en passant — Im Ampeltheater

Pipilotti Rist · Tastende Lichter, 2020, Heimplatz, Zürich. Foto: Samuel Herzog

Pipilotti Rist · Tastende Lichter, 2020, Heimplatz, Zürich. Foto: Samuel Herzog

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en passant — Im Ampeltheater

«Hier bin ich, hier», ruft der Fahrer des Cabrios, der vor der roten Ampel am Zürcher Heimplatz steht. Er stemmt sich am Lenkrad hoch, hält sich mit der Linken am Rahmen der Windschutzscheibe fest, zieht den Revers seines silbernen Pelzmantels zur Seite, drückt die Brust heraus und schwingt die Rechte mit grosser Geste gen Himmel: «Hier, hier bin ich!» Die drei jungen Frauen auf dem Rücksitz des Wagens kichern. Der Teenager auf dem Beifahrersitz zieht die Schildmütze tiefer ins Gesicht.
Was den Silbermantel in Galastimmung gebracht hat, ist ein fuchsiaroter Scheinwerferkegel, der sich langsam über die klassizistische Fassade des alten Kunsthauses bewegt und tatsächlich wirkt, als suche er nach etwas. Die Stars aber, die Pipilotti Rists ‹Tastende Lichter› in den Fokus rücken, sind die Musen in den Nischen der Architektur, der Herr in Silber steht nicht auf dem Programm. Das moderne Diktum von den Bildern fällt mir ein, die in gewissen Situationen die Augen aufschlagen – ich glaube, Adorno hat es in die Welt gesetzt. Ja, denke ich, hier schlägt die Kunst wirklich die Augen auf – nur: Sie sieht dich nicht an.
Der Fahrer weiss nicht recht, wie es in seinem lichtlosen Theaterstück weitergehen soll. Also zückt er ein golden funkelndes Smartphone. Da springt die Ampel auf Grün, er lässt sich plumpsen, ein dumpfes Gurgeln, ein scharfes Quietschen, der Wagen zischt in Richtung See davon.

Samuel Herzog, Textbauer, Inselbauer, Schüttsteinschaffer. info@samuelherzog.net
Eine Textreihe in Kooperation mit der Fachstelle Kunst und Bau, Amt für Hochbauten, Stadt Zürich. Weitere Informationen zum Werk via QR-Code (in der Publikation) und artlist.net

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