie?
Suter: Da war dieser See. Und die Vulkane. Auch die Maya mit ihren traditionellen Kleidern. Aber vor allem die Natur. Dies alles hatte eine starke Anziehungskraft auf mich.
Rebosura: Sie sagten mal: «Ich verliebte mich in die Würgefeige», die in der Kaffee­plantage steht, in die Sie später gezogen sind. Die Würgefeige ist ein Baum, dessen Samen über einen Vogel in der Krone eines anderen Baums landet, dann Luftwurzeln bildet, die zum Grund streben, sich um den Baum schlingen und ihn erwürgen – bis nach und nach der alte Baum stirbt und am selben Ort ein neuer steht. Sie wollten in der Abgeschiedenheit der Kunst auf den Grund gehen und etwas Neues kreieren. Erkennen Sie sich ein Stück weit wieder in diesem Baum?
Suter: (Lacht) Ja, das stimmt. Weil mir der Baum so gefallen hat, wollte ich dort bleiben. Die Bodenfliesen des Hauses werden aber jetzt durch die Wurzeln angehoben.
Rebosura: Wie ich gelesen habe, mögen Sie keine Interviews. Dennoch gaben Sie vor gut vierzig Jahren ein Selbstinterview, in welchem Sie auch über Ihre veränderte Kunstpraxis schrieben, die zuvor konzeptuell gewesen, nun aber freier sei. Frei, aber nicht leicht. Wie würden Sie nun die Entwicklung Ihres künstlerischen Prozesses beschreiben?
Suter: Alles ging sukzessive vor sich. Das Konzeptuelle kann man auch in der jetzigen Arbeit sehen, nur dass das Konzept ist, frei zu sein. Dass ich nicht im Voraus weiss, was ich mache. Dass ich überrascht werde von dem, was ich dann sehe. Dann auch die Materialien, die es nicht gibt, sodass man sich entsprechend anpassen muss und die, die es gibt, anders gebraucht. Die Pigmente stelle ich nicht selbst her, sondern ich kaufe Farben im Hardware Store, die ich dann mische, mit Regenwasser während der Regenzeit und Fischkleister – so ergeben sich unterschiedliche Konsistenzen.
Rebosura: Diese allmähliche Befreiung vom Konzeptuellen hört sich zwar einfach an, war aber wohl ein längerer, schwieriger Prozess?
Suter: Ja. Früher sahen meine Gemälde zu Beginn des Malprozesses auch schon so aus wie heute, aber ich konnte es mir damals nicht erlauben, sie so stehenzulassen. Jetzt kann ich es mir erlauben, weil ich die Erfahrung mitbringe. So merkwürdig es klingt, aber so ist es. Bei den «dicken Bildern» malte ich drüber und drüber und drüber. Jetzt nicht mehr.
Rebosura: Ja, Ihr Gestus ist jetzt leichter. Ein Resultat der Befreiung vom Konzept und von den Normen, in die man, auch durch die Kunstschule, sozialisiert worden ist?
Suter: Ja, Sich-erlauben-können.
Rebosura: Durch das Malen im Freien sei Ihr Malen noch freier, leichter geworden. Sie sagten einmal: «Ich bin in einer osmotischen Beziehung mit der Natur.» Und tatsächlich gleichen Ihre Gemälde semipermeablen Membranen, die durch Ihre eigene Art der Hängung wie eine atmosphärische Installation wirken, die atmet. Werke wie Wolken, wie Wälder, durchwoben von Ephemerem, Ereignissen und Erinnerungen. Die Künstlerin als Medium im Dazwischen und im Austausch von Innen und Aussen, Teilen und Ganzem, Himmel und Erde, Mensch und Natur, die so wenig wie möglich und so viel wie nötig dazugibt und für die malen wie atmen, wie leben ist – können Sie sich mit diesem Bild identifizieren?
Suter: (Lacht) Schön formuliert! Ja, doch, sehr.
Rebosura: Als Künstlerin hat man mal wenig, mal viel Resonanz. In Guatemala hatten Sie all das nicht. Einerseits eine Befreiung, andererseits waren Sie ganz auf sich allein gestellt. Später zog Ihre Mutter zu Ihnen. Wie war das für Sie?
Suter: Es war grossartig. Ich sah, woran sie gearbeitet hat, während sie wenig von meinen Sachen sah. Denn sie war sehr kritisch (lacht). Aber ich sah auch die Ähnlichkeiten in unseren Arbeiten. Etwa ein Thema, das in der Luft gelegen haben musste. «Ah, das ist ja wie meins!», sagte sie manchmal, ohne meine Arbeit zuvor gesehen zu haben. Es hat mir natürlich auch Mut gemacht, sie immer arbeiten zu sehen. Klar, wir haben uns auch gestritten. Jetzt bin ich allein. Und sie fehlt mir sehr … Aber sie ist da in der Ausstellung, was grossartig ist!
Rebosura: Sie gingen in der breiten Öffentlichkeit beinahe vergessen. Bis Adam Szymczyk 2011 als Kurator der Kunsthalle Basel im Archiv auf Material zur Gruppenausstellung von 1981 stiess, Sie daraufhin kontaktierte und die Ausstellung wiederaufführte. Später als künstlerischer Leiter lud er Sie an die documenta 14 in Athen und Kassel ein, die den «Suter-Rummel» auslöste. Wie haben diese Auftritte sich auf Ihr Schaffen und Ihre öffentliche Präsenz ausgewirkt?
Suter: Das weiss ich nicht. Sicher hat es etwas ausgemacht. Aber es macht mir grosse Freude, hier zu sein, in all die Länder zu reisen und dort Ausstellungen zu machen.
Rebosura: Und nun diese Retrospektive. Wie blicken Sie zurück?
Suter: Es freut mich wahnsinnig! Eine Zeit lang wollte ich die alten Sachen gar nicht mehr sehen. Doch jetzt macht es mir grosse Freude, ihnen wieder zu begegnen, und ich kann mich mit ihnen auch identifizieren. Ich sehe nun einen roten Faden. Auf einmal macht es Sinn.
Rebosura: Wie würden Sie diesen roten Faden beschreiben?
Suter: Ich kann ihn nicht beschreiben. Man muss ihn selber finden (lacht).
Rebosura: Sie erhielten dieses Jahr den Prix Meret Oppenheim, der nach einer anderen Künstlerin benannt ist, die ebenfalls spät Anerkennung erhielt. Wie es der Zufall so wollte, findet ihre Retrospektive gerade in Bern statt.
Suter: Oh, das wusste ich nicht! Meret Oppenheim schätze ich, sicher, ich habe sie damals kennengelernt. Wie auch Peter Fischli, David Weiss, Urs Lüthi und andere Künstlerfreunde.
Rebosura: Eine letzte Frage: Was für einen Rat würden Sie heutigen jungen Künstlerinnen geben?
Suter: Es waren ja alles Zufälle, die dazu führten, dass ich jetzt hier bin. Was ich vielleicht sagen kann, ist: dass man immer weiterarbeiten soll. Immer an sich glauben soll. Auch wenn man mal Zweifel hat.

