Bea Schlingelhoff — PAX

Bea Schlingelhoff · Installationsansicht Museum des Landes Glarus Freulerpalast, Intervention in der Sammlung, 2019. Foto: Gunnar Meier

Bea Schlingelhoff · Installationsansicht Museum des Landes Glarus Freulerpalast, Intervention in der Sammlung, 2019. Foto: Gunnar Meier

Bea Schlingelhoff ·Piece of Glass, 2019, Installationsansicht Museum des Landes Glarus Freulerpalast Detail. Foto: Gunnar Meier

Bea Schlingelhoff ·Piece of Glass, 2019, Installationsansicht Museum des Landes Glarus Freulerpalast Detail. Foto: Gunnar Meier

Besprechung

Während seines Umbaus nutzt das Kunsthaus Glarus ­andere Ausstellungsorte. Aktuell zeigt die Zürcher Künstlerin Bea Schlingelhoff eine Schau im Museum des Landes Glarus und befragt in einer zweiteiligen Intervention die Präsentations­formen im historisch aufgeladenen Gebäude.

Bea Schlingelhoff — PAX

Näfels — Das Museum des Landes Glarus befindet sich im Freulerpalast, einem prunkvollen Gebäude, das einmal das Zuhause des Glarner Gardeoffiziers Kaspar ­Freuler war. Im 17. Jahrhundert machte er sein Vermögen im Kriegsgeschäft. Kein Wunder, dass militärische Ausrüstungsgegenstände in einer grossen, permanenten Präsentation über zwei Etagen der Remise im Innenhof gezeigt werden. Die Arbeit ‹PAX› von Bea Schlingelhoff (*1971) fängt hier an, in dieser Ausstellung, wo Söldnerdienst, militärische Griffwaffen oder ‹das Glarner Bataillon 85 im Dienst vom Zweiten Weltkrieg bis heute› thematisiert werden. In den Sälen mit den raumhohen Schaukästen hat die Künstlerin fast alle Plexiglasscheiben der Vitrinen entfernt. Dadurch wirkt der Inhalt einerseits fragiler, leichter zu beschädigen, andererseits bedrohlicher. Jedenfalls würde man eine am Boden liegende, mit ihrem Maschinengewehr auf uns zielende Schaufensterpuppe lieber durch ein Schutzglas betrachten. Schlingelhoffs einfache Geste verursachte grosse Aufwände: Die Sicherheitsanforderungen der Glarner Kantonspolizei mussten entsprechend budgetiert und erfüllt werden. So mussten die Waffen mit dünnen Metallschnüren fixiert werden. In der Folge kreist die Schau nun auch um das Verhandeln des Ausstellens unter veränderten Bedingungen. In den Sonderausstellungsräumen des Hauptgebäudes wurden die entfernten Scheiben zum ‹Piece of Glass› gestapelt – so, als würden sie irgendwo im Museum gelagert; in einer Galerie sind niedrige Vitrinen gleich einer minimalistischen Boden­skulptur arrangiert. Ausserhalb des üblichen Kontexts sieht das Material neutral und nichtssagend aus, allerdings erinnern uns ein paar übrig bleibende Titel in PVC-Buchstaben daran, inwiefern die Rahmung eines Gegenstands dessen Lesung bestimmt. Das finale Ausstellungselement im Haus ist Bea Schlingelhoffs ­‹Wimmenfesto›, seit 2017, ein ambitiöses Manifest, das Gleichberechtigung der Geschlechter in Kunst­institutionen verlangt und frauenfeindliche Haltungen anprangert. Es ist von der Künstlerin und von Judith Welter, der Leiterin des Kunsthauses Glarus, aber nicht von Bettina Giersberg vom Freulerpalast unterzeichnet. Das Museum basiert zu einem grossen Teil auf einer militärischen Geschichte, die kaum Platz für Frauen hatte; umso dringlicher scheint Schlingelhoffs Eingriff. Sie stellt in Frage, was aufbewahrt wird, wie und warum. Wo sind die (hier) unsichtbaren weiblichen Beiträge? Und, darüber hinaus: Warum ist der Pazifismus heute aus der Mode gekommen? 

Jusqu'à 
10.11.2019

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