Lubaina Himid — Die Welt als Theaterbühne

Lubaina Himid · A Fashionable Marriage, 1984–1986, Holz, Acryl, Plastik, Papier, Leinwand, Metall, Bücher und Alufolie, Masse variabel, Ausstellungsansicht MCBA, Lausanne, 2022. Foto: Jonas Hänngi

Lubaina Himid · A Fashionable Marriage, 1984–1986, Holz, Acryl, Plastik, Papier, Leinwand, Metall, Bücher und Alufolie, Masse variabel, Ausstellungsansicht MCBA, Lausanne, 2022. Foto: Jonas Hänngi

Lubaina Himid · A Fashionable Marriage, 1984–1986, Holz, Acryl, Plastik, Papier, Leinwand, Metall, Bücher und Alufolie, Masse variabel, Ausstellungsansicht MCBA, Lausanne, 2022. Foto: Jonas Hänngi

Lubaina Himid · A Fashionable Marriage, 1984–1986, Holz, Acryl, Plastik, Papier, Leinwand, Metall, Bücher und Alufolie, Masse variabel, Ausstellungsansicht MCBA, Lausanne, 2022. Foto: Jonas Hänngi

Besprechung

Wie präsentiert man vierzig Jahre intensiver künstlerischer Tätigkeit? Dieser Herausforderung stellt sich das Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne mit der ersten Schweizer Retro-spektive der Britin Lubaina Himid. Und es tut dies mit einer ­Reihe von offenen Fragen.

Lubaina Himid — Die Welt als Theaterbühne

Lausanne — Die Ausstellung beginnt bereits in der Empfangshalle. Dort erwarten uns die ersten Fragen, die auf grosse, von Kangas (ostafrikanische Textilien) inspirierte Fahnen gedruckt sind: «How do you spell Change?», steht auf einer. Angelehnt an die breite Palette an Themen, die Lubaina Himid (*1954, Sansibar) regelmässig aufgreift, hat die Kuratorin Nicole Schweizer im MCBA eine spannende Überblicksschau zur Künstlerin in Zusammenarbeit mit der Tate London konzipiert. Über siebzig Werke – Gemälde, poetische Texte und Klanginstallationen – werfen endlos Fragen über den Aufbau der Umwelt, Geschichte, Beziehungen und Konflikte auf.
«Welchen Plan hast du für dein intensives und kostbares Leben?» Für das Schaffen der britischen Künstlerin, die 2017 mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde und für ihr Engagement im Black Arts Movement der 1980er-Jahre bekannt ist, ist diese Verszeile von Mary Oliver zentral. «Es ist keine Frage, die eine Antwort erfordert», fügt Himid hinzu. «Es geht darum, das eigene Leben als veränderbar zu betrachten.» ‹Freedom and Change› heisst übrigens eines von Himids bekanntesten Werken: Die von Picasso inspirierte Wandinstallation zeigt zwei dunkelhäutige Frauen, die barfuss einen Strand entlanglaufen, von vier Hunden gezogen werden und das Siegeszeichen machen, wobei sie Männerköpfe im Sand zurücklassen – Zeichen dafür, dass sie ihr Schicksal selbst bestimmen. Weiter erinnert uns die Installation ‹A Fashionable Marriage› an eine Theaterbühne: Himid behält die Originalkomposition von ‹Mariage à la Mode›, 1743–1745, des britischen Malers William Hogarth, ersetzt die Figuren jedoch durch Politiker der 1980er wie Ronald Reagan und Margaret Thatcher oder durch Figurentypen. Diese Parodie des Welttheaters wird von zwei schwarzen Frauenfiguren dominiert.
Inspiriert durch die Theaterausbildung der Künstlerin und ihr Interesse für die Oper, ist die Ausstellung als Abfolge von Szenen konzipiert. Auf den ersten Blick entdeckt man eine bunte und fröhliche Welt – eine Explosion von Farben, die mit vielen geometrisierenden Elementen an afrikanische Kunst erinnert. Eine Welt, in der wir uns wohl, willkommen und sicher fühlen. Doch je schärfer unser Blick wird, desto grös­ser wird das Unbehagen. Was sich hinter diesen einfachen Szenen versteckt, sind Sklaverei, Rassismus, Intoleranz. Durch Himids Kunst fühlt sich die Zuschauer:in zerrissen – zwischen Schrecken und Hoffnung, Dunkelheit und Licht. Ein endloses Hin und Her wie zwischen Leben und Theater.

Jusqu'à 
05.02.2023

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