Michel Rebosura, Kunstkritiker und Kulturjournalist, lebt in Luzern. michel.rebosura@gmail.com

Jusqu'à 
13.02.2022

Vivian Suter (*1949, Buenos Aires) lebt in Panajachel, Guatemala
1981 Eidgenössisches Kunststipendium; 1994 Kunstkredit Basel-Stadt; 2021 Prix Meret Oppenheim

Einzelausstellungen (Auswahl)
2021 Museo Reina Sofía, Madrid
2020 ‹Bonzo’s Dream›, Brücke-Museum, Berlin; ‹Tintin’s Sofa›, Camden Arts Centre, London
2019 Tate Liverpool; Nisyros, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Luxemburg
2015 Karma International, Zürich; ‹Panajachel›, The Mistake Room, Los Angeles
2014 ‹intrépida featuring Elisabeth Wild Fantasías 2›, Kunsthalle Basel
1993 ‹Vivian Suter – Unlängst gemalte Bilder›, Galerie Stampa, Basel
1983 ‹Vivian Suter – Bilder 1981–1983›, Kunstmuseum des Kantons Thurgau, Kartause Ittingen, Warth
1972 ‹Neue Arbeiten von Vivian Suter›, Galerie Stampa, Basel

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹En Plein Air›, High Line Art, New York
2017 documenta 14, Kassel/Athen
2018 Taipei Biennial – Post Nature: A Museum as an Ecosystem, Taipeh
2014 31. Biennale von São Paulo
2011 ‹6 Künstler aus Basel x 2›, Kunsthalle Basel
1981 ‹6 Künstler aus Basel›, Kunsthalle Basel
1978 ‹Sechs Basler Künstler›, Kunstmuseum Thun

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Vivian Suter — Retrospektive 06.11.2021 - 13.02.2022 exposition Luzern
Schweiz
CH

